Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 13 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063801-3063814--10365-3077695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 13. bei weitem die ungeheuren Massen der Verbraucher, die aus den ungezählten Scharen der Festangestellten aller Kategorien, den Kleinbauern, Kleingewerbetreibenden und Arbeitern bestehen. Diese Volksmassen verspüren die Kriegsfolgen am härtesten und ungemildert, denn sie können der Lebensmittetteuerung keine außerordentlichen Kriegsgewinne entgegenstellen. Die Kriegstreiber, versteifen sich nun hauptsächlich auf die Frage, wer den Weltkrieg vom Zaune gebrochen habe, um denselben exemplarisch dafür zu bestrafen. Nachdem aber der Weltkrieg schon Jahrzehnte vorher vorbereitet und augezettelt wurde, ist diese Untersuchung belanglos und ungeeignet, den Frieden zu erzwingen. Logischer ist die Untersuchung, welcher Teil nun den allschädigenden Weltkrieg noch zu verlängern sucht und sich gegen jeden Verständigungsversuch wehrt. Wohl ist ein allgemeiner Weltfrieden einem Sonderfrieden vorzuzuziehen, wenn man aber 'den ersteren mit allen Mitteln krampfhaft abwehrt, dann ist ein Teilfrieden doch noch immer besser als gar keiner, zumal ein Teilfrieden auch geeignet sein kann, den allgemeinen zu erzwingen. Mit Neid blicken wir in Oesterreich nun auf Ungarn. In beiden Reichshälften mußten die Regierungen wechseln. Während aber in Ungarn ein Magnat den demokratischen Sinn aufbringt, das allgemeine und gleiche Wahlrecht auf sein Programm zu setzen, eine weitzügige Fürsorgeaktion zu versprechen, einer demokratischen Grundbesitzpolitik nicht im Wege zu stehen und die Volkserziehung zu heben, -wußte der letzte österreichische Ministerpräsident im Reichsrate kein anderes Programm aufzustellen als „Oesterreich". Seine „umfassenden Vorschläge" wollte er im „geeigneten Zeitpunkte" oorlegen. Die Folge dieses zaghaften Auftretens war nun wieder eine bedenkliche Ministerkrise. Wohl ist aber in Oesterreich keine Regierung und keine Volksvertretung ob der ungeheuren Aufgabe zu beneiden, die sie nun nach dem dreijährigen absoluten Regiine Stürgkh zu leisten hat. Sie soll nun den gewaltigen Augiasstall, den der § 14 angefüllt hat, räumen und die gegen einander gehetzten Nationen und Parteien wieder versöhnen. Sie soll wor allem die Kriegsnot mildern und die Volksrechte mit den Pflichten in Einklang bringen. Wird dies eine neue Regierung können? Um das Volkshaus arbeitsfähig zu machen, müssen vor allem die vielen öden nationalen und konfessionellen Gehässigkeiten gegen einander verstummen. Die Mechode, die verschiedenen Nationen, Konfessionen und Klassen gegen einander auszuspielen,; 'musse in Oesterreich endgiltig verlassen werden. Schneidige Redner, wie Wolf, Dr. Stransky, Daszynsky, Neunteufel oder Zwischenrufer wie Heine und Max Winter fördern den inneren Frieden und das Recht nicht. Auch dis jüdischen stets staatstreuen Staatsbürger können derartige Späffe nicht verstehen oder gar gutheißen, wenn ein General in Russisch-Polen erklärt, er müsse die Juden daselbst nach russischen Gesetzen behandeln, weil dies die „Haager Konventton" verlange. Ist die österreichische Armee nicht aufgezogen, die unterdrückten Völker vom zarischen Joche zu befreien? Ebenso ungereimt ist es, wenn rumänische Juden, die in ihrer Heimat als Fremde behandelt wurden, nun als feindliche Rumänen in Konzentrattonslager interniert wurden. Jüdische Preistreiber und Kettenhändler sollen nach dem Gesetze bestraft werden,, aber man möge nicht alle Juden dafür verantwortlich machen, wie dies der christlichsoziale Mgeordnete Dr. Jerabek mit Drohungen tat. Die christlichen agrarischen Kriegsverdiener stehen in dieser Richtung auch nicht rein da. Uebrigens geruhte dieser Judenfeind auch zuzugeben, daß es „auch brave Juden und jüdische Soldaten gab." Und der christlichsoziale Abgeordnete Hauser verkündete gar: „Die christlichsoziale