Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1917-08-10 · Heft 16 (10.8.1917) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 16 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3063801-3063817--10400-3077733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6..Die HahrW Nr. Die „Rebbes", deren Führerschaft sich in der Regel pom Vater auf den Sohn vererbt, die zum Teile alte, bis auf die Anfänge des Chassidismus zurückgehende Dynastien hiwen, haben je nach ihrem Ruf eine größere oder kleinere Zähl von Gläubigen. Der angesehenste dieser chassidischen Führer im Generalgouvernement Warschau ist der „Geraer Rebbe", der Rabbiner von Gora-Kalwaria, der wohl mehr als 100.000 Anhänger 'hat. Die jüdische Inknuft in Pnlüstina. Der bekannte Kenner Osteuropas und des Orients Dr. Paul Rohrbach äußert sich in Nr. i der „Neuen jüdischen Nachrichten" über die Lage der Juden in Rußland und über die jüdische Zukunft in Palästina: Meiner Ueberzeugung nach liegt das entscheidende Moment sowohl im jüdischen als im nichtjüdischen, insbesondere mitteleuropäischen Interesse darin enthalten, daß Rußland beim Friedensschluß genötigt werden muß, die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung der Juden mit allen übrigen Einwohnern des Reiches zu garantieren. Gegenwärtig ist,als Folge der Revolution die Minderberechtigung der Juden in Rußland aufgehoben, und ich will nicht bezweifeln, daß es den Machthabern oder doch wenigstens den Führern der Linken wie Miljukow, Kerenski und den Sozialdemokraten ehrlich damit ist. Schon der rechte Flügel der Kadetten ist aber nicht ftei von Antisemitismus und dasselbe ist bei den Oktobristen der Fall, bei den noch weiter rechts stehenden Parteien versteht es sich von selbst. Ausgesprochen judenfeindlich ist ein großer Teil der russischen Bauern im Westen und Südwesten, und die Popen und Bischöfe der griechisch-orthodoxen Kirche sind es fast durchweg, ja sie sind es sogar noch in ganz mittelalterlichem Sinne. Es darf auch nicht vergessen werden, daß Judenverfolgungen in Rußland lange Zeit ein beliebtes Mittel der Behörden gewesen sind, um das Mißvergnügen der Massen in eine Richtung abzulenken, die für die Regierung ungefährlich war. Es wäre also gar zu optimistisch, wollte man alle diese Schwierigkeiten und Gefahren als durch den ersten Schwung der Revolution für immer beseitigt ansehen. Im Gegenteil, Sicherungen sind notwendig und wenn irgendwo, so gilt für die. Juden das Wort, in diesem Kriege müßten die Menschlichkeit und die Rechte der schwächeren Völker triumphieren. Nur wird es nicht ganz leicht sein, solche Sicherungen -für die russischen Staatsbürger jüdischer Nationalität in den Friedensvertrag aufzunehmen, denn sie würden immerhin ein gewisses Aufsichtsrecht von Seiten der übrigen vertragschließenden Mächte bedingen oder ein Recht der Einmischung, falls die Gleichberechtigung verletzt wird. Vielleicht? ist die Schwierigkeit doch nicht unüberwindlich, denn die Verhältnisse werden in Rußland nach dem Kriege wahrscheinlich in jedem Falle wenig stabil sein und die dauernde Wachsamkeit der Nachbarn heraussordern. Wird die Gleichberechtigung der Juden wirklich durchgesetzt und erhalten, so ist es klar, daß sie in dem gewaltigen Lande mit seinen zahlreichen, noch ungenügend ausgenutzten Möglichkeiten und seinem ausgesprochenen Bedarf nach Kräften, die nicht nur im gewöhnlichen Sinne geschäftstüchtig, sondern auch beweglich und organisatorisch veranlagt sind, zu bedeutenden Leistungen berufen und ihm sicher sehr nützlich sein werden. Die Hauptsache aber ist, daß, wenn sich die östlichen Juden — denen, die beim Friedensschluß in den dann festzusetzenden Grenzen Rußlands verbleiben, wie denen, die etwa nach Polen fallen — Freiheit des Lebens und Arbeitens in Rußland eröffnet, der sonst sicher zu erwartete Drang nach Westen, namentlich nach Deutschland, nicht aufkommt. Die Judenfrage in Deutschland wird vermutlich durch den Krieg ihrem natürlichen Ende ^ein großes Stück nähergebracht werden. In dieser Beziehung möchte ich z. B. auf die Aeußerungen des Botschafters Grafen Bernstorff verweisen, die in der Schrift von Max Simon „Der Weltkrieg