Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 18 (6.9.1917)
- Date
- 1917-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4. Die Wahrheit Nr. 18. Wir sind alle Parvenüs in ihren Augen. Wir kamen lange, lange danach angehumpelt — und machten unser Ideal nach dem, der kein Gott für sie ist — sondern ein Jude — den die Welt anbetet. Sie sonnen sich in dem Gedanken. Wir Christen hatten die Macht, die wir ja gegen sie jahrhundertelang mißbraucht haben — vor ihr mußten sie sich beugen — aber in iheem Innern lachten sie uns aus — wir können ihr Leben auslöschen, das sie übrigens ungern hergeben — sie aber tragen ihr Ideal unter ihren schmutzigen Lumpen. Die Mißhandlung durch jene Namen — die der Beamtenstand unter Kaiser Josef H. ihnen aufgezwungen — ist die roheste, die gegen Menschen verübt wurde — weil sie ins Seelische trifft, zu ewiger Verhöhnung — von Geschlecht zu Geschlecht. Pulverbestandteil, Kußmaul, Darmgerassel, Dreckfresser, Unterleibsgeschwür, Leibschleim — und noch entsetzlichere — das sind Namen, die man sie als eigene anzunehmen gerrötigt hat. Und sie tragen sie — und schweigen — und warten auf ihren Messias, der die Erniedrigung von ihnen nehmen soll. Kommen in die Welt hinaus und machen manchen dieser lächerlichen und ekelhaften Namen berühmt. So viel über die Aermsten, die Edelsten — von dem auserwählten Volk — da draußen im Osten bis tief ins schwärzeste Rußland. Als ich jung war — in den Siebzigerjahren — traf ich den Dichter Auerbach in Berlin. Und ich wußte, wie unsagbar er unter der Bewegung des Antisemitismus litt, die damals in Deutschland ziemlich neu war. In einer Gesellschaft — erzählte..er mir selbst — hatte ein taktloser Herr sein Glas erhoben und zu ihm gesagt: „Es wäre schön, Herr Auerbach, wenn alle Juden so wären, wie Sie." „Aber da nahm ich mein Glas", sagte Auerbach, und entgegnete: „Ja, es märe schön, — wenn alle Christen so wären, wie ich." Die Fehler der Juden liegen offen zutage und sind genau so unbeliebt bei den Besten ihrer eigenen Rasse, wie bei den Christen. Die weniger Bemittelten von den Juden, die unter uns Christen um ihre Existenz kämpfen, zeigen oft eine Unermüdlichkeit, die wir aufdringlich nennen. Und führt ihre Tätigkeit sie außerhalb Deutschlands — besonders ihre Handlungsreisenden — so sollten sie vorsichtiger in ihren Formen sein, als sie oft sind — denn sie schaden dem Volke, dem sie angehören. Bewahre — ich habe sogar sehr Gebildete unter diesen Handlungsreisenden getroffen — und zeige daher in doppelter Absicht mit dem Finger auf diejenigen, die so ungünstig wirken. Mer, wenn wir uns aufs hohe Pferd setzen und sagen: ffiir sind nicht wie sie — und meinen die Juden im allgemeinen, da sollten besonders die Deutschen in dieser Zeit einsehen lernen, wie ungereimt sich so etwas ausnimmt. Denn es ist" genau dasselbe, was ihre Feinde heutzutage ihnen gegenüber tun." Demokratischer MSHleroerei« Mie«. Montag, den 6. August, fand in Tischlers Restauration in der Schauflergaffe die Konstituierung des Demokratischen Wählervereines statt. Einer der Proponenten, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Braun, führte aus, daß der neue Verein die Demokratisierung der Verwaltung von Staat, Land und Stadt, den Ausbau der Wahlordnung in den verschiedenen Verttetungskörpern, die Einführung des Frauenwahlrechtes und der Kreiseinteilung bei Aufhebung der Landtage, Geltendmachung der rein demokratischen Prinzipien auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens bezwecke und auf die Förderung der Konsumenteninteressen, insbesondere die der Fixangestellten und Beamten aller Kategorien, und auf die Versorgung der Invaliden, Witwen und Waisen in würdiger Form sein Hauptaugenmerk richten werde. Er wies auf die Fehler und Unterlassungen von Stadt und Staat hin, ohne daß die Opposition energisch dagegen Stellung genommen hätte, und geißelle mit scharfen« Worten den Nationalitäten-. Hader, der zwar die Gemüter erhitze, aber die Köpfe auch ausgehöhlt habe. Er wies weiter auf den mangelnden polittschen Charakter der Mandatsttäger hin und machte für die schlechte Approvisionierung Wiens den Bürgermeister Dr. Weiskirchner verantwortlich, der aus parteitattischen Gründen der habgierigen nachbarlichen bäuerlichen Bevölkerung, aus Furcht, die Mehrheit im Landtage zu verlieren, nicht' energisch entgegenzutteten wage.