Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 15 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 . Die. Wahrheit: Nr- 15. Küchengeschirr und andere Gegenstände liegen bunt durcheinander. Und die Lust ist hier so bi&, daß man buchstäblich nicht atmen kann. Auf meine Frage, wie hier vierzehn Personen wohnen können, antwortete mir ein alter, weißhaariger Jude lächelnd: „Im Grab ist es ja noch enger I" < Gegenüber , liegt ein anderes Asyl; man sagte mir, es sollte bester sein als dieses. Wie ich aber konstatierte, sind die Mauern durch die Feuchtigkeit geschwärzt und die Bewohner laufen Gefahr, rheumatisch zu erkranken. Die Kinder sind alle an Pocken erkrankt. Welches Elend hier! Stickluft, kein Sonnenlicht, Feuchtigkeit und die Wände sind von Insekten belebt, die die Zimmerlust vergiften. Ich beschreibe hier die besten Asyle. Obendrein ist es hier im Winter so kalt, daß die jüdischen Flüchtlinge monatelang chre Kleider nicht ausziehen. In einer solch traurigen Lage befinden sich nicht nur Hunderte, sondern Hunderttausende armer Wesen, die durch die Roheit der russischen Regierung aus ihrer Heimat nach den entlegenen sibirischen Gegenden geschafft wurden. Wann wird diese Not hier enden? In Tomsk gelange ich ins Herz des neuen jüdischen Gettos in Sibirien. Hier gewahrte ich eine Art Klubhaus, welches am Tage meiner Ankunft geöffnet wurde. Es mnfaßt zwei elende Zimmerchen, ivo am Tag und in der Nacht eine erbärmliche Oellampe brennt. Hier treffen die polnischen Juden zusammen, um mit leiser Stirnine ihre Leiden, ganz besonders ihre individuellen Leiden sich zu erzählen. Im Erzählen leisten sie trotz ihres Elends ein Erkleckliches, bis sie plötzlich damit aufhörew. Um so schwerer lastet das Schweigen in diesen vier Wänden. Wer sind nun die Besitzer dieses „Klubs der Unglücklichen"? Eine jüdische Familie aus Warschau. Einst eine begüterte Familie mit drei Kindern, zwei Mädchen und einem Knaben. In Warschau besuchten sie die Schule. Als die Kriegserklärung erfolgte, befand sich diese Familie, wie manche andere, in der Sommerfrische - im Gouvernement Mohilew und konnte nach Warschau nicht mehr zurückkehren. Nur von dieser Stadt sprechen sie, von ihren schönen Gärten, prachtvollen Straßen und Promenaden, von ihrer Reinlichkeit und Bequemlichkeit. Die Dlutter weiß mit einer bewunderungswürdigen Beredsamkeit mir die Schönheiten dieser Stadt vor Augen zu führen. Der Vater, ein kluger Mann, schweigt, nickt hier und da seinen Kopf als Bestätigung der Aussagen seiner besseren Ehehälfte. Einmal sagte er: „Warschau ist eine heilige Erde. Lieber sich von trockenem Brot und Salz ernähren, wenn man in einer jüdischen Stadt leben kann." Und er fügte hinzu: „Die Polen sind Antisemiten schrecklichster Art! Wer Warschau ist doch eine jüdische Stadt. Man sagt uns, daß die Reichtümer uns gehören. Wer das ist keineswegs wahr. Hundert Juden auf tausend Russen sind tatsächlich reich, aber die anderen! Wieviel Arme wird es geben, und wieviel Mittel werden nötig sein, um diesen Unglücklichen zu Hilfe zu kommen!" Nicht weit vom Tisch saß ein etwas bejahrter Mann, stummm, mit tiefliegenden Augen. Er sprach sehr wenig und gab auf meine Fragen nie eine Antwort. Er ist ein Mechaniker aus Bialystok. In Tomsk hat er eine Werkstatt eröffnet. Einmal errtschlüpfte ihm der Satz: „Lieber ein Bein brechen, als die Vaterstadt verlassen." Am Tisch saß noch ein jüdischer Arbeiter aus Warschau. Er ist Schneider, mit blaffen, müden Gesichtszügen. Er verdient fünf Rubel täglich und arbeitet unermüdlich. Hier in Tomsk hat er nichts. Nein, er hat hier wirklich nichts, alles hat er in Warschau gelassen. Die Bibliotheken, wohin er nach der Arbeit geht, gibt es hier nicht, weder Zeitungen noch.Kameraden. Er erstickt hier in Tomsk. Noch ein jüdischer Schuhmacher kam mir vors Gesicht, 45 Jahre alt, verheiratet und vier Kinder. Das älteste ist 15 Jahre alt. Sie sind aus Kowno. Eine todunglückliche Familie. Während der Reise fiel die älteste Tochter vom Zuge, wobei ihr zwei Finger abgefahren wurden. Ihr Bruder hat während der monätelangen Uebersiedlung nach Sibirien die Fähigkeit zum Arbeiten verloren. Phisisch ist diese Familie völlig ruiniert. Der Vater ist blaß und sagt nichts; die Mutter kann ohne zu weinen nicht sprechen. Solche traurige Geschichten gibt es im Innern von Rußland und Sibirien zu Tausenden. Andere Unglückliche erscheinen. Ich höre ihr Jammergeschrei und fühle die Ohnmacht,, ihnen nicht helfen zu können. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Auszeichrtung.) Dem Militär-V er pfleg s akzessiste l? i. d. R. Paul Asche r, Sohn des städt. Oberlehrer Hermann Ascher, wurde das goldene Berdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille in Anerkennung vorzüglicher Dienstleistung' vor dem Feinde verliehen. Er erhielt schon ftüher das goldene Berdienstkreuz. Wien. Der Lehrer der Talmud Thoraschule, II., Malzg. 16, Herr Emanuel Lüftschi tz, der seit Kriegsbeginn im Felde ist und setzt an der Jsonzofront kämpft, erhielt für tapferes Verhalten vor dem Feinde in der zehnten Jsonzoschlacht neben dem Karlskreuz die silberne Tapferkeitsmedaille. Wien. Samstag den 4. August d. I. (Sabbath Nachmu) feiert Frau Marie Kulka, geb. K n ö p f e l m a ch e r, Witwe nach den am 15. Dezember 1915 verstorbenen Oberkantor Moritz K u l k a, der nahezu ein halbes Jahrhundert in erwähnter Eigenschaft in Kolin einer der bekanntesten Gemeinden Böhmens in ausgezeichneter Weise wirkte, in voller geistiger und körperlicher Frische ihren' 80. Geburtstag. Die Jubilarin wird mit Recht als die Zierde der Familie bezeichnet~ und ihr namentlich nebst wahrer Herzensgüte, großer Wohltätigkeissinn nachgerühmt. — Bonden, die Ehe mit Oberkantor K u l k a entsprossenen Kindern, wandte sich der einzige Sohn Siegfried, ein ebenso vortrefflicher Musiker als Musikpädagoge, dein Beispiele seines Vaters folgend, dem Kantorate zu und fungiert seit nun zwei Jahrzenten in der vornehmen Israel. Kultusgemeinde Teplitz-Schönau in Böhmen, wo er sich besonderer Beliebtheit erstellt; eine Tochter, Paula, ist mit dem in weiteren Kreisen bekannten Oberkantor a. D. und Schriftsteller Alois K u l k a in Wien vermählt; eine zweite Tochter, Auguste, verehelichte P i ck, domiziliert mit Familie in Prag, eine dritte Tochter, Ernestine, weilt bei der greisen Mutter in Kolin, die sie mit aller Fürsorge betreut. — Wie wir erfahren sind der Jubilarirr anläßlich ihres Wiegenfestes mehrfache Ehrungen zugedacht." — Auch wir schließen uns mit Vergnügen den Gratulationen rut. , Wien. Samstag, den 4. August d. I. (Sabbath Nachum) um 9 Uhr vormittags, findet im Israel, Tempel in der Seitenstettengasse die Barmizwa-Feier des Guido K a m i n k a, zweiten Sohnes des Sekretärs der Israel. Allianz Robbin Dr. A r m a n d Kaminka, statt. Kremsier. Am 10. Juli d. I. veranstalteten die zionistischen Mittelschüler Kremsiers, anläßlich des Todestages Dr. Theodor H e r z l eine Trauer- und Gedenkfeier. Um 8 Uhr abends fand nnter der Leitung des Herrn Oberkantors A. Reichard ein Trauergottesdienst im hiesigen Tempel statt. Herr Oberkantor leitete die Feier durch einen Psalm ein, vortrefflich begleitet ron der Pianistin Frl. Raudnitz. Hernach sprach der auf Urlaub weilende Feldrabbiner, Herr Dr. A. Schwaiger, den Kaddisch. Schließlich stimmte der Chor vierstimmig die Hatikwah an. Nach beendetem Gottesdienste fand im Saale der hiesigen Kultusgemeinde eine Trauersitzung statt., Herr Rabbiner Dr. Schwaiger wies 'in einer kurzen Rede auf die Verdienste Dr. Theodor Herzls hin. Der Jvrianer Herr Leutnant I. Brand hielt im Ausschüsse eine längere wirkungsvolle Rede über das Leben und Wirken Herlzs. i Krakau, Sonntag, den 8. Juli d. I., veranstaltete die hiesige zionistische Organisation im Repräsentationstempel eine Trauerandacht, die von einem imposanten Publikum besucht war und welche, sich zu einer Trauerkundgebung großen Stils gestaltete. Der Gottesdienst wurde mit einem Präludium und den Psalm 103 von Lewandowsky eingeleitet, worauf Herr Oberkantor D i w i n s k y mit herrlicher Stimme und künstlerischem Empfinden den Psalm 49 von Sulzer zum Vortrage brachte. Der Chor sang „Ach elohim.“ Hierauf bestieg Herr Rabbiner Prediger Dr. Thon die Kanzel und hielt in polnischer Sprache eine Tendenzrede, die begeisternd auf die Andächtigen wirkte. Zum Schluffe zelebrierte der Oberkantor das „Adonoj mo odom“ von Weintraub, begleitet von Chor und Orgel, mit feinnüanzierter Sangesweise und errang die vollste Begeisterung den Zuhörer. Das Gotteshaus war feierlich beleuchtet und von der jüdischen Legion tadellos in Ordnung auftecht erhalten. Man bemerkte viele Offiiziere und Honorasioren der Stadt..