und die Judenftage" (B. G. Teubner, 1916) auf Seite 11—12 wiedergegeben sind und in folgender Aeußeruyg des Botschafters gipfelten: „Ich bin fest überzeugt, daß - soweit Deutschland in Betracht kommt, der Antisemitismus als abgetane Sache betrachtet werden kann," würde aber sofort wieder verschärft werden, wenn sich nach dem Kriege eine starke Tendenz der Ostjuden zur Abwanderung nach Deutschland einstellte. Das alles würde sich sehr erleichtern, wenn ein natürliches Gefälle für den.Abfluß der in Polen und Westrußland zu stark gestauten Juden nach Osten statt nach Aßesten hergestellt werden könnte. Die zweite wichtige Frage ist die, ob eine starke Abwanderung der östlichen Juden nach Palästina erstrebt werden soll. Dieses Problem ist, so sehr man vom allgemein menschlichen und kulturellen Standpunkt mit den dahingehenden Wünschen der Judenheit sympathisieren muß, doch vom praktisch-politischen Gesichtspunkt aus gesehen, schwierig. Es begegnet Schwierigkeiten sowohlivrrtschastlich-geographischer als auch politischer Natur. Ich gebe nach dem, was ich von den jüdischen Ackerbau-Kolonien in Palästina kenne, gern zu, daß die Juden, wo sie als Ansiedler auf eigene Füße gestellt worden sind und keine Rothschildsche oder sonstige Unterstützung erhalten, sich als gute Kolonisten bewähren. Sie können in breitem Umfang wieder zu Bauern gemacht werden, wo die Verhältnisse günstig sind. Doch soll man sich nicht verhehlen, daß es schwierig ist, Palästina in absehbarer Zeit der Hauptsache nach mit Juden zu bevölkern, da gleichzeitig das Problem der Unterbringung der halben Million Amber, die jetzt in Palästina wohnen, gelöst werden müßte. Man kann jedoch immerhin neben der arabischen Bevölkerung noch eine große Zahl jüdischer Kolonisten und Ansiedler nach Palästina bringen, namentlich wenn auch die Industrialisierung des Landes betrieben wird. Während dessen wäre ein friedliches Beieinanderwohnen und Miteinandemrbeiten der Araber und Juden denkbar. Ohne Zweifel brächte die wirtschaftliche Ausschließung Palästinas durch neue jüdische Ansiedler auch der einheimischen arabischen Bevölkerung Vorteile. Das Beispiel der um die jüdischen Kolonien herumliegenden arabischen Dörfer beweist das zur Genüge. Die politische Schwierigkeit besteht in der Haltung der türkischen Zentralregierung, die, wie man weiß, der Kolonisation nichtmohammedanischer Elemente mit einer gewissen Vorsicht im Hinblick auf mögliche separatistische Tendenzen derselben gegenübersteht. Doch halte ich diese Schwierigkeit nicht für so groß, wie die physikalisch-geographische. Die Zuführung neuer Beoölkerungselemente ist für die Türkei eine der dringendsten Notwendigkeiten der Zukunft und sie ist eine der Voraussetzungen für eine machtvolle wirtschaftliche, kulturelle und politische Regeneration des Landes. Dabei können den Türken die jüdischen Ansiedler vgn größtem Nutzen werden, ihre politische Loyalität als selbstverständlich vorausgesetzt. Nach allen bisherigen Erfahrungen ist an ihr auch kein Zweifel zu hegen. Die Türkei ist durch alle Jahrhunderte hindurch für die Juden aller Länder eine Zufluchtstätte gewesen, die sie auch in den Zeiten der schlimmsten Judenverfolgungen mit Wohlwollen und Toleranz behandelt hat, und es würde ihr auf die Dauer nur nützen, auch in Zukunft von dieser ihrer durch die Jahrhunderte hindurch geübten Haltung nicht abzuweichen. Deutschland als Verbündeter der Türkei, der alles Interesse an einer schnellen und starken Regenerierung derselben hat, hat allen Grund, jüdische Emigrations- und Kolonisationsbestreüungen unter dem Gesichtspunkte zu begrüßen, daß sie für die wirtschaftliche Hebung der Türkei nützlich werden. Jnsoferne können die palästinensischen Bestrebungen der Juden in der breiten deutschen Oeffentlichkeit alle Sympathien finden. Ich selbst habe diesen Gedanken schon öffentlich ausgesprochen, besonders auch in meinem auf Anregung des „Kartells jüdischer Verbindungen" vor zwei Jahren im Abgeordnetenhaus gehaltenen Vortrage. Mir scheint, daß von diesen Gesichtspunkten aus die palästinensischen Bestrebungen der Judenheit oonMitteleuropr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.