Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 15 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr. 15; Trauergesänge durch I. Kantor Mathias, Rabbiner Dr. Tagleicht und Schriftsteller SMolensky dem Verblichenen stimmungsvolle Nachrilfe hielten. Da» „christlich-germanische" Schönheitsideal. Von Bibliothekar Dr. P. Münz. Der Weltkrieg nötigt uns, von der Schale durchzudringen zum Kern des Lebens, vom Schein zum Sein, zum menschlich Bedeutenden. Das muß auch unsere Kunst spüren. Auch' in ihr müssen wir uns zum Ürphänomen des Natürlichen, Einfachen und Schlichten emporringen, damit von da aus ein besseres Neues entstehe. Dieses Ürphänomen in der Kunst hat sicherlich nichts mit dem die führenden Geister der Weltliteratur über Bord wersenden „christlisch-germanischen Schönheitsideal" zu schaffen, das der neue Direktor des Wiener Hofburgtheaters im Herzen trägt. Die Versicherung des Hofrates o. Millenkdvich. daß er stets bestrebt sein werde, „den christlich-germanischen Idealen unseres Volkes im Wiener Burgtheater einen festen Hort zu schaffen," hätte keineswegs den Beifall Goethes geerntet, der nach einen! Selbstbekenntnis an der homerischen wie an der nibelungischen Tafel geschmaust, aber für seine Person nichts gemäßer gefunden, als die Werke der griechischen Dichter. Bei den alten Griechen fand der große Heide, der im zweiten Teile seines „Faust" die griechische Helena als eigenstes Schönheitsideal aufstellte und verherrlichte, die Gesundheit und Natürlichkeit, die er bei den Modernen uur zu schmerzlich vermißte, so daß er zum Beispiel das Romantische direkt als das Kranke bezeichnete. Er müßte daher folgerecht mit seinen gewaltigen hellenischen Lehrmeistern aus dem Musentempel am Franzensring verwiesen werden. Vollends versteht es sich von selbst, daß der Dichter des „Nathan" aus dem Hofburgtheater mit Schimpf und Schande weggejagt werden müßte. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die AeUßerüng des Hofrates v. Millenkovich etwas Zweideutiges und Schillerndes an sich hat. Sie gemahnt stark an Adolf Bartels' Fanfaren. Schöne Seelen finden sich. Der christlichsozinle Bürgermeister der Kaiserstadt an der Donau beeilt sich denn auch, den neuen Direktor zu seinen! Programm, den christlich-germanischen Idealen unseres Volkes im Burgtheater eine würdige, vornehme Kunststätte zu bereiten, wärmstens zu beglückwünschen. Der Direktor eines erstktassigen Theaters, zu dessen Hausdichtern nicht wenige Juden zählen, sollte sich eines größeren Taktes befleißigen. Er erklärte auch, sein Hauptaugenmerk dem noch immer zu wenig gekannten und gewürdigten Grillparzer zuwenden zu wollen. Diese Erklärung macht ihm gewiß alle Ehre. Er hätte sich jedoch, bevor er den Mund vom Christentum und Germanentuni voll nahm, die Mühe geben sollen, sich bei Grillparzer Rats zu holen. Er hätte aus .den Gesprächen des Dichters, der ein entschiedener Josesiner war, mit einer seiner begeistertsten Verehrerinnen, Frau Auguste o. Littrow-Bischoff, entnehmen können, daß er die Absicht hatte, in seiner „Esther" sich über das Recht des Staates der Religion gegenüber, über die Stellung der Religion im Staate, über Glaubens- und Gewissensfreiheit auszusprechen. Und ist die Heldin des meisterhaften Fragmentes nicht ein köstliches Gefäß seelischer Anmut und sonniger Naivität? Sie ist unter allen Frauengestalten Grillparzers die vollendetste. Sie gibt uns das Ideal des Weibes: die Vereinigung männlich klaren und hohen Geistes, männlicher Energie mit weiblichem Empfinden, weiblichem Zartsinn, weiblichem Liebesreichtum. Sehr schön sagt Francis Wolf-Cirian iü ihrem Buche: „Grillparzers Frauengestallen" (Stuttgart und Berlin 1908): „So wie Esther durch die beiden vollendeten Akte wandelt, gehört sie zu jeden Menschen, die von der ganz großen und so unendlich seltenen Liebe durchtränkt sind wie eine Lilie von ihrem schweren, duftenden