Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 16 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16. Die Wahrheit Seite 7. aus mehr zu erwarten haben, als von der Entente, wenn auch verschiedene Zeitungen und Politiker dieser Seite gerade in letzter Zeit den Juden in dieser Hinsicht große Versprechungen machen. Ich glaube nicht, daß ein Sieg der Entente und eine Aufteilung der Türkei, die Palästina in den Machtbereich Englands oder Frankreichs bringen würde, den jüdischen Interessen dienlich sein könnte. Diese haben von der Realisierung der imperialistischen Ideen Englands, die auf die Gründung eines großen mohammedanischen Reiches von Aegypten bis Indien hin tendieren, nichts für sich zu erwarten. Palästina als englischer Besitz würde nur den Platz für die endgiltige Austragung des Kampfes um die Beseitigung der englischen Weltherrschaft abgeben. Bleibt hingegen Palästina türkisch, und bleibt die Türkei in der politischen Konstellation, in der sie heute steht, so scheint mir die Möglichkeit einer systematischen und ruhigen Realisierung der palästinensischen Wünsche des jüdischen Volkes unter dem Banner der Türkei und auf der Grundlage vollkommener Loyalität der jüdischen Bürger des türkischen Saates vorhanden zu sein. Kibelwrstenschaftlrche Irrungen. Ein Beitrag zur Kritik der alttestanieutlichen Bibelkritik an der Hand eines gerichtlichen theologischen Gutachtens. Von Jakob Neubauer. Berlin 191.7. Verlag von Louis Lamm. Mk. 4.50, geb. 6.—. Schon vor zwei Jahren haben wir auf die Hauptfehler und Jrrtümer in: Gutachten des Prof. Kittel, auf Grund dessen der Antisemitenhäuptling Th. Fritsch freigesprochen wurde, hingewiesen (vergl. „Die Wahrheit" 5. Feb. 1915). Nun hat Neubauer auf Grund dieses Gutachtens die Haltlosigkeit der protestantischen Bibelkritik überhaupt mit viel Geist und gründlicher Vertrautheit mit der Materie vor aller Augen klar gelegt. Fachleute und gebildete Laien werden seine Ausführungen mit Nutzen und Vergnügen verfolgen. Es war schon Zeit, daß endlich mit dieser dünkelhaften Zunft gründlich abgerechnet wurde! Allerdings ist auch Neubauer nicht frei von manchem Irrtum. So ist seine Behauptung, daß die Vokalzeichen schon in talmudischer Zeit bekannt waren, unhaltbar. Noch Hieronymus im fünften Jahrhundert kennt sie nicht! Neubauer wendet ein, daß man den alten Hebräern eine nicht geheuere Gedächtniskunst zuschreiben müßte, wenn sie die heilige Schrift ohne Vokalzeichen hätten lesen können. Dabei vergißt er, daß die weit größere talmudische Literatur noch jetzt ohne Vokalzeichen gelesen wird. Im Talmud (Baba bathra 21 a) wird, um die strengste Pflicht zur Gewissenhaftigkeit bei einem Lehrer einzuschärfen, folgende Legende erzählt: David habe seinen Feldherrn Joab zur Rede gestellt, warmn er in Edom nur die Männer getötet habe und nicht auch die Frauen. (1 Kön. 11, 16). Joab antwortete: Es heißt ja (Dt. 25, 19) Du sollst auslöschen das Männliche (sachar) Amaleks. Darauf David: Wir lesen ja 86vb6r (das Andenken»?! — „Mich hat mau sachar lesen lassen", sagte Joab. — Für diesen falschen Unterricht soll David den Lehrer Joabs getötet haben. Neubauer erblickt in der Pflichtvergessenheit des Lehrers einen Hochverrat! Tenn, hätte die Thora geboten, nur die Männer Amaleks zu vernichten, so hätte ja Saul das Gebot richtig ausgeführt. Gott hätte dann keinen Grund, ihn zu verwerfen, und David hätte dann die Erbschaft Sauls zu Unrecht angetreten, er wäre dann — ein Usurpator! Also David hat gar kein Recht, König zu sein, er ist es ja nur auf Grund einer falschen Leseart geworden und das hat der Lehrer Jaobs auf dem Gewissen! — Das sieht sehr scharfsinnig aus. Aber Neubauer vergißt, daß Saul ja den König Agag am Leben ließ und deswegen von Gott verworfen wurde. Somit hat der Lesefehler 8aobar statt 86obsr mit Saul und mit Hochverrat gar nichts zu schaffen! Der Gottesnamen JHWH wird bald Adonaj, bald Elohim ausgesprochen und dem entsprechend bald mit den Vokalen von Adonaj, bald mit denen von Elohim versehen, so daß die scheinbaren Worte Jehowa und Jehowi entstehen. Für Neubauer ist Jehowa massoretisch überliefert. Es ließe sich noch manches anführen, was bei 'Neubauer verfehlt ist. Aber der kundige Leser wird sie von selbst finden und das Buch verdient es gelesen zu werden! Prof. Dr. Kahan, Znaim. verschiedene