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Die Wahrheit · 1917-07-27 · Heft 15 (27.7.1917) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 15 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wshkhett Beite 7. Nr. 18. -empfinden eitles alten Kulturvolkes. In der Kleidung allein offenbart sich also das Jüdische nicht, wohl eher mt Gesichtsausdruck und Mieüenspiel, diesem „Spiegel der Seele", in Haltung und Gang, in der Art der Andacht. Da erkennen wir mit Staunen die innere Einheit uyd kräftige Ursprünglichkeit des jüdischerr Charakters und finden im fernen Rumänien all die markanten Typen wieder, deren lebensvolle Eigenart uns auch in der heimatlichen Synagoge von Jugend auf wohl vertraut war. Jüdische „Gabboim", mögen sie nun Kultusvorstände, Synagogenkommissäre oder sonstwie heißen, sind wohl in allen Synagogen der Welt im Grunde einander gleich. Würdevoll sitzen ältere Herren von vornehmern Aeußern, zum Teile schon im Silberhaare, auf hochlehnigen Stühlen Zu beiden Seiten des Almemors, in des Krieges Stürmen gewissenhafte Führer ihrer vielgeprüften Gemeinde, die hier Hum Feste versammelt ist und den Betrachter zu interessanten Studien anregt. ' Nach dem Gottesdienste überbrückt der brüderliche „Gut Jomtow"-Wunsch, den sie einander aussprechen, rasch die erste Fremdheit zwischen den jüdischen Soldaten und den Gemeindemitgliedern und in gemütlichem Gespräche durchwandern sie die verkehrsreiche Hauptstraße, die „Strada Regula". Die Verständigung ist leicht. Der rumänische Jude besitzt fast ausnahmslos eine deutsche Muttersprache,' meistens ist es ein dem bessarabischen Jargon verwandtes Jidisch, oft aber auch ein reines Hochdeutsch. Einige Bruchstückeaus den Unterhaltungen deutschjüdischer FeldgraUer mit rumänischen Juden: Die ersten Fragen üblicherweise, ob man verheiratet sei und wie viele Kinder man habe, welchem Berufe man obliege und — das ist die Hauptsache — wie man über den Frieden denke. „Wir Juden sind immer deutschfreundlich gewesen und haben den Krieg verhüten wollen. Doch der Rumäne hat sich von seinen Ministern und den Zeitungen verhetzen lassen mnd den Krieg angestiftet Und uns Juden mit Haß verfolgt, weil wir stets für die Erhaltung des Friedens gewesen sind." „Die rumänische Regierung gab uns keine Rechte, nur Pflichten. Besonders schlimm war es hier in der Walachei. Die Äusübung von Handwerken war uns erschwert, 'das Wohnen auf dem Lande und der Landbesitz uns strenge verboten. Man ließ uns nur in den Städten wohnen, daher die Ueberfüllung und die oft große Not. Selbst Land, das wir für uns gepachtet hatten, mußten wir an Fremde zur Bewirtschaftung überlassen. Die deutsche Verwaltung ist gerecht und freundlich. Wird Deutschland beim Frieden auch dafür sorgen, daß Rumänien unsere Rechte anerkennt?" Frage des jüdischen Soldaten: „Haben Sie auch Angehörige beim Militär?" Wehmütig erwidert der rumänische Jude: „Als die Russen und Rumänen Braila räumen mußten, da schleppten sie alle unsere jungen Leute mit nach der Moldau, auch meinen Sohn. Soldaten sollten sie werden für Rumänien, das uns geknechtet und unterdrückt hat. Unsere Rechte haben sie uns genommen, unseren Frieden, zuletzt noch mifer einziges Glück, unsere Kinder. Seit dem rumänischen Rückzuge vor einem halben Jahre habe ich von meinem Sohne nichts weiter gehört. Lebt er noch? Werde ich ihn jemals Wiedersehen?" Ein Spaziergang durch die Geschäftsstraßen zeigt uns zahlreiche jüdische Firmen über stattlichen Modehäusern und schönen Läden für Haushaltartikel, Galanteriewaren und Landesprodukte. Die Namen sind fast ausnahmslos deutsch von ostjüdischer Prägung. Nur die Vornamen sind zuweilen ins Rumänische übersetzt, beispielsweise „Wolf" in „Lupu", „Jakdb" in „Jancu". Vom Basar aus, dem ständigen Krammarkt mit dem -echt orientalisch bunten Getümmel lebhafter Handelsleute, behäbiger Gemüseberkäuferinnen, flinker