Oel. . . Für Menschen wie Esther ist die Liebe die Sonne des Lebens, ist ihre Lebenskraft. Und weil mit der Lebenskraft und ihrer größeren oder geringeren Fülle und Elastizllät auch die Lebensanschauung, das Wellbild dieser Menschen zusammenhängt, so wird für solche Menschen die Liebe zum festen Kristallisationspunkt ihres Weltbildes, zur bestimmenden Triebkraft ihres ganzen auf Zeit und Ewigkeit gerichteten Handelns. Eine solche Liebe ist organisch bedingt von hoher Kultur der Seele und einer untadeligen physischen und seelischen Reinheit. Wie genau sich auch der österreichische Dramatiker an die Bibel bindet, er zaubert doch als der erste in die naiven Figuren des Alten Testamentes den Pulsschlag lebendiger Menschen, gibt ihnen die Signatur fteien, selbstherrlichen Menschentums und hebt sie ebensowohl über ihre Zeit wie über ihre Rasse hoch hinauf in die Region einer kaum heute noch erreichten Kullur. Auf die starken kräftigen Farben der ersten Gefühle Esthers am königlichen loofe folgen wundersame, feinst abgestufte Uebergänge durch alle 'Nuancen von Esthers feuergoldenem Temperament bis zu den unendlich zarten Karniintönen verblassender Abendwölklein, die sich mit dem satten Grundblau des Himmels zu verschmelzen suchen." Wenn Grillparzer die Jüdin von Toledo auch mit allen Attributen der Kurtisane ausstattet, so gibt er doch auch ihr jene adelnde Treue, mit der er — Elga ausgenommen — alle seine weiblichen Naturen glorifiziert; er verleiht ihr jene Eigenschaft, die er am höchsten schätzte, und um derentwillen er vieles vergab, — die Wahrheitsliebe: Sie aber war die Wahrheit, ob verzerrt. All, was sie tat, ging aus von ihrem Selbst, Urplötzlich, unverhoft und ohne Beispiel. Sie ist übrigens keine gewöhnliche Dirne die den Herrscher, bloß weil er der Herrscher rst, umgarnen möchte, die bloß nach Prunk und Glanz, nach dem „Halsband mit Amethysten" begehrte und Alfonso lediglich als notwendige Zugabe mit in den Kauf nähme. Treffend bemerkt Emil Hirsch in „Grillparzers Dramen" : „Wer mag abschätzen, wie viele, die Rahel überstreng verurteilen, bereit waren oder wären, ihre eigene Ehe aus ähnlichen Motiven zu schließrn? Einer solchen formellen Moralität ist das Gebühren des sinnendurstig unbedenklichen Mädchens noch vorzuziehen, das sich aus freier Wahl verschenkt, wo andere sich ohne Steigung verkaufen, Rahel empfindet für den König, sobald sie ihn erblickt, 'Als ihr Idyll unter drohenden Vorzeichen endet, stößt sie an der Brust der Brüst der Schwester vor der sie sich gewiß nicht verstellt, schluchzend hervor: „Und Hab' ihn, Schwester, wahrhaft doch geliebt." Ihr gewagtes Kokettieren mit Garceran ziel nur darauf ab, den König, der sich ihrer Herrschaft zu entwinden beginnt, durch (Äfersucht stärker anzulocken. Sahen wir Alfonso doch rasch bereit, den Hüter, den er selbst der schönen Jüdin bestellt, argwöhnisch zu beobachten, und der bei aller Torheit schlauen Rahel blieb dieser Charakterzug, den sie jetzt auszunützen strebt, ohne Zweifel kein Geheimnis." Ihr Gefühl für den König ist echt; durch ihre Liebe zu ihm wird sie zur tragischen Figur, wo eigennützige Gemeinheit nur anekeln könnte. Der einzige ideale Charakter in der „Jüdin von Toledo" ist Rahels Schwester Esther. Sie ist die Verkörperung jener anspruchslosen, von 'jedem gekannten und von keinem beachteten Wesen, die still und klaglos ihr Dasein ganz in den Dienst der Ihren stellen, sich für diese opfern, als verstünde sich das von selbst. Ja, sie erstrahlt als eine Heilige, indem sie nach Verübung der Tat, für deren Verhinderung sie gern ihr Leben hingegeben hätte, gleich dem die Sttmme des Herzens durch das herbe Pflichtgefühl zum Schweigen bringenden Bamban keine Vergeltung begehrt, den König auf seine hehre Mission verwefft, ihm zurust: „Uns sei der Jammer, du tteüne dich nicht, Herr, von seinem Volk" und die Mörder höchgetnut mahnt: