Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 19 (21.9.1917)
- Date
- 1917-09-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5' Nr. IS. der christlichen Bevölkerung, besonders jene, welchen die Einsichtnahme in den Tatsachen leicht zugänglich ist, können nicht freigesprochen werden, wenn sie zu derartigen tendenziösen Behauptungen schweigen. Die armen Juden übertreffen heute an-Zahl die wohlhabenden bedeutend. Die armen jüdischen Handelsagenten machen heute kein Geschäft und hungern. Die jüdischen Angestellten aller Art sind sehr zahlreich, gehören aber heute, wie alle Angestellten, zu den Geleimten. Am besten sind noch die jüdischen Arbeiter daran, deren es verhältnismäßig viele gibt, trotzdem es die Judenfeinde konsequent verschweigen oder bestreiten. Unter den schon im Morgengrauen um Lebensmittel „Angestellten" finden sich auch viele Juden und Jüdinnen, die gewiß nicht zu den Millionären zählen, doch müssen diese täglich solche gehässige Schimpfereien auf ihre Glaubensgenossen anhören. Jst^darunter keine geheime unchristliche Verschwörung zu vermuten? Uebertreffen die Scharen der agrarischen Preistteiber heute nicht die der jüdischen in Wahrheit ungeheuer? Sind alle Fabrikanten und Großhändler, alle Kriegslieferanten und sonstigen Kriegsgewinner Juden? Eie jüdische Bevölkerung trägt an den Härten des Krieges genau so schwer, ja häufig noch viel empfindlicher als ihre arischchristlichen Bürgergenossen. Sie entziehen sich vaterländischen Pflichten ebenso wenig wie die christlichen Oesterreicher und wenn solche Entziehungen Vorkommen, so nehmen Arier ebenso daran teil wie Juden und wenn die verwaltenden Stellen immer einwandfrei fungieren würden, wären solche Vorkommniffe unmöglich. Viele Sünden christlicher Bürger werden aber mtt dem Mantel christlicher Liebe verdeckt, der Jude aber soll auch dann verbrannt werden, ivenn er nichts verbrochen hat. Der Fall Professor Braun ist typisch. Der allgemein geachtete Gelehrte sollte lange schon wegen Mangel an Beweisen von der Anklage befreit werden, aber nein, auf höheren Befehl mußte der Tendenzprozeß weitergeführt werden. / Wenn eine Lehrperson einem diebischen Kinde Gelegenheit zu einem weiteren Diebstahle gibt, um einen früher begangenen nachzuweisen, dann wird sie mit Recht als unpädagogisch und unmoralisch gewertet und — bestraft,- wenn aber Polizei und Gericht Lockspitzeln aufftellen, um schwerbedrängte Leute zu einer Bestechung zu verführen, dann soll dies zulässig sein? Wohl gibt es leider moralisch minderwerttge Juden, aber auch Christen, si.e sind es trotz Judentum und Christentum. Weder die Lehren des Judentums noch die des Christentums verschuld<m deren Taten. Die größte Empörung jedes ehrlichen, rechtlichen Menschen fordern aber tendenziöse Brunnenvergistungen heraus, die bewußt begangen werden. Es mag unter den polnischen Juden viel minderwertige geben, da dieses Land ja überhaupt' in der Kultur nicht vollwertig ist, aber unwahr ist es, daß alle verächtlich seien. Sind alle unsere Mitbürger, auch wenn sie das Christentum bekennen, durchwegs achtenswert? Barbarisch, ja verbrecherisch ist es aber, diesen polnischen Juden tin Augenblicke, wo sie der Krieg arg geschädigt und aus ihrem Vaterlande ausgedrängt hat, gehässig und erbarmungslos entgegenzutreten. Was soll man > aber dann dazu ^agen, wenn ein jüdischer Gemeinderat, der seinerzeit sein Judentum gegen einen edlen und hochgebildeten Glaubensgenossen deswegen betonte, weil der Konkurrenzkandidat konfessionslos rvar, nun den Judenfeinden in ihrem häßlichen Kampfe gegen die jüdischen polnischen Flüchtlinge / hilft? Die