Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 13 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheti Nr. 13. / des Justizrats Dr. Francken wurde beschlossen, zunächst nur auf die Pacht und nicht auf Ankauf derartiger Güter auszugehen, da auf diese Weise die Kosten des Verfahrens verringert würden. Die Judeufrage i« England. Als Nikolaus Romanow noch den Thron des heiligen Rurik innehatte — es ist noch gar nicht so lange her, obzwar eine Ewigkeit seit seinem Sturz durch die Revolution verflossen zu sein scheint —, gestattete die englische Regierung den in England befindlichen russischen Juden, die unter Väterchens Fahnen nicht kämpfen wollten, in scheinbarer Großmut den Eintritt in die englische Armee. Jetzt, da der gehaßte Zarismus, wie Hegel gesagt haben würde, zu einer blaffen historischen Kategorie geworden ist, haben die von ihm über den Ozean gehetzten armen Menschen den Wunsch, in das Land zurückzukehren, das sie, trotz aller Wunden, die es ihnen schlug, als Vaterland empfinden. Aber die englische Regierung sagt Nein! Sie kann die russischen Juden sehr gut als- Kanonenfutter brauchen und hat nicht die mindeste Neigung, sie an die russische Reoolutionsarmee abzugeben, in die sie eintreten wollen. In London fand dieser Tage eine große Versammlung statt, die sich mit diesen Dingen beschäfttgte und auf der verschiedene Umstände zur Sprache kamen, aus denen hervorgeht, daß ein wüster Antisemitismus in England das Haupt erhebt, der an Niedrigkeit der Gesinnung und Methoden an die übelsten Tradttionen russischer Observanz anknüpst. Die Versammlung fand iu Whitechapel statt, dem Londoner Getto, aber nicht in dem Lokal, wohin sie einberufen worden war, da der Wirt, dem Druck der Behörden weichend, sich weigerte, den bereits bezahlten Saal zu öffnen. Den Vorsitz in der Versammlung führte Lord Sheffield, der bekannte jüdische Philanttop, gegen den die Northcliffe-Presse darauf natürlich prompt ein scharfes Kesseltreiben eröffnet hat. Die Eröffnungsrede hiell in jüdsscher Sprache der Sekretär der Londoner Zionisten. Unter stürmischen Demonstrationen der Anwesenden, die nach vielen Tausenden zählten, protestierte er mit leidenschaftlichen Worten gegen das völkerrechtswidrige Verhallen Englands, das in den russischen Juden Bürger einer fremden Naüonalität zu Kriegsdiensten zwinge, ein Vorgang, der übrigens ein würdiges Gegenstück in dem Verhalten der rumänischen Regierung oder dessen, was von ihr übrig geblieben ist, finde. Lord Sheffield erklärt darauf, es sei ein nichtswürdiges Unding, wenn irgendeine Regierung von Männern, die sie nicht als Vollbürger behandelt, die Erfüllung der letzten Bürgerpflicht, den Tod in Waffen, zu verlangen wage. Kein russischer Jude dürfe gezwungen werden, in englische oder rumänische Kriegsdienste zu tteten, wenn er sich bereit erkläre, seine Dienstpflicht seinem eigenen Vaterlande gegenüber tteu zu erfüllen. Schließlich wurde die folgende Resoluüon angenommen: 1. Die Versammlung protestiert gegen die völkerrechtswidrige Pressung russischer Staatsbürger jüdischen Glaubens zu Kriegsdiensten unter nichttussischer Fahne und verlangt Erleichterungen zum Zwecke der Rückkehr russischer Juden und ihrer Familien nach Rußland. 2. Die englische Regierung verstößt gegen die von ihr offiziell verttetenen liberalen Grundsätze insofern, als sie es duldet, daß in England antisemitischen Tendenzen Platz greifen, und auch insofern, als sie nichts tut, um Tendenzen dieser Art, die sich in anderen alliierten Ländern (Frankreich?) breitmachen, zu bekämpfen. 