Nachrichte». Wien. Anläßlich des Allerhöchsten Geburtsfestes Seiner Majestät des Kaisers veranstaltet der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Freitag, den 17. August d. I. um 11 Uhr vormittags im Tempel I., Seitenstettengasse 4, einen solennen Gottesdienst. In den Gemeindehäusern: II., Tempelgasse 3, XV., Turnergasse 22, XVI., Hubergasse 8, XVIII., Schopenhauerstraße 39, XXI., Schindlergasse 4 findet die Geburtstagsfeier im Anschlüsse an den Morgengottesdienst, Beginn 12 7 Uhr früh statt. Wien. Se. Majestät der Kaiser hat dem Direktor des israel. Taubstummeninstitutes in Wien, Herrn Dr. S. K r e n b e r g e r, den Titel eines Kaiserlichen Rates taiffrei verliehen. Die Auszeichnung dieses lvegen seiner mannigfachen Verdienste allgemein geschützten Mannes wird in den weitesten Kreisen mit freudiger Genugtuung begrüßt werden. Wien. (B e r rn ä h l u n g.) Herr Richard B r u ck, Beamter des „Wiener Bankverein", Vorstandsmitglied des Vereines „Kurfürsorge" hat sich mit Fräulein Hedwig Koratek, Tochter des Herrn Philipp Koratek k. k. Ober Post-Kontrollor vermahlt. Den Trauungsakt vollzog Rabbiner Dr. M. G r u n w a l d. Wien. Dieser Tage beging Herr Hermann Kun er, Besitzer des bekannten zahnärztlichen 'Ateliers in Hietzing, das Jubiläum des fünfundzwanzigjährigen Bestandes seines renommirten Instituts. Herr Kuner erfreut sich nicht nur wegen seiner hervorragenden fachlichen Kenntnisse großer Beliebtheit, sondern ist auch wegen seiner bekannten Herzensgute und Menschenfreundlichkeit in weitesten Kreisen verehrt. Reben seiner philantrophischen Tätigkeit hat er sich auch als Vorsteher des Hietzinger Temvelbauvereines sehr verdient gemacht und genießt wegen seiner Liebe zum angestammten Judentum die Sympathien und das Vertrauen seiner Volksgenossen. Herr K u n e r, dem anläßlich seines Jubiläums aus allen' Kreisen zahlreiche Glückwünsche zugegangen sind, wurde auch wegen seiner überaus verdienstvollen Leistungen während deS Krieges mit dem Ehrenzeichen zweiter Klasse vom Roten Kreuze mit der Kriegsdekoration und dem bulgarischen .Komturkreuz Cyrilli et Methodi ausgezeichnet. Liefing-Attgerödorf. Die Segnungen humanitärer Fürsorge sür die Orte Liesing-Atzgersdors und Umgebung übt im stillen aber erfolgreichen Wettbewerb der dortselbst seit fünf Jahren begründete, in seinem Wohltun sich zweckerweiternde Verein edler opferfreudiger Frauen, der Frauen-Verein: Nächstenliebe". Wo sich Mangel, _ Nor oder physische Prüfung von Krankheit offenbart, erschließt sich sonder Zaudern ein kleiner aber werktätiger Kreis hilfsbereiter Hände und warmfühlender Herzen, und im stillen Wohltun wird jährlich eine nach Tausenden zählende Summe allen Hilfsbedürftigen, allen voran, den notleidenden schulbesuchenden Kindern hochherzig zugewendet. Jeder einzelne der schassenden edlen Gestalten trotzt allen Stürmen der großen Prüfczeir und gerade im allerletzten großen Fest des Wohltuns haben sie allcsammt und einmütig die große Tragkraft ihrer Hochherzigkeit erprobt. Es war ein unter äußerlich bedrückenden Verhältnissen gerade die letzte Feier der vollen Kinderbekleidung und lückenloser Ausstattung ein Fest von unverwischbaren Eindrücken und die stets rührige und im Wohltun unermüdliche Präsidentin, Frau Dr. Helene H arscher konnte sich aus den getteuen mitwirkenden Stab getrost verlassen, denn ihre Stellverrreterin Direktorsgattin, Frau Melanie Donnebaum (Atzgersdors) übte im Fernsein der Präsidentin alle die reichen Pflichten und Vorkehrungen, welche das letzte Fest der Ternpeliveihe zu einem eindrucksvollen Sieg wahrer Menschenliebe emportrug. Die reichen Geldmittel durch die Sammeltätigkeit und Unermüdlichkeit der hochverdienten Frau Melanie Donnebaum in der beträchtlichen Summe von za. K 2000.— aufgebracht; die unter schwierigen Umstünden herbeigeschafften schönen tadellosen Kleider und Schuhe, eingekaust durch Frau Jenny Grünhut (Wien), die schwer aus Serbien zu beschaffenden Gaben der Kindertafel, ein rühmliches Sammelwerk der Schriftführerin Schuhfabrikantensgattin Frau Hermine Langfelder, die den Edelmut der Frau Stein (Belgrad) zu interessieren wußte; eine reichliche Verteilung an Hilfsbedürftige, denen der Verein Nahrung, Geldmittel bot, waren die großen Verdienste der rührigen Leitung I Vizepräsidentin Frau Melanie Donnebaum, Schriftführerin Frau