Herren Dr. Mataja und Konsorten dürsten sich denn doch ein wenig irren, wenn sie denken, nach Schluß dieses allgemeinen Wettunglückes, des allschädigenden Wettkrieges, die Verhättniffe und Tatsachen zu Gunst«« ihrer persönlichen Wünsche umlügen und umformen zu können. Das gewalttge allgemeine Unglück hat die Menschen schärfer beobachten und — denken gelehrt. Der Wettkrieg wird sich kaum dazu ausnützen lassen, um die kleinlichen, unaustichttgen christlich-sozialen Parteiinteressen zu stärken. Die vielen und großen Si'mden der Agrarier, Fabrikanten und Händler der christlich-sozialen Partei, welche an der Wiener Bevölkerung seit langem schon und besonders arg in der Zeit der Kriegsnot begangen wurden, wurden zu empfindlich verspürt, um sie schnell wieder in Vergessenheit bringen zu können. Auch eine ivieder entfachte, frisch fröhliche Hetze gegen die jüdischen Mttbürger wird nicht viel helfen, denn die Leute kennen den Witz des verfolgten Diebes, der anderen Leuten mit dem Ruse: „Haltet den Dieb" nachrennt. R. L. Zur jüdische« Korrgretzfragr in Oesterreich. Bon B. b. I. II. Sind dann durch früher erwähnte Reorganisatton der Kultusgemeinden, die möglichst rasch und energisch erledigt werden müßte, die imbedingt nötigen Voraussetzungen für das Zustandekommen des Kongresses geschaffen, so könnte die tatsächliche, dirette Kongreßarbeit begonnen werden. Die etwaigen Hindernisse im eigenen Lager wären beseitigt. 9hm ist aber die Frage, von wo, vor: wem und wieviele Vertreter von überall zu entsenden wären, dann auch, w i e diese Vertteter, oder sagen wir, auf Grund welchen Wahlschemas diese Herren geivähtt lvürden. Ich sage ausdrücklich Herren; ob auch Frauen das passive Wahlrecht zugesprochen werden sollte, will ich an einein späteren Punkte dieser Ausführungen näher erörtern. Nun zur Beantwortung der Fragen, die ich oben aufgestellt habe: Die beste Wahlkreiseinteilung dürfte mit Zugrundelegung der Einteilung in Kultusgemeinden geschaffen werden. Dadurch wäre eine große Arbeit an OrganisattonsMaßnahmen, wie Gründung von Durchführuugskomitees, vergleichende Stattstiken zur Einteilung der Wähler usw., diese ganze ungeheure Arbeit wäre erspart! Jede Kultusgemeinde soll also ihre Vertreter haben! Da wir aber in Oesterreich eine Unzahl ganz winzig-kleiner Gemeinden haben, in denen die Zahl der Steuerträger oft blos 20 bis 30 vettägl, so wären selbstverständlich solch kleine Ortschaften gegen größere Städte in großem Vorteile. Daher müßte eine ausgleichende Differenzierung stattfinden, so daß je nach Anzahl der Steuerträger mehrere solcher kleiner Gemeinderz zu einenr einzigen Wahlbezirk zusammengefaßt lvürden. So umfaßte dann der eine Wahlbezirk eine größere Stadt, der andere wieder zwei kleinere oder ruehrere Dorfgemeinden. Unbedingt wird aber dann jede Parteigruppe eines Wahlbezirkes zumindest je einen Vertreter zu entsenden haben. Je nach Anzahl der Wähler können es aber auch rnehrere sein, von wievielen jeder gewählt werden muß, oder deutlicher: auf wieviele Wähler ein Vertreter kommt, ob auf 200.oder mehr, sei dann dem Organisattonsausschuß anheimgestellt, der jedenfalls den nöttgen Ueberblick über die Juderrschaft besitzen wird. Wir wollen doch kein Monstre- Parlament von einigen tausend Vertrerern. sondern eine Arbeitsgemeinschaft von höchstens 500 Mitgliedern. Da wird es sich ja leicht ausrechnen lassen, wieviele Wähler einen Abgeordneten wählen können; lväre — und das wollen wir doch zumindest hoffen — der jüdischen Arbeitsgemeinschaft eine längere Dauer beschieden, dann wird die Zahl natürlich verschiedenen Schwankrmgen ausgesetzt sein