3.. Die in englischen Militärdiensten stehenden russischen Juden sind, sofern sie es wünschen, sofort zu besonderen Formaüonen unter nattonalem Kommando zusammenzufassen und mll tunlichster Beschleunigung zur Verwendung an der russischen Front, im Falle der Fontdienstuntauglichkeit im russischen Hinterlande zu verwenden. Ungeheure Auftegung bemächttgte sich der Versammlung, als Nachrichten über die pogromarttgen Unruhen verlesen wurden, die in Leeds und anderen englischen Provinzstädten in wachsender Häufigkeit Vorkommen. Der Abgeordnete King hielt eine Rede, in der er unter anderem ausführte, die englische Demokratie hätte sich während des Krieges so unglaublich verändert, daß sie gegenwärtig dem zarischen Rußland ähnlicher sehe als sich selbst. Er stellte eine scharfe Interpellation im Unterhaus in Aussicht und versprach, dafür zu sorgen, daß der Wunsch der Versammlung, so bald als möglich nach Rußland zurückzukehren, in Erfüllung gehe. Mit dem Wunsche nach baldiger Wiederkehr friedlicher Verhältnisse schloß die Versammlung. Viel bemerll wurde_die Abwesenheit des letzten englischen Rothschild namens Alfred, der nach dem eben erfolgten Tod. seines älteren Bruders Leopold zurzeit der einzige Chef des Londoner Hauses ist. Wahrscheinlich wollte er sich nicht die Gunst seines Freundes Lloyd George verscherzen, der in letzter Zeit sehr empfindlich geworden ist, obzwar, wie die Dinge liehen, die englische Regierung das Haus Rothschild mehr braucht, als das Haus Rothschild die Regierung^. Aber Mister Alfred hatte schon immer mehr Talent zum englischen „Patrioten" als zum Juden. Was ihn betrifft, so kann die englische Regierung mit „Väterchens lieben Juden" umspringen wie es ihr beliebt. Er selbst sitzt schön weich im Chefkontor von New Court und merkt vielleicht nicht einmal, daß die Nachrufe auf den toten Bruder merkwürdig kühl und doppelgründig sind. Wohl dem Mann, der eine dicke Haut sein eigen nennt! Die Zahl der Jude«. In der Zeitschrift „Der Jude" macht Dr. Arthur Ruppin folgende interessante Mitteilungen über die Zahl der Juden und ihre Verteilung auf die einzelnen Erdteile und Länder. In Europa leben insgesamt 9,805.701 Juden, davon im europäischen Rußland (ohne Polen) 4,405.063, in Polen 1,533.716; in Oesterreich 1,325.537 (baoon in Galizien . 871.895; in Ungarn 932.458 sin Deutschland 615.021; in Rumänien 266.652; in Großbritannien 240.000; in, der europäischen Türkei (vor dem Balkankrieg) 188.896 (inzwischen hat sich die Zahl durch Abttetung von Gebietsteilen an Griechenland und Bulgarien auf etwa 100.000 vermindert); in den Niederlanden 106.409; in Frankreich 100.000;' in Belgien 50.000; in Italien 48.924; in Bulgarien mit Ostrumelien (vor dem Balkankrieg) 40.119 (jetzt zirka 50.000); in der Schweiz 19.023; in Griechenland (vor dem Balkankrieg) 8250 (jetzt 90.000)- in Serbien 5997; in Dänemark 5164; in Irland 5101; in Spanien 4000; in Schweden 3912; in Gibraltar 1300; in Luxemburg 1270; in Portugal 1200; in Norwegen 1045; auf Kreta 487; auf Malta 58. In Amerika beträgt die Zahl der Juden insgesamt 2,696.550. Davon leben in den Vereinigten Staaten 2,500.000, und zwar im Staate New-L)ork rund 1,400.000, in den Staaten Illinois und Pensylvanien je zirka 150.000, in Massachusetts 100.000, der Rest in den übrigen Staaten (etwa 350.000 in den Nord-, 250.000 in den Süd- und 100.000 in den West-Staaten). In Kanada leben 74.564, in Argentinien 100.000, in Mexiko (unter Berücksichtigung der Zuwanderung seit der letzten Zählung im Jahre 1895) 15.000, in Kuba und Brasilien je 5000, in Jamaika 2000, in den übrigen Staaten 4014. In Asien leben 530.335 Juden. Davon in Türkisch- Asien 290.000, und zwar in Palästina 100.020, in Kleinasien und Syrien (außer Palästina) 90.000, in Mesopotamien nnd Arabien mit Aden je 50.000. In Russisch-Asien leben 120.636, und zwar im Kaukasus 75.88,8, in Sibirien 40.443, und in Mittelasien 14.305. In Persien leben 49.500, x in Buchara 20.000, in Turkestan und Afghanistan 18.315, in Indien 20.980, in Niederländisch-Jndien 8605, in China und Japan 2143. — In Afrika beträgt die Zahl der Juden insgesamt 514.463. Davon leben in Marokko , - / ' V