Stiefelputzer, geduldiger „Kokosche" (Mais-Schneeflockett)-Röster und ihrer Kundschaft in städtischer Eleganz und in bettelhaster Armut, in Den schmucken Uniformen der Mittelmächte und in farbenprächtiger Baüernttacht, hat man nicht weit zum Wohnviertel der ärmeren jüdischen Bevölkerung. Ein deutscher Soldat und ein „Bar Jisroel" zugleich, das ist eine doppelte Empfehlung! So dürfen wir denn das Innere eines der einstöckigen Häuschen in Augenschein nehmen. Höchst bescheiden ist die Einrichtung und hart mitgenommen von der Kriegsnot sind die Bewohner, aber Intelligenz, Willenskraft und Zuversicht tut sich in ihren Gesprächen kund, und aus gut jüdischen Herzen stammt ihr Äbschiedswort: „Kommen Sie bald gesund nach Hause!" Am nächsten Morgen schritten Deutscher und Türke, Oesterreicher und Bulgare nacheinander zur Thora, ein seltenes Bild in einer rumänischen Synagoge; unwillkürlich dachte man an unseres einstigen Heiligtums hehre Bestimmung, „ein Bethaus zu sein für alle Völker". Die Predigt des Feldrabbiners, die als Grundgedanken die Idee der inneren wahren Freiheit vezeichnete und auf die Zügellosigkeit, die falsche „Freiheit" als den Verderb vieler Völker, auch des verblendeten rumänischen Staates, hinwies, fand bei den Soldaten wie bei den Einheimischen ernstes Verständnis. Nach dem Gottesdienste ließ der Feldrabbiner an die Soldaten zur Lettüre für einsame Stunden im Schützengraben verschiedene Bücher und Broschüren jüdischen Jnhatts verteilen, darunter den bekannten „Gruß der Feldrabbiner an die jüdischen Kameraden", ferner zahlreiche Erenrplare des Hamburger „Israelitischen Familienblattes" und anderer deutsch-jüdischer Blätter aller Richtungen. Von diesem Zeitungssegen, der in solcher Fülle auf sie sttömte, gaben unsere Krieger auch gerne einen Teil an die einheimischen Synagogenbesucher ab. Rührend war deren Interesse für die Vorgänge draußen in der ganzen Judenheit, besonders für die Wendung im Schicksale der russischen Juden, hatte sie doch der Krieg des Zusammenhanges mit der übrigen jüdischen Wett völlig beraubt. Jetzt möge den vorwiegend ernsten Eindrücken von Braila noch ein frohes Bild folgen. Unter wolkenlosem Himmel breitet sich im Glanze der Nachmittagssonne die Donau wetthin aus wie ein See. Drüben am rechten Ufer ziehen sich die dunklen Laubwälder der Niederungen hin, wo im letzten Winter schwere Kämpfe tobten, und über ihnen ragen in der Ferne die kahlen Gipfel der Berge d§r Dobrudscha hin. Auf unserer Seite, am linken Ufer, begrenzen großarttge Hafenanlagen, der wertvollste Besitz der Stadt, in feiertäglicher Ruhe den Strom. Dahinter erhebt sich ein steiler Uferhang, und ihn bekrönt Brailas schönster Schmuck, der herrliche Park des Volksgartens. Deutsche Militärmusik spielt muntere Weisen und eine ftöhliche Menge im Fefttagsgemande ergeht sich in den schattigen Gängen, Christen und Juden, Zivil und Militär. Vergessen sind für einen 'Nachmittag die Sorgen und die bangen Zukunftsgedanken: die Ettern freuen sich lächelnd des Jubels Und der lustigen Spiele ihrer Kinder; junge Paare plaudern und scherzen. „Wohl ihnen!" denkt so mancher Feldgraue, der von der Front gekommen und das Frühlingsidyll im Parke zu Braila von einer stillen Gartenbank her bettachtet, „könnte ich doch auch bald solches Glück genießen daheim bei meinen Teueren im fernen, lieben, deutschen Vaterland!" Jüdische Asyle in Sibirien. Das Hotel Metropole ist heute in ein jüdisches Asyl verwandelt. Dort sah ich ein stockdunkles Zimmer, wo das Fenster an der Decke sich befindet. Dieses dunkle Loch ist nicht groß und doch beherbergt es zwanzig Errvachsene und Kinder. Die Zimmer aber, die auf die Sttaße gehen, sind hell. In einem solchen sehe ich eine Nähmaschine» an der eine kleine junge Jüdin arbeitet. Dieses Zimmerchen bewohnen vierzehn Personen und einige kranke Kinder; Bänke, Kleider,

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