Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 17 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 17. -argen die Thorarollen und einige Tempelgeräte und erreichten halb betäubt wieder das Freie. Me Feuerwehr hatte indeffen mit ihrer Arbeit begonnen, hie in erster Linie die Lokalisierung des Brandes und Verhütung des Uebergreifens der Flammen auf die Seitentrakte, m deren einem die außerordentlich wertvolle Bibliothek untergebracht ist, anstrebte. Unter größten Schwierigkeiten gelang dies und um 12 Uhr konnte der Arand als lokalisiert betrachtet werden. Das Innere des Tempels ist so gut wie vollständig zerstört, alles was brennbar ist, ist ausgebrannt, aber die Mauern stchen. Von anderer Seite wird gemeldet: Tempeldiener sagen aus, daß sie in der Vorhalle des Tempels Besucher mit brennenden Zigaretten gesehen haben, so daß man annimmt, daß der Brand durch eine weggeworfene Zigarette entstanden sei. Der Tempel ist mit Korkmatten belegt und eine solche Korkmatte scheint auf der Galerie in Brand geraten zu sein. Gne andere Version geht dahin, daß die Ursache des Brandes ein Kurzschluß wäre. Den Brand bemerkte der Sohn des Tempelportiers Lowy, der in dem linken Hof des Hauses Nr. 3 der Tempelgaffe mit mehreren Kameraden spielte. Er sah aus den Rosettenfenstern der linken Galerie Rauch auffteigen und verständigte sofort seine Mutter, die dann den Hauptportier Schramm verständigte, der die Feuerwehr berief. Schramm selbst eilte mit mchreren Männern, darunter dem Polizeidetektiv Eiginger, Herrn Schüler und anderen beherzten Männern, in den Tempel, um die Bundeslade zu bergen. Es gelang den Männern die Thorarolle, die Silbergeräte und die großen Girandolen zu sichern. Auch das Ewige Licht wurde vom Portier Schramm in Sicherheit gebracht. Unterdessen war die Filiale der Leopoldstädter städtischen Feuerwehr vorgefahren und begann den Brand von der linken Seite aus und dem Haupteingang zu bekämpfen. Die Flammen schlugen bereits durch die Fenster heraus und die Fensterstöcke des Hauses Nr. 3 in der Tempelgaffe, welches noch zum Komplex des Tempels gehört, begannen bereits zu brennen. Nach Verlauf einer Stunde war nur die Bekämpfung des Feuers im Innern des Tempels möglich. Die ganze linke Seite des Gotteshauses war abgebrannt. Die zweite Galerie war teilweise eingestürzt. Die rechte Seite sowie das Parkett des Innern des Gotteshauses wurden gerettet. Nur haben die Bänke und die Utensilien durch das Wasser stark gelitten. Durch das Herabstürzen der Steine und brennenden Holzteile sind zahlreiche Beschädigungen entstanden. Auch die Holzbestandteile der Bundeslade und die Glasdächer haben stark gelitten. Auf dem Brandplatze hatten sich eingefunden: Statthalter Baron Bleileben, Stadtkommandant GM. Mosstg, Polizeipräsident Gayer, Bürgermeister Dr. Weiskirchner, Gemeinderat Dr. Schwarz-Hiller, Bezirksvorsteher Blasel und Funktionäre des Bezirkes und der Kultusgemeiude. I«r polnischen Indrnfeage. Von * * * n. Der Chassidismus war früher durchaus bildungsfeindlich; er fürchtete, daß auch das kleinste Maß allgemeiner Bildung die Menschen der alten strengen Gesetzestreue entfremden könne. Die Knaben wurden in den „Chederschulen" erzogen. Religionsschulen, in denen nur aus Bibel und Talmud in die Mdrsch-deutsche Sprache übersetzt wird, und in denen — nicht nur, well es von den Russen befohlen war, sondern mit eigener freudiger Billigung — keinerlei Elementarunterricht erteilt werden durfte. Merkwürdigerweise erlaubt der Chassidismus dem Mädchen eine moderne Erziehung; -der er zwingt die Töchter mll der ganzen Autorität, die. die Orchodoxie gerne den Elteyr ^verleiht, später zur Ehe mit den anders erzogenen Männern. Ehekonflikte sind bei dem starken durch die Erziehung geschaffenen Kulturgegensatz unausbleiblich. Cs ist in. hohem Maße— von der Tätigkeit der deutschen Schulinspektoren abgesehen — den Einfluß zweier in den „Warschauer Briefen" scharf angegriffener deutscher -Rabbiner, der Herren Dr. Kohn aus Ansbüch und Dr. Carlebach aus Köln zu danken,, daß der Chassidismus seine schroffe Bildungsfeindlichkeit allmählich aufgibt. Dazu kommt, daß mit dem Änzug der Deutschen, mit der Beseitigung des alten zaristischen Rußland überhaupt in Polen ein starkes geistiges Leben begann. Auch die politische Organisierung der Orthodoxie macht sie bildungsfreundlicher. Sie ist heute schon zur Einführung von Elementarunterricht an ihren Religionsschulen bereit und hat ihn an manchen Schulen schon eingeführt. Trotz des großen Einflusses der chassidischen Orthodoxie haben Nationalisten und Zionisten im Lande viele Anhänger■; sie verfügen innerhalb des polnischen Judentums über die besten politischen Organisationen. Die Assimilanten sind politisch lahm; vielen von ihnen fehlt auch das Verständnis der jüdischen Masse.; der Masse umgekehrt fehlt das Vertrauen zu den assimilierten Herren> die Führer erst dann sein könnten, wenn sie den Willen zu einer aufrechten und selbstbewußten Politik gewinnen. Entwicklungsmöglichkeiten in dieser Beziehung aber zeigen sich schon heute. Der Orthodoxie, die sich jetzt erst organisiert hat, fehlen heute noch die Persönlichkeiten, die den Kämpfen modernen politischen Lebens gewachsen sind. Ohne moderne Schulbildung sind ihre Anhänger aufgewachsen; sie hat die Soldaten aber keine Offiziere. Auf die Dauer kann man cürch in Polen politisch nicht bestehen, wenn man anstatt Agitatoren, höchstens eine allerhöchste Kabinettsorder des „Gerraer Rebbe" entsenden kann. Führer und Agitatoren, Offiziere und Unteroffiziere aber hat zweifellos der Nationalismus und Zionismus. Die Jugend der Orthodoxie, die aus der Enge orthodoxen Lebens herausgedrängt, die mehr als die Väter die'Notwendigkeit europäischer Bildung nnd europäischer Kultur erkennt, die dnrch die Mittelschule hindurch ging oder sich selbst weitergebildet hat, geht vielfach in das Lager der Nationalisten und Zionisten. Dort lockt sie der moderne Geist und der zweifellos vorhandene gute Wille, das jüdische Leben zu reformieren. > Für Nationalisten und Zionisten ist das Wort „Assimilant" geradezu ein Schimpfwort; Nationalismus, und Zionismus sind in. Polen aber in hohem Maße eine Assimilationserscheinung; sie stellen sich dar als eine erste Stufe der Assimilation. Dazu kommt der große Einfluß russischer Juden auf das jüdisch politische Leben in Polen. Die aus Rußland unter dem Druck der russischen Judengesetzgebung in Polen eingewanderten Juden sind die geistig regsameren; sie — die das russische Volk in fast rührender Weise lieben — stchen verständnislos polnischen Empfindungen gegenüber; ihnen ist aber auch, da der Mensch ein Nationalgefühl haben muß, von der russischen Heimat vertrieben, die Konstruktion eines eigenen jüdischen Nationalgefühls besonders leicht. Ob das polnisch-jüdische Leben der Zukunft dem Nationalismus gehören oder sich unbewußt und willig in die polnische Kultur einfügen wird, ist eine Frage, die heute nicht entschieden werden kann. Treibt der künftige polnische Staat eine vernünftige Politik, die die Juden als gute Bürger gewinnen und durch eine geeignete Schul- und Wirtschaftspolitik zur Ablösung der vielfach wirtschaftlich ungesunden Zwischenhändlerexistenzen aus ihnen produktiv schaffende Kräfte erzeugen will — die Ansätze sind in dem starken jüdischen Handwerkerstand vorhanden —, dann ist kein Raum für jüdischen Nationalismus in Polen vorhanden.