- Dr. Braun trat weiter für die Abschaffung der Fideikommisse, für Durchführung von Reformen auf dem Schulgebiete ein, ebenso für die Verstaatlichung der Matrikenführung, Einführung der fakultativen Feuerbestattung und verlangte sofortige Aufhebung der Zensur sowie jeder weiteren Bevormundung des Volkes, das seine Reife in den drei Kriegsjahren genügend gezeigt habe. Der nächste Redner, Gemeinderat Moißl, erklärte, daß der Kampf gegen jeden Parteibureaukratismus energisch aufzunehmen sei, verdammte die unglückselige Bezirksbergerei und tadelte die immer mehr und mehr überhandnehmende Halbheit und Lauheit in fteiheitlichen und kulturellen Fragen. Da Parteien sich bekanntlich nicht bessern und es den freiheitlichen Parteien an politischen Köpfen fehle, sei die Vereinsgründung ein Gebot der Notwendigkeit und müsse durch Bildung eines neuen Organismus allen Tüchtigen im öffentlichen Leben, freie Bahn geschaffen werden. Es sei beklagenswert, daß gerade Wien, der Sitz der Zentralen, so mangelhaft approvisioniert sei, und es werden die heimkehrenden Krieger die Schuldtragenden zur Verantwortung ziehen, daß' Weib und Kind lediglich infolge der schlechten Verwaltung hungern und frieren mußten. Bezirksvorsteher Dr. Blasel erklärte die neue Vereins- - gründung als dringende Notwendigkeit für unser versumpftes öffentliches Leben, weil endlich Hoffnung vorhanden sei, daß die Bevölkerung einen Ort finden werde, wo sie ihre berechttgten Klagen Vorbringen werden, diese gegen jedermann zu vertreten. Es bedarf einer neuen Partei, die in' ihrer Mitte Männer habe, Taten vollführe und reich an Gedanken sei. Auch die bürgerlichen Parteien müßten ein Herz für Arbeiterelend haben und müssen energisch und unerschrocken gegen jede Behinderung der Staatsbürger in Ausübung ihrer staatsgrundgesetzlichen Rechte den Kampf nach oben uud auch nach unten führen. Es sei oft widerlich gewesen, wenn sich die freiheitlichen Parteien um ein lumpiges Mandat wie Hunde um einen Knochen gerauft hätten, nicht aus ideologischen Gründen, sondern einzig und allein aus Gründen des Ehrgeizes oder in praktischer Wahrung der eigenen Interessen. Die Privilegien, Vor- und Sonderrechte des Feudaladels müssen endlich einmal verschwinden und der Kampf gegen die Auswüchse der Plutokraten kann nicht energisch genug geführt werden. Die Schulen müßten schon zu Beginn des nächsten Schuljahres ihren Zwecken wicher gewidmet werden. Der sogenannte Burgfriede war für die Interessen der Bevölkerung schädlich und nur im Interesse der herrschenden Partei und ihrer Unterläufeln gelegen. Redner werde ohne Rücksicht'auf denselben die berechtigten Forderungen der Bevölkerung durchsetzen sich bestreben. Die Erlassung der Amnestie begrüße er auf das fteudigste, denn mit Kerker und Galgen sei noch kein Volk glücklich regiert worden, und diese Beseitigung der unglücklichsten Folgen des Stürgkhschen Absolutismus sei der erste Schritt auf der demokratischen Bahn, die Volk und Staat zum Heile führen werde. - Nach diesen mit großem Beifall aufgenommenen Reden wurden die Wahlen in den Vereinsvorstaud vorgenommen und hiebei Herr Bezirksvorsteher Dr. Blasel zum Obmann, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Max Braun und Gemeinderat