Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 16 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16........ , .... Die Wahrheit Seite 5. zu haben, der uns an Menaffe ben Israel (welcher bekanntlich bei Kromwell den Einlaß der Juden nach England erwirkte) erinnert. Tr. Schwarz-Hiller hat die Qualitäten und den sittlichen Mut eines Menasse bei Israel s. A. Don Moses erzählt die Bibel, daß er zum Volke ging. Gewiß ist das die höchste Stufe der Generosität. Zu anderen muß das Volk gehen, um sie zu erwerben; aber es würdig zu 'empfangen ist ein großes Verdienst. Dieses Verdienst erwarb 'sich Dr. Rudolf Schwarz-Hiller. Er hat dieses Volk kennen gelernt und lernte dessen Fehler verstehen und Vorzüge schätzen. Auch er muß sehr oft seufzen: „Lebe 688a tsrebaebein lewadi", ob er gleich tüchtige und pflichtbewußte Mitarbeiter hat. Wie das jüdische Volk diesen Helden der Menschlichkeit ehren wird, wird die Zukunft lehren. Ad bli jereach jinon schemo. __ N. Lothringer. Airr polnische« Indrnsragr. Die bekannte angesehene „Europäische Staats- und Wirtschaftszeitung" (herausgegeben von Staatsminister a. D. Heinrich von Frauendorfer und Prof. Dr. Jaffe) veröffentlicht, wie wir dem „Israelit" entnehmen, einen überaus beachtenswerten Aussatz zur polnischen Judenfrage, den wir im folgenden wiedergeben. Der Verfasser gehört — trotzdem er von Vorurteilen gegen Judentum und Orthodoxie nicht frei ist — offenbar zu den wenigen Publizisten, die mit den Verhältnissen gründlich vertraut und dabei um die Bewahrung ehrlicher Objektivität bemüht sind. Um so bemerkenswerter ist seine scharfe Stellungnahme gegenüber den von zionistischalldeutscher Seite inszenierten Feldzug gegen die deutsche Verwaltung in Polen und ihre angeblichen orth. Neigungen. Die „Berliner Neuesten Nachrichten", ein schwerindustrielles Blatt alldeutscher Richtung, veröffentlichen „Warschauer Briefe", die in den Kreisen, die sich für die polnische Entwicklung interessieren, beachtet worden sind. In dem dritten und fünften Briefe wird die Art, in der die Verwaltung des Generalgouvernements Warschau die Judenfrage behandelt, einer scharfen Kritik unterzogen. Ob die „Warschauer Briese" in Warschau geschrieben sind, mag bezweifelt werden. So weit sie die Ostjudenfrage behandeln, hätte man sie wohl richtiger überschrieben als „Briefe eines Theoretikers nach Warschau". So weit sie mehr sind als die Wiederholung einer in einigen Studierstuben in Berlin ausgedachten Theorie, die die Ostjuden durch Förderung jüdisch-nationalistischer Bestrebungen als Träger deutscher Interessen gewinnen möchte, geben sie Informationen wieder, die einseitig auf jüdischnationalistische und zionistische Gewährsmänner zurückgehen. Bevor wir zu den einzelnen Behauptungen der „Warschauer Briefe" in großen Strichen Stellung nehmen, sei eine kurze Darstellung der politischen und kulturellen Schichtung der polnischen Juden gegeben. Eine dünne Oberschicht ist polnisch assimiliert. Es sind unter diesen sogenannten „Assimilanten" manche menschlich nicht sehr sympathische Elemente, Leute mit allen Fehlern einer jungen Assimilation. Sie haben eine Tradition verloren und noch keine neue Tradition exworben. Selten war der Großvater schon assimiliert, oft war es noch nicht der Vater. Die Homines novi schämen sich derer, die so sind, wie die Vorfahren waren; sie überschätzen ihren äußeren Schliff und haben vielfach — mindestens in jüdischen Dingen — einen Mangel an Selbstbewußtsein und kein Gefühl für Würde. Es ist ihnen peinlich, wenn eine jüdische Sache zur Sprache kommt; man könnte damit Anstoß erregen. Vielleicht waren die deutschen Juden der ersten und zweiten Assimilationsgeneration nicht wesentlich anders. Viele neigen dazu, sich oder ihre Kinder ohne innere Ueberzeugung um gesellschaftlicher Vorteile willen taufen zu lassen. Es wird im Ernste behauptet, daß als Folge einer von der deutschen Verwaltung geschaffenen Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft, die