Partei ist angesichts der schweren Lage des Vaterlandes bereit, ihre parteimäßigen Forderungen zurückzustellen." Auch die Deutschnattolen sind plötzlich versöhnlich geworden und wollen nun in den deutschen Block neben die christtichsozialen auch die deutschen Sozialdemokraten und die Wiener ftechettlichen Abgeordneten hineinnehmen. Dieser Block bliebe also nicht länger „judenrein", wüs in einer Zeit, in der es in Ungarn sogar einen jüdischen Minister gibt, nicht wunderlich sein kann. Wsnn der deutsche Block die bornierte Judenfeindschaft aufgibt, dann werden die jüdischen Staatsbürger dieser Vereinigung ebenso wenig Widerstand entgegensetzen, wie dies der Obmann der „Freien Schule," Freiherr von Hock, tut, denn sie sind und waren allezeit Friedensfteunde und leicht versöhnlich. R. L. Hübe« mrd drüben. Es gibt wohl kaum einen schärferen Gegensatz als den, der gegenwärtig zwischen den politischen Erscheinungen in Oesterreich und Ungarn zu Tage tritt. Es sieht fast so aus, als ob die Leitha zwei verschiedene Welten trennen würde. In Ungarn ein von modernen sozialen Gesichtspunkten geleitetes Ministerium, das einander bekämpfende Parteien zu gemeinsamer Arbeit zusammenspannt, im österreichischen Parlament nationales Gezänke und staatsrechtliche Phantastereien, die selbst die Bewilligung der dringendsten Notwendigkeiten hemmen und ver-" zögern. Hier Pogromreden im Abgeordnetenhause und dort ein jüdischer Justizminister, der in den Rat der Krone berufen wird. Dr. Wilhelm Vazsonyi ist übrigens eine der populärsten Persönlichkeiten in, Ungarn, und ein Journalist, der ihn in den letzten Tagen sprach, berichtet laut Mitteilungen der „Jüdischen Korrespondenz" folgendes: Wenn man von der Wahlreform in Ungarn spricht — und alle Ungarn reden trotz Krieg und Kriegsgeschrei mit dem ihnen eigenen Temperament von diesem Problem — so hört man alsbald den Namen „Vazsonyi" fallen. Dr. Wilhelm Vazsonyi ist. heute der populärste Mann Budapests, das in ihm den unbeugsamen Vorkämpfer, den.Apostel des allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechtes, der Wahlreform in ihrer schärfsten und radikalsten Auslegung erblickt. Lch treffe ihn im 'Stadthause beim Bürgermeister Dr. Barczy, umgeben von ungarischen Kollegen, Wilhelm Vazsonyi erzählt, wie er Minister wurde, Justizminister, obwohl wie er sich ausdrückt, bei ihm „erschwerende Umstände vorliegen", womit er seine 'Konfession meint. Und es bereitet ihm offenbar lebhafte Genugtuung, daß er der erste jüdische Minister der Monarchie ist- Vazsonyi ist im Jahre 1868 in Sümegj geboren. Er studierte in Budapest die Rechte, wurde bereits ans der Universität Führer der Liberalen Studentenschaft und exponierte sich 1889 in der Wehrgesetzftage so sehr, daß man glaubte, seine akademischen Ambitionen würden mit einem Ruck abreißen. Frühzeitig betätigte sich Vazsonyi publizistisch, und zwar sowohl als LeitartWer im „Pesti.Hirlap" 'wie als Verfasser politischmiissenschastlicher Arbeiten, insbesondere über die Selbstverwaltung, das Wahlrecht, das Plazet und dergleichen. Im Jahre 1894 etablierte er sich Äs Advokat und wurde in die Staötvertretung entsendet, wo er die demokratische Partei begründete. In der Stadt- Vertretung setzte sich Vazsonyi, dessen überschäumendes Temperament, dessen meisterhafte Beredsamkeit und dessen beißende Ironie im Angriffe inzwischen in ganz Ungarn bekannt und vielfach — gefürchtet wurden, mit Nachdruck für die Kommunalisierung der verschiedenen großen Institute Budapests ein. Parallel damit liefen seine großzügigen Aktionen gegen das Duell und zur Rezeption der jüdischen Religion. Es Ist charakteristisch für die Wertung, die man ihm auf sozialpolitischen Gebiete zollt, daß Vazsonyi Präsident jenes 36 er-Ausschusses ist, dem die sozialpolitischen Agenden Budapests obliegen, obwohl die Majorität des Ausschusses, gegen die er selbst sich in Oppositton. befindet, nicht seiner, sondern der gegnerischen Partei angehört.