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Die Wahrheit · 1917-09-06 · Heft 18 (6.9.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 18 (6.9.1917)
Date
1917-09-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18. Die Wahrheit Seite L. Moißl zu Obmannstellvertretern sowie die Herren Adalbert Brendtel, Bezirksrat Günther und Bezirksrat Zisarsky in den weiteren Ausschuß gewählt. Alle Zuschriften sind zu richten an den Obmann: Dr. Leopold B l a s e l, Wien, II., Große Zufahrtsstraße 124. Zur polnischen Jndenkrage. Bon *° * * HI. Den Juden hätte übrigensdie deutsche Verwaltung einen fatalen Dienst erwiesen, wenn sie nach gewissen Rezepten gegen die Polen hätte ausspielen wollen. Das ist alte russische, aber keine deutsche Politik. Der russische Generalgouverneur mag gesagt haben: „Ich hetze die Juden gegen die Polen und die Polen gegen die Juden! Divide et impera!" Eine derartige Politik ist gemein, aber nicht einmal gescheit, wie im politischen Leben gar oft Zweifel bestehen, ob eine Taktik eine dumme Schlauheit oder eine schlaue Dummheit ist. Gewisse Schriftsteller und Politiker hatten außerdem auf den offenen Markt die politische Weisheit verkündet, daß die polnischen Juden leicht zu germanisieren seien und daß sie bei Förderung jüdisch-nationalistischer Gedankengänge Träger deutscher Interessen sein könnten. Hätte diese Polittk überhaupt brauchbar sein sollen, dann hätten die Herren, die jetzt durch die Warschauer Briefe andere besonderer Kurzsichtigkeit bezichtigen lassen, wenigstens so pfiffig sein müssen, ihre politische Weisheit nicht vor aller Welt auszuposaunen. Die Polittk war unmöglich, sobald man sie bekannt gemacht hatte. Sie war es aber für denkende Menschen vorher. Man kann mit einer Minderheit von 15 Prozent, die sich zudem, soweit die Masse in Betracht kommt, in einer gedrückten und bei dem mangelnden historischen Verständnis der Menschen und ihrer Unduldsamkeit in einer verachteten Lage befindet, keine Polittk gegen die Landesmehrheit von 80 Prozent machen. Ein Polittker des prakttschen Lebens sage, wie man das macht. Deutschland, das deutsche und Heine jüdisch-nationalisttschen Interessen zu vertreten hat, hätte sich, aber auch die Juden in eine heillose Situatton den Polen gegenüber gebracht, wenn es als der Beschützer der nattonalisttschen Bewegung ausgetreten wäre. Es gibt Leute, die meinen, daß man sich damit wenigstens außerordentliche Sympathien im neutralen Ausland erworben hätte. Der Perfidie hätte man dort Deutschland beschuldigt — und das nicht ohne Grund. Naiv aber ist der Glaube des Briefschreibers, daß man die jüdische Bevölkerung Polens durch eine jüdisch-nattonalisttsche Polittk zu zuverlässigen Freunden Deutschlands hätte machen können. Die polnischen Juden ttaten uns, als den Befteiern vom brutalen zaristischen Joch, mit Sympathien gegenüber; die Sympathien haben abgenommen, weil die harten Kriegsnotwendigkeiten mit ihren wirtschaftlichen Schädigungen, für die man sich bei England bedanken mag, schwer auf der jüdischen Bevölkerung lasten. Sie haben in Ober-Ost, das in den Briefen wegen seiner mehr nattonalisttschen Polittk rühmend gegen das Generalgouvernement Warschau ausgespiell wird, mehr abgenommen als in Polen. Das beweist, daß durch eine jüdisch-national gerichtete Polittk noch lange keine Sympathien gewonnen werden. In den weitesten jüdischen Kreisen. in Polen wird es jedenfalls durchaus gebilligt, daß die Verwaltung sich in die inneren Stteittgkeiten des polnffchen Judentums nicht eingemischt hat. Nun heißt es aber in dem „Zwetten Warschauer Brief": „Statt die großen Massen der national gesinnten Juden (die „Volksgruppe" und die Zionisten) durch kluges Erfüllen berechttgter Wünsche zufrieden und in deutschfreundlicher Gesinnung zu erhallen, legt man ihnen Schwierigketten in den Weg. Das gut gekettete (in „jüdischer" Sprache gedruckte) „Warschauer Tageblatt" hat man sein Erscheinen einzustellen genöttgt, und man fördert statt dessen das sett dem 1. Februar d. I. erscheinende „Jüdische Wort". Durch dieses suchen die beiden vorhin erwähnten deutschen Rabbiner, die für Deutschlands Interessen offenbar des „rechten Verständnisses" ermangeln, die Juden Polens gegen deren Willen zu polonisieren und vermehren und verttefen nur die zwischen den dorttgen Juden vorhandenen Gegensätze." Die Darstellung entbehrt nicht eines gewissen Humors. In Warschau pfeifen es, weil es die Zionisten selbst erzähllen, die Spatzen vom Dach, daß von zionistischer Seite eines Tages eine Beschwerde an die deutsche Verwaltung kam, in der gegen die Haltung das „Warschauer Tageblatts" scharf protestiert wurde, sei unerhört, daß die deutsche Verwaltung das jüdisch-nationalistische „Warschauer Tageblatt" herausgebe, das in einem „üblen Gassentone" die Masse verhetze, und dessen Redatteure bedenkliche „Demagogen" seien. Als die Verwaltung einige Monate später diese unnöttge Gründung aus den ersten Tagen der Besetzung von Warschau eingehen ließ und ohne jede Unterstützung ihrerseits der Orthodoxie gestattete, für ihr Geld und auf ihr Risiko eine Tageszeitung „Das jüdische Wort" herauszugeben, drückte allerdings die zionistische jüdische Rundschau in Berlin ihr „höchstes Beftemden" aus und in dem Arttkel waren die Demagogen von gestern plötzlich „die bekannten ostjüdischen Schriftsteller" geworden. Es ist also nicht ganz so leicht, die „berechttgten Wünsche" der Volksgruppe — das sind die Nattonalisten — und der Zionisten zu erfüllen. Auch folgendes mag ftöhlich stimmen: die beiden deutschen Rabbiner, „die für Deutschlands Interessen offenbar des rechten Verständnisses ermangeln", werden von den jüdisch-nattonalisttschen und zionistischen Freunden des Briefschreibers in Warschau als deutsche Agenten verschrieen. Der Mangel an Objektivität des Briefschreibers und seiner Jnformattonen zeigt sich übrigens in den Auslassungen über das orthodoxe „Jüdische Wort". In Warschau erscheint eine nationalistische und zionistische Tageszeitung in jüdisch-deutscher Sprache. War es ein Unrecht, daß nun auch der großen orthodoxen Masse eine Tageszeitung gestattet wurde? Tatsächlich aber rast man auf jüdisch-nattonalifttscher Seite gegen die Orthodoxie, seit sie sich organisiert hat und sett sie eine Tageszeitung besitzt. Der Grund ist offensichtlich der, daß man die politische Konkurrenz der Orchodoxie fürchtet. Abgesehen von den jüdisch-nattonalisttschen und zionistischen Führern wttd niemand der deutschen Verwaltung einen Vorwurf daraus machen, daß sie auch die Orthodoxie leben läßt. Daß die Orthodoxie sich bestrebt, zu den Polen ein gutes Verhältnis herzustellen, ist durchaus verständlich. Würde die deutsche Verwaltung ihr deswegen Hindernisse in den Weg legen, so würde sie damtt den deutschen Interessen unseres Erachtens nicht dienen; Sie würde aber in unheilvoller Weise den Eindruck erwecken, daß sie im Lande Zwiettacht schaffen und bestehen lassen will. Im übrigen hat man in Polen allerdings die Ueberzeugung, daß die deutsche Verwaltung. den Empfindungen der Orthodoxie Verständnis entgegenbringt und daß sie, wie. es ihre selbstverständliche Pflicht ist, ihren religiösen Anschau ungen Achtung entgegenbringt. Es wäre eine wahrhaft gllrckliche Entwicklung, wenn das polnische Judentum nicht plötzlich liberalisiert und seiner Tradition beraubt würde, sondern wenn die Orchodoxie sich aus sich selbst heraus modernisieren würde, ohne die alle Glaubenstreue zu verlieren. Schließlich übt der Verfasser der „Warschauer Briefe" Krttik an der Verordnung über die Organisatton der Mischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau. Zwar gibt er zu, daß die Verordnung einen Fortschritt

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