Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 14 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 14. gehen zu wollen. Alle Parteien im Reichsrate arbeiten energisch und einmütig den gewaltigen Augiasstall, den ihnen die absolute Regierung Stürgkh hinterlassen hat, zu räumen. Bei diesem Unternehmen erwarb sich der bekannte Ethiker Dr. Ofner hohe Verdienste. Besonders erfreulich ist die Tatsache, daß sich an diesem Unternehmen nun auch die ehemaligen Gegner des Parlamentes, die Deutsch-Nationalen und Christlichsozialen, wacker beteiligen. Schon vor den: Zusammentritte des Abgeordnetenhauses gaben es einzelne Führer zu/ daß sie Fehler begangen haben, so Herr Steinwender'im „Neuen Wiener Tagblatte". Der deutschnationale Abgeordnete Herr Lodgeman geht noch weiter indem er sagt: „Man hört vielfach, daß das Schlagwort von der Demokratie ein Schlagwort der Juden und Sozialdemokraten sei." Freilich, wenn die übrigen Parteien es den Juden und Sozialdemokraten überlassen, dann wird die Demokratie eben immer ihre Sache bleiben. Den durchschlagendsten Erfolg erzielte aber der demokratische Wille des Kaisers. Selbst der Führer der entschiedensten Opposition, der czechische Abgeordnete Stanek bezeichnete den edlen Monarchen mit dem Ausdrucke „Volkskaiser". Durch früher erfolgte Gnadenakte erleichterte der Kaiser die Arbeit Dr. Ofners wesentlich. Durch das Verbot des Anbindens und Fesselns gewann er die Herzen des unteren Militärs und selbst der Sozialdemokrat und parteimäßige Republikaner Abgeordneter Pernerstorfer erklärte im Abgeordnetenhause: „Wir Sozialdemokraten nehmen keinen Anstand anzuerkennen, daß der heutige Amnestie-Erlaß eine Tat ist, wenn er von einer menschlichen Seele gekommen ist, wenn er gekommen ist aus dem Verantwortlichkeitsgefühl für alles das, was geschehen ist. Wir sind gute Oesterreicher und wollen ein Oesterreich, weil wir es als eine Notwendigkeit ansehen." Wenn nun auch der Führer des deutschnationalen Verbandes, Abgeordneter Tobernik, in einer Erklärung das Mißvergnügen dieses Verbandes über die Amnestie und das Mißtrauen gegenüber dieser Regierung aussprach, so verwarf er doch den Gedanken der „Kaisertreue auf Kündigung" und erklärte: „Wir werden dem Vaterlande nach wie vor bedingunglos dienen." Die Hetzreden einiger Herrenhäusler verbesserten die versöhnliche Stimmung im Sinne des Kaisers auch nicht und die hohen Herren erreichten auch jenes Niveau nicht, welches der Erklärung des christlichsozialen Abgeordneten Fink zukommt. Die jüdischen Staatsbürger ersehnen nichts sehnlicher als die Versöhnung der streitenden Nationalitäten, denn die Streitenden suchen bekanntlich bei solchen Gelegenheiten immer und überall die Juden als Prügelknaben vorzuschieben. In noch höherem Maße tun dies alle politisch Schuldigen. Dies zeigte sich im Verlaufe des Weltkrieges, der den jüdischen Staatsbürgern überall verstärkte Leiden und Qualen verursachte und auch die gesunkene Tiszapartei in Ungarn suchte unlängst ihren Groll über den neuen jüdischen Justizminister Dr. Vaszony durch einen niedlichen Pogrom zu dokumentieren. Allein er gelang schließlich nicht, denn sogar die ungarische Volkspartei, die ehemals bekanntlich den Katholizismus und Antisemitismus hervorkehrte, ergriff nun entschieden die Partei des Juden Vaszony. Große, ethisch gesinnte Juden vermögen auch heute noch Wunder zu wirken. Auch in Oesterreich sind es hauptsächlich die Schuldigen, welche nach der Manier des flüchtenden Diebes die Aufmerksamkeit der geschädigten Menge auf die jüdischen Rattenhändler und Preistreiber zu lenken suchen, aber auch die Armen im Geiste begreifen, daß Gärtner, welche für 1 kg Salat K 1.20 für einen kg Fisolen 3 bis 4 L nehmen und Großagrarier wie Großbauern, die horrende Preise für Fleisch, Milch, Fett, Butter, Rüben und Kraut in dieser schweren Zeit der Not erzielen und keine