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Die Wahrheit · 1917-07-27 · Heft 15 (27.7.1917) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 15 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Ihr dort, obgleich ihr Mörder seid gesamt Und würdigt jeden Tods und jeder Strafe: Ich wünschte nicht die Greuel noch vermehrt. Der König ist dort drin bei meiner Schwester, Und' voher schon ergrimmt, wird ihn ihr Anblick Aufstacheln zu vermehrter, neuer Wut. Auch dauert mich das Weib dort und ihr Kind, Unschuldig halb und halb auch, halb nur schuldig. Drum geht, weil es noch Zeit. Begegnet nicht Dem Rächer, der zum Richter noch zu heiß. Das Recht ist vollkommen auf ihrer Seite, wenn sie Manrique, der ihr vorhält: „Weib, wir sind Christen" erwiedert: „Nun, ihr habts gezeigt. Ich lobe mir die Jüdin, weiß es Gott!" So hätte Herr v. Millemkooich von Grillparzer lernen können. Daß die Kunst über Konfession und Nationalität erhaben ist, daß sie in kein Prokrustesbett hineingezwängt werden kann. Die Erfahrung hat uns wohl gelehrt, daß nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Dies kann jedoch nichts daran ändern, daß der neue Direktor der ersten deutschen Bühne eine Todsünde gegen den heiligen Geist der Kunst begangen hat, als er bei seinem Amtsantritt ein Wort aus dem Sprachschatz der unseligsten Polittk, die es gibt, im Munde führte. Ein ttestrauriges Zeichen des Niederganges! Der große Moment findet ein kleines Geschlecht. Im rumänischen Kriegsgebiet. Das „Hamb. Jsr. Familienbl." erhält von einem Mitarbetter im Felde einen Sonderbericht, der die Gefühle und Stimmungen der Juden in Rumänien wahrheitsgetreu zeichnet. Im besetzten Gebiete Rumäniens bewies die deutsche Militärverwaltung gegenüber den Juden denselben Gerechtigkettssinn, den sie auch in Polen und Lttauen seit Beginn der Okkupatton offenbarte; die Juden werden in jeder Beziehung den übrigen Landesbewohnern völlig gleich behandelt und empfinden es als eine Wohttat, von der Zurücksetzung erlöst zu sein, die sie zu rechtlosen „Fremden" erniedrigte. Anders in der Moldau, im nördlichen Landesteile, der noch unter der Herrschaft der allen Regierung steht. Hier ist es jetzt noch schlimmer als zuvor, und aller Zorn der besiegten Machchaber tobt sich an den wehrlosen Juden aus. Wird nach dem Friedensschlüsse ein verjüngtes, freiheitliches Rumänien unter dem Einflüsse der judenfreundlichen Mittelmächte und des neuen Rußland die Schuld seiner Vergangenhell ttlgen und die Emanzipatton der Ostjuden vollenden? Das ist die Schicksalsfrage, der man jetzt in allen Gesprächen mll rumänischen Juden begegnet, auf deren günstige Beantwortung bei einem künfttgen Friedensschlüsse die deutsche Judenhell mit allen Kräften hinwirken muß. So stehen die rumänischen Juden, deren Los ein derart ungewisses ist, unserem Mllgefühle jetzt besonders nahe. Daher benützte mancher jüdische Soldat, der für Deutschland und Oesterreich-Ungarn an der Putna, am Sereth oder an der Donau kämpft, mit Freuden die Gelegenheit eines Urlaubes, um Einblick zu nehmen in das so reizvolle Leben einer rumänischen Ostjudengemeinde dort unten in Europas Südostwinkel jensells der Transsylvanischen Alpen, in den schönen fruchtbaren Ebenen der Walachei. Solche Erlebnisse und Eindrücke in Braila, die dem Soldaten mitten im Kriege doch wenigstens einige Stunden eines Friedensglückes spenden, mögen wohl der Schilderung wert sein. Eine stattliche, in Rumänien gar angesehene jüdische Gemeinde hat ihren Sitz in Braila, der regsamen, wohlhabenden Hafen- und Handelsstadt am linken Ufer der Donau gegenüber der starken Festung Galatz, in der auch jetzt noch die Russen hausen. In Friedenszeiten beschäftigten sich die reicheren Mllgüeder dieser Gemeinde mll dem blühenden Getteideexport, der übers Schwarte Meer nach allen Ländern führte, und der Mittelstand fand ein gutes Auskommen im Kllinhandel, in Agenturen und Kommissionen. Der Wohl¬ Rr. 15.. stand der Gemeinde bekundete sich im Neubau eines schönen Tempels, dessen stolze Kuppel und auf Weiß-Gold fein abgetönte Jnnenarchitettur von gediegenem Geschmacke zeugen.. Auch für die sozialen und kulturellen Interessen des Judentums war Braila ein guter Boden. Nur ein Umstand engte die Entwicklung der Gemeinde ein und versagte ihr ein frohes Aufftteben, die Judenfeindschaft der Regierung und des von ihr verführten Volkes, die schmachvolle Ausnahmegesetzgebung, die den Juden der Verwaltungswillkür preisgab und oft die besten Elemente zum Auswandern zwang. Da kam, von Rumäniens Herren frevelhaft heraufbeschworen, im letzten Herbst der Krieg und stieß mit harter Faust das Althergebrachte und Gewohnte um. In siegreichem Vormarsch bis zum Sereth und zum Unterlaufe der Donau besetzten die Mittelmächte die Walachei und rückten ihre Heeresftont noch über Braila hinaus bis an die Mauern von Galatz vor. Tiefgehend waren die Folgen für die Juden der Stadt. Zahlreiche Familien flüchteten sich — törichterweise — in die Moldau, und für die Zurückgebliebenen war der Haupterwerb, der große Handelsverkehr, durch den Krieg unterbunden. Die wirtschaftliche Lage war also ernst und erfuhr allein durch die volkswirtschaftliche Fürsorge der rührigen Militärverwaltung der Mittelmächte eine allmähliche Besserung. Andererseits aber war den Juden Brailas fortan auch ein Gutes beschieden: Der „Landesfeind" zeigte sich ihnen freundlicher gesinnt als ihre eigene Regierung und gewährte ihnen jeglichen Rechtschutz und Freiheit in Handel und Wandel, so daß sie nicht mehr wie ihre Brüder drüben in der Moldau die Pogrome eines blutgierigen Pöbels und einer verlotterten Soldateska zu befürchten brauchten. Nur die Ungewißheit der Zukunft bedrückt die Gemüter. Wann wird der Friede kommen, was wird er uns bringen? Das war das Gepräge der jüdischen Gemeinde Braila, welche jüdische Soldaten der Mittelmächte begrüßte, die auf den Ruf des Feldrabbiners Dr. Gradenwitz von nah und fern zur Festfeier gekommen waren. In der Dämmerstunde traten in den stolzen weißen Bau des neuen Tempels in der Strada St. Pettu, durch dessen hohe vielfarbige Fenster ein heiterer bunter Schimmer bricht, jüdische Krieger bewegten Herzens ein und nahmen Platz in den zahlreichen Bankreihen. Vorne am Almemor der einheimische Chasen, ein stattlicher Mann von echt oftjüdischem Typus, der mit vielem Wohllaut die Lobgesänge urü) Gebete vorträgt. Neben dem Kantor im schwarzen Talar ein Mann im schlicht feldgrauen Ueberrock, den als einziges Abzeichen ein „Mögen Dowid" an silberner Halskette schmückt, der Feldrabbiner, der mit sinnendem Blicke die Gemeinde überschaut. Ist sie nicht in ihrer Zusammensetzung auch ein getreues Spiegelbild von Israels Zerstreuung über alle Länder? In der Menge dort' unter den blinkenden Leuchterkronen gewahrt er neben den deutschen Feldgrauen aus allen Gauen des Vaterlandes, jeglichen Dienstgrades und der verschiedensten Waffengattungen auch die Soldaten des verbündeten Oesterreich-Ungarn, den graubärttgen kriegserfahrenen Landsturmmann und so manches junge Blut, dem der Jomtow in Feindesland fern dem Elternhaus noch gar ungewohnt und beklemmend ist. Bulgarische und türkische Juden im Kriegskleid ihrer Heimatländer — auch bei ihnen ist der Ofsiziersrang vertteten — bezeugen im kameradschaftlichen Nebeneinander mit den Deutschen, Oesterreichern und Ungarn die Waffenbrüderschaft der Vierbundsheere. Seltsam ergänzt wird dieses militärische Bild durch einen rumänischen Kriegsgefangenen, dem als Juden unsere wohlwollende Verwaltung den Besuch des Gottesdienstes freigab.. Neben der Militärgemeinde das einheimische Zivil. Die Juden Brailas kleiden sich seit Jahrzehnten schon modern. „Stteimelach", Kaftan und Peies, für manchen sogenannten „Kenner" das unumgängliche Abzeichen der Ostjuden, sucht man in Braila und überhaupt in den rumänischen Städten vergebens. Männer und Frauen verraten in ihrer Tracht, für die das heiße Äalkanklima leichte helle Sommerstoffe vorschreibt, neben der farbenfreudigen Eleganz des Südländers auch den sicheren Geschmack und" das feine Schicklichkeits-

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