das verwilderte Gemeindeleben ordnen will, eine Maffentause eintreten könne, wenn etwa dadurch die Gemeindesteuern erheblich erhöht würden. Menschen, die so materiell und traditionslos uralten Bindungen gegenüberstehen und die aus solchen Gründen zu einem unwahrhastigen Glaubenswechsel bereit sind, erwerben sich allerdings nirgends Achtung. Es dürfen aber keineswegs alle „Assimilanten" nach diesen! Bilde ihrer unerfreulichen Genossen beurteilt werden. Es gibt in der assimilierten Schicht Männer und Frauen, die unermüdlich in der jüdischen sozialen Hilfstätigkeit arbeiten, die in Gemeindeverwaltungen nützliche Arbeit leisten und die aufrecht ihr Judentum bekennen. Das Urteil über die ganze assimilierte Schicht aber >wird getrübt durch die recht zahlreichen Elemente der oben geschilderten Art. Tie große Masse der polnischen Juden ist nicht polnisch assimiliert. Ihre Sprache ist die sogenannte jüdisch-deutsche Sprache. In deni polnischen Kulturkreis sind sie nicht aufgegangen. Es hat sich aber in Polen eine jüdische Kultur eigener Art — Kultur im Sinne westeuropäischer Kultur - nicht entwickelt. Abgesehen von der von der polnischen Kultur erfaßten Oberschicht und einzelnen, von irgendwelchen westeuropäischen Kulturen beeinflußten Einzelindividuen ist die Kultur der Blasse lediglich als eine mittelalterlich-religiöse Kultur zu werten. Falsch aber wäre es, mit deni Schreiber der Warschauer Briese, der die Abgeordnelen Naumann und Haas in liebenswürdiger Weise der Blindheit bezichtigt, anzunehmen, daß die polnischen Juden bewußt jüdisch-national seien. Ter jüdischen Blasse fehlt der nationale Wille und der sprachliche Wille; das polnische Judentum befehdet sich gegenseitig in der Frage, welche Sprache in Zukunft ihre Sprache sein soll, ob polnisch, hebräisch oder jüdisch-deutsch. Diese Tatsache erklärt sich durch dem Mangel einer eigenen modernen Kultur und dnrch das Fehlen eines selbstständigen wirtschaftlichen nationalen Lebens. Eine Gemeinschaft, die zerstreut unter anderen lebt, der die große Grundlage nationalen Lebens, der eigene Bauernstand fehlt, die auch außerhalb des Landes kein nationales Zentrum hat, die in nichts selbständig, aber tausendfach von der Umwelt abhängig ist, kann kein eigenes nationales Leben entwickeln und erhalten. An dieser Tatsache können die schönsten Wahlersolge der Nationalisten nichts ändern, die einen Protest gegen den polnischen Antisemitismus, aber kein Ausfluß nationalen Willens sind. Tie große Masse ist bewußt jüdisch-orthodox. Sie ist politisch indifferent; sie verlangt Schonung ihrer religiösen Empfindungen und gerechte Behandlung. National-politische Ansprüche erhebt sie nicht. Im Gegenteil! Weite Kreise der Orthodoxie stehen nicht nur den nationalistischen und zionistischen Führern, deren religiöse Haltung dieser strengsten aller Orthodoxien mit Recht oder mit Unrecht nicht genügt, sondern auch den zionistischen und nationalistischen Gedankengängen und Lehren feindlich gegenüber. Wer nicht blind ist und sich nicht einseitig auf nationalistische Informationen verläßt, der sieht, daß zum mindesten der größte Teil der chassidischen Orthodoxie mir geradezu leidenschaftlichen! Haß dem Nationalismus und Zionismus gegenüdersteht. Was heißt chassidische Orthodoxie? Ter größte Teil des polnischen Judentums, so weit es orthodox ist, gehört der Sekte der Chafsidim an. Ter Chassidismus entwickelte sich aus einer Volksbewegung des l8. Jahrhunderts, die gegen das verknöcherte rabbinische Judentum gerichtet war. Er hat nicht gehalten, was seine religiös und menschlich sympathischen Anfänge versprochen hatten. Heute unterscheidet sich der Anhänger des Chassidismus von anderen Orthodoxen im wesentlichen nur noch dadurch, daß er mehr oder weniger treu an den Führer seiner Gruppe, den „Rebbe", glaubt. Er pilgert zu ihm an den Feiertagen, er hört auf seinen Rat in religiösen und weltlichen Dingen. Dem strengen „Chassid" ist der „Rebbe" der Mittler zwischen Gott und den Menschen.