Kartoffeln liefern, solange ihnen der beförderliche Höchstpreis hiefür zu niedrig scheint, ebenfalls zu den Gemeinschädlingen gehören, wenn sie auch christliche Arier sind. Mit der Haltung seiner Parteikollegen stimmte die Rede des Abgeordneten List schlecht, der behauptete, in den Lebensmittelzentralen befänden sich lauter Juden (?) und seien Judenversorgungsanstalten. Gibt es in der christlich-sozialen Partei keinerlei „Freunderlwirtschaft"? Haben sich während der harten Kriegszeit nicht auch viele Bauern von ihrer Schuldenlast befreit oder bereichert? Sind nun alle Juden Millionäre geworden? Der Wille der Regierung eine Verfaffungsreform in Oesterreich einzuleiten, ist zu begrüßen, aber der Arbeitsausschuß hiefür muß ja nicht den ominösen Namen „Staatsrat" führen. Die neue Verfassung müßte aber den Völkerfrieden und die Stärkung der Zentralgewalt zum Ziele haben. Der Weltkrieg hat übrigens mächtig aufgeklärt und in die tendenziöse Mache aller Art hineingeleuchtet. Furcht vor drohenden Folgen solcher Tendenzmache ist daher unbegründet. „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels!" Durch Gottes Macht und Güte kann auch das grausame Wüten des Krieges bald und unerwartet das heißersehnte Ende finden und am ganzer: Erdbälle, wie innerhalb unseres Staates alle nationalen, konfessionellen und sozialen Gehässigkeiten in Völkerversöhnung, Frieden und Menschenglück wandeln. R. L. Israelitische Allianz;n Wien. Die 44. ordentliche Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien fand am 25. Juni in wohnter Weise im Saale der israelitischen Kultusgemeindstatt. Anwesend waren in Verhinderung des Präsidenten Dr. Alfred Stern, Dr. Arthur Kuranda als Vorsitzender und die Herren Dr. Katzau, Wilhelm Pappenheim, Dr. Nirenstein, Dr. Breuer,, Hofrat Dr. Löwner, Julius Wolf, Sekretär Dr. Armand Kaminka. Ferner die Ger-- meinderabbiner Dr. Feuchtwang und M. Kramer, Ragierungsrat Dr. S. Frankfurter, Oberingenieur Stricker, Revisor R. Taussig, Handelskammerpräsident Lazar Bloch, die Schriftsteller Dr. I. .S. Bloch, Dr. M. Löwy und Samuel Beilelheim, Bernhard Hofbauer, Rudolf Fuchs, Prof. M. jcntscherl, die Inspektoren der Baron Hirschstiftung, Wilhelm Engländer und Nathan Sperber, und andere bekannte Persönlichkeiten. Durch Abwesenheit von Wien oder sonstige Verhinderung entschuldigt waren außer dem Präsidenten die Reichsratsabgeordneten, Ministerjalirat Kuranda und kaiserlicher Rat Edmund Rauch, Rabtbiner Dr. GruNwald, kaiserlicher Rat Julius Stern. Der Vorsitzende eröffnet die Versammlung, indem er des großen und schmerzlichen Ereignisses des verflossenen Jahres, des Dahinscheidens des Kaisers Franz Josef gedenkt und der Trauer der Israelitischen Allianz Ausdruck gibt. Mit der dankbaren Erinnerung an den Heimgegangenen, gütigen und gerechten Monarchen verbindet die Allianz in dieser ersten Jahresversammlung unter der Regierung Seiner Majestät Kaiser Karl I. die ehrfurchtsvolle Huldigung für den neuen Herrscher, dem es beschieß den war, in den Stürmen eines Weltkrieges den Thron seiner Ahnen zu besteigen. Beim Uebergang zur Tagesordnung wird über Amtrag des Herrn Dr. Bloch von der Verlesung des gedruckt vorliegenden, umfangreichen Berichtes abgesehen. Herr Rudolf Fuchs weist auf die in jeder Beziehung großartigen humanitären Leistungen des Vereines, die von Jahr zu Jahr gestiegen sind und regt an, daß die Mit-- . glieder aufgefordert werden mögen, ihre Beiträge zu viendoppeln. ' , Prof. Antscherl, Handelskammerpräsident Bloch und Rabbiner Dr. Feuchtwang sprechen rm Namen der Mitglieder der gesamten Monarchie dem Vorstände und dem Sekretariat in begeisterten Worten den Dank aus für die weitverzweigte, durch viele hunderte Hilfskomitees in so großem Umfange wie im Berichte geschildert, an die Flüchtlinge, an die notleidenden Gemeinden in Galizien / und in den okkupierten Gebieten gewährte Hilfe.