Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 17 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5. jftt 17 blatt ohne pattei-oWellen Charakter wurde vorgeschoben, um die Fühler aüszustrecken. Man wollte sich scheinbar kein Fiasko holen uNd dachte sich: gelingt die Sache nicht, dann wird es eben eine Anregung privater Natur sein, für welche die Partei keine Verantwortung übernahm. Gelingt es aber doch, die Sache in Fluß zu bringen- — dann wird die Püttei schon die Gelegenheit habenihr Urheberrecht geltend zu machen. Heute scheint sich die Parteileitung dazu bekennen zü wollen. Hat die Sache wirklich bereits derartige Fortschritte gemacht? — Daran möge zunächst zu zweifeln erlaubt sein. Der Umstand, daß von anderer Seite eine separate Aktion in Angriff genommen wird, spricht vielleicht am wenigsten für den Erfolg der Kongreßidee. Vielleicht ist es über gerade diese Gegegenströmung, die die zionistische Partei^ veranlaßt hat, aus der Reserve herauszutreten und sich zur Vaterschaft des Gedankens zu bekennen. Ist nun einmal eine Gegenströmung vorhanden, dann kann man die Sache - nicht mehr dem puren Zufall überlassen, sondern muß derselben die Partei-Autorität zur Seite stellen. Aber auch jetzt wird vornehmlich im Stillen gearbeitet. Das Programm, das bereits feststeht und dessen erster Puntt eben die nationale - Frage berührt, ist bis heute der Oeffentlichkeit nicht bekanntgegeben worden. Die anderen Gruppen, die man zur Mitwirkung heranziehen will, werden zunächst dahin informiert, daß es sich darum handelt, die Rechte der Juden als Staatsbürger zu wahren, die Wiederherstellung der durch den Krieg zerstörten jüdischen Existenzen, die Kriegswaisenfürsorge und die Emigrationsfrage rc. zu betteiben. Man rechnet offenbar, daß es dann, wenn man einmal mit den Verttauensmännern der anderen Gruppen beim grünen Tisch sitzen wird, schon leichter sein dürste, auch das nationale Moment vorzuschieben. Aber auch die andere Strömung befleißigt sich vorläufig einer sttengen Geheimtuerei. Da handelt es sich um Kreise, die nur ungern großen Lärm machen und gewöhnt fmd, in der Stille des Wirkens das Geheimnis des Erfolges zu erblicken. Hinsichtlich dieser Komitees ist man selbst über das eigentliche Programm noch im unklaren. Soviel ist nur bekannt, daß es sich um die bekannten Postulate handett, die seitens der sogenannten flihrenden jüdischen Kreise seit jeher vertteten werden uüd die vielleicht nur angesichts der gegenwärtigen Situation und der Erfahrungen während der Kriegszeit etwas schärfer und prägnanter zum Ausdruck gelangen dürften, natürlich bei aller Vorsicht und unter Vermeidung jedes Aufsehens und jedes überflüssigen Geräusches. Jnsolange die beiden Sttömungen noch immer gewissermaßen sich reserviert verhalten und es vermeiden offiziell oder offen aufzutreten, wäre es verfehtt, sich mit dem Meritum der Sache näher zu befassen. Einige Bemerkungen mögen aber schon heute gestattet sein: Die bisherigen Erfahrungen haben leider gelehrt, daß es in Oesterreich nicht so leicht ist, eine gemeinsame Aktion aller jüdischen Gruppen zustande zu bringen. Selbst in Fragen, die keinen ausgesprochenen Parteichärakter haben, kommen die diversen Parteistandpunkte und Eittseitigkeiten, sowie die Reibungen und Mißhelligkeiten persönlicher Natur zur Geltung. Alle bisher unternommenen Akttonen in dieser Richtung haben fehlgeschlagen. Jede einzelne Partei, Gruppe und Organisation kann im Rahmen ihres Wirkungstteises manches Posittve leisten. Jnterparteiische Aktionen waren stets zur Ohnmacht verurteilt und ihr Effekt war stets gleich Null. Von diesem Gesichtspunkte aus bettachtet, ist es gar' nicht so arg, wenn auch diesmal nicht eine gebundene Marschroute eingeschlagen wird, sondern sich gleichzeitig zwei Sttömungen geltend machen, die sich unter Umständen gegenseitig ergänzen können. Selbst der ausgesprochenste Gegner des „Schtadlanus", der stillen Intervention, muß zugeben, daß dieser Weg öfters viel nützlicher und prattischer sei als die Veranstaltung öffentlicher, schreiender Kundgebungen, die nicht immer den gewünschten Effett machen. Andererseits wäre auch das Zustandekommen eines jüdischen Kongresses nicht ohne Nutzen. Die Sttömungen, die innerhalb des österreichischen Judentums vorhanden stad, sollen eben einmal zur Kenntnis der breiten Oeffentlichkeit gelangen. Wtt wollen einmal sehen, wie sich die Judenschast tatsächlich zu gewiffen Parteien und Programmen steM. Das Schlügwort, daß die Volsmassen hinter gewiffen Parteien stehen, soll einmal öffentlich aus die Probe gestellt werden. Dann wird es ja klar sein, was man von gewiffen Postulaten zu halten hat und wie gewisse Forderungen, die angeblich im Namen der Judenschast als solche erhoben werden, z« bewetten seien. Die Hauptbedingung wäre da naturgemäß ein offenes, klares Vorgehen. Kein Versteckenspielen. Diejenigen, die zur Teilnahme berufen seien, sollen die'Möglichkeit haben, rechtzeitig ihren Einfluß geltend zu machen. Der Kongreß soll auf der Grundlage der wahren Demokratte stattsinden, von keiner Seite und nach keiner Richtung hin soll irgend eine Beeinfluffung möglich sein. Dann, aber nur dann, hätte dieser Kongreß irgend einen realen Wett, selbst wenn gewisse jüdische Gruppen ausbleiben sollten. Die Demonstration allein, die jetzt ein solcher Kongreß darstellt, darf aber nicht überschätzt werden. Die österreichische Judenschast hat im Laufe der letzten Dezennien so oft derartige und ähnliche Kundgebungen veranstaltet — aber der Effett war nie groß. Von diesem Gesichtspuntte aus muß die Kongreßfrage beutteilt werden. Das weitere bleibt der Entwicklung vorbehatten. Krand de» Leopoldstirdler Tempel». Das größte jüdische Gotteshaus Wiens, der hu Jahre 1850 von Ludwig Förster erbaute Tempel im II. Bezirke Tempelgasse ist am 17. d. M. kurz nach Beendigung des Festgottesdienstes anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers zum großen Theile ein Raub der Flammen geworden. Das Innere des Tempels fft zerstött und es wird viele Monate dauern, bis das Gotteshaus wiederhergestellt sein wird. Abgesehen von dem enormen Schade:: bereitet der mit Rücksicht auf die Nähe der hohen Feiertage besonders dttngende Ersatz des Tempels, der einen Faffungsraun: van ca. 1700 Personen hatte, der Gemeinde große Sorge. Wie wir vernehmen, wird für die Sitzinhaber des Leopoldstädter Te:npels der Gottesdienst an den hohen Feiertagen im großen Konzetthaussaale abgehatten und für die Samstag-Gottesdienste ist ein größerer Saal im zwetten Bezirke in Aussicht genommen. Ueber den Brand, der nach einer Version durch eine weggeworfene brennende Zigarette, nach einer anderen durch Kurzschluß entstanden sein soll, wird uns Folgendes mitgeteilt: Kurz vor halb 11 Uhr sah der Sohn des Tempelpottiers Löwy aus dem Fenster der etterlichen Wohnung aus die Sttaße. Diese Wohnung befindet sich in dem links vom Tempel gelegenen Wohngebäude, das, wie erwähnt, durch einen schmalen Hof vom Gotteshaus gettennt ist. Der Knabe sah nun zu seiner Ueberraschung aus den hoch oben in der linken Seitenwand des Tempels gelegenen durchbrochenen Fenstern dicke Rauchschwaden entweichen. Er verständigte rasch seine Angehöttgen, es wurden eilig die Schlüssel des schon geschloffenen Tempels herbeigehott und als man durch das Seitenpottal einttat, sah man, daß der Tempel schon mit Rauch dicht gefüllt war, während im oberen Teile mächttge Flammen leuchteten. Es wurden nun die Kultusgemeinde und die Feuerwehr rasch verständigt. Inzwischen hatte der Brand in: Innern des Te:npels mit rasender Geschwindigkeit un: sich gegriffen, die Flammen schlugen nun hoch aus den Fenstern hinaus, ungeheure Rauchwolken stiegen auf und waren bis weit über die Leopoldstadt hinweg wahrnehmbar. Einige behexte Männer machten sich aber ungeachtet der damtt verbundenen Lebensgefahr sofott daran, die Thorarollen zu retten. Sie drangen bis zur Bundeslade vor.