Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 12 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 12. überall im Orient Sitte ist. Bei der Mahlzeit sitzen sie mitten im Zimmer im Kreise herum, in der Mitte das älteste Familienmitglied. Oeseu haben sie nicht, in der kalten Jahreszeit stellen sie ein kupfernes oder eisernes Becken auf mit glühenden Kohlen, um welches daS ganze Hausgesinde sich herumsetzt und sich wärmt. Auf dem Boden schlafen sie, indem sie sich mit Tüchern bedecken, die ihnen vielfach auch alS Kopfkissen dienen. Erst in neuerer Zen haben die Reicheren unter ihnen angefangen, sich Tisch und Stühle zu beschaffen. In ihrer Kleidung unterfcheiden sie sich nur dadurch von ihren Nachvaru, dag sie auch das kleine Schanfädeukleid tragen. Ihr Hanplgewand ist eine Act breiter und langer Rock (Chalat) aus Baumwolle. In der Zeit der Not trägt die ganze Familie diesen Chalat. Am Sabbat und an Festtagen tragen sie seidene Chalate oder solche aus anderen schöne», gefärbten Stoffen. Ihre Lieblingsfarben sind grün und rot. Die Reichen tragen ebenfalls den Chalat, nur umschließen sie ihn oben mit einem mit Diamanten oder anderen kostbaren Steinen besetzten Gürtel. Die Frauen kleiden sich wie ihre mnhamedanifchen LandSmänninen. Ans der Straße tragen sie ein „Parandscha" , genanntes Gewand, eine Art weiter Chalat mit weiten Aermelu, die nur zum Schmucke herabhängen. Mit diesem Chalat bedecken sie ihren Körper von Kopf bis Fuß. Biele tragen auch Schleier, damit sie nicht von fremden Männern gesehen werden könlien. An den Füßen tragen Männer und Frauen leichte lederne Schuhe, ansgenäht mit Wolle, und über den Schuhen tragen sie immer Galoschen, die sie abnehmen, wenn sie ein fremdes Hans betreten, weil es bei den Muselmännern verpönt ist. Staub in ein Haus zu bringen. Was die Kopfbedeckung betrifft, müssen die Bncharer Juden, im Gegensatz zu ihren mnhamedanifchen Landsleuten, kleine Hüte tragen, die teils aus Karaknl, teils aus Baumwolle oder Wolle angefertigt werden. In Essen und Trinken besteht kein Unterschied zwischen ihnen und den Mnhamedanern. Unser Brot kennen sie nicht. Sie backen Kuchen und Mazzoth. Ihr Leibgericht ist Schaffleisch mit Reis und Baumöl. Die Speise ist im ganzen Orient unter dem Namen „Kalali" bekannt. Sie essen sehr viel Obst, und ihr einziges Getränk ist grüner indischer Tee. Sie rauchen das Narghile oder Tschile, wie sie er nennen. Ihr Leben ist patriarchalisch. Der Vater ist der Alleinherrscher im Hause, und Alle müssen ihm gehorchen. Die Frau steht bei ihnen auf einer sehr niedrigen Stufe. Das Verbot des Robben» Gerschom betreffs der Polygamie kennen sie nicht, aber nur sehr wenige unter ihnen haben mehrere Frauen, weil/die russische Regierung dagegen ist. Der Mann erlaubt sich oft seine Frau zu schlagen. Die Männer sind von sehr starkem Körperbau, die Frauen schwach und kränklich. Ein Samarkauder Arzt zählte unter seinen Patienten Kl) Prozent jüdische Frauen. Das kommt auch daher, daß sie sich sehr jung verheiraten, oft schon zu 14 Jahren, wenn ihr Körper noch nicht entwickelt ist. Geistig stehen sie sehr tief, aber allmählich machen sich Fortschritte bei ihnen bemerkbar, besonders seitdem sie mit den übrigen Inden Rußlands in Berührung gekommen sind. Ihre Kmder erziehen sie sehr religiös. Mit 5 Jahren schicken sie sie zur Schule, wo sie bis zum 13. oder 14. Jahre bleiben und lernen. Das Cheder befindet sich in der Regel im Synagogenhof. Der Unterricht erstreckt sich auf Hebräischlesen und Pentatenchübersetzen mit dem Kommentar Rafchis- Lehrer und Schüler sitzen auf der Erde und schreien alle zusammen so laut, daß einer kaum den andern versteht. In jüngster - Zeit wurden einige Reformen im Chederwesen eingeführl. Man ließ Lehrer aus Palästina kommen, die auch die Funktionen eines Schochet auSüben. Sie sprechen mit den Kindern Hebräisch. Viele Inden lehren ihre Kinder auch Russisch, dessen sie ans geschäftlichen Gründen bedürfen. AuS diesem Grunde lassen sie dieselben die Volksschulen besuchen, welche die russische Regierung für die Mnhamedaner eröffnet hat. Dort haben sie jedoch von ihren andersgläubigen Mitschülern viel zu leiden, die sie. wegen ihrer, großen, geistigen Fähigkeiten stärk beneiden. Die Bnchaner Inden sind sehr religiös, nehmen es sehr genau mit den Speisegesetzen und mit der Beobachtung des Sabbats. Die Geschäfte werden schon am Freitag Nachmittag geschlossen, und alle gehen dann zum Baden zu Ehren des Sabbats. Zur Synagoge gehen alle Bncharer Inden dreimal täglich. Dort sitzen sie auf kleinen Bänkchen oder auf bloßer Erde. Während des Gottesdienstes herrscht feierliche Stille. Man hört nur die Stimme des Borbeters, die Gemeinde verhält sich ruhig und betet leise mit. Zum „Achtzehngebetwendet man sich nach Westen. Die Frauen gehen nur am Rosch haschonotz und Jom Kippur zur Synagoge, aber sie sagen uw „Boirach, hu uworuch schemau“ und „Omea“, denn sie können nicht Hebräisch lesen. Nach dem Beten versammeln sie sich in einem Privathanse, und der Aelteste unter ihnen trägt ein Gebet vor, welches beginnt mit den Worten: „Boneh Jeruscholajim Adonai, nidche Jisroel jechanes“ und er schließt mit Psalm 121 ans Persisch, wie sie überhaupt viele persische und tatische Gebete in ihrem Ritual besitzen. In ihren sonstigen religiösen Gebräuchen unterscheiden sie sich kaum von den russischen Inden. Nur am Rüsttage zum Peffachfeste bringen sie noch das Pessachopfer. Jeder Jude pflegt ein Lumm zu schlachten. Ist er arm, so verbmdet er sich zu diesem Zwecke mit anderen armen Leuten. Die besten Stücke erhalten die Rabbiner und die Vornehmen. 'Gleich nach Pessach wird schon Weizen bestellt für die Mazzoth zum nächsten Pessach. Jerusalem ist ihnen sehr teuer, die Meisten von ihnen machen es sich zur Pflicht, ein öder zwei Mal im Jahre dorthin zu pilgern. Mit ihren Mitbürgern treten sie nur zu geschäftlichen Zwecken in Beziehung, sonst haben sie mit ihnen nichts zn tun. Es herrscht zwischen ihnen eine alte Feindschaft noch ans der Judenverfolgungen in Persien und Buchara. Ans die Russen haben die Bncharer Inden als ans ihre Befreier gehofft. Die russische Regierung hat auch tatsächlich ihre Vaterlandsliebe und ihre Fähigkeiten anerkannt. Sie waren die ersten, die den Handel im Lande zur Blüte gebracht haben; besonders in der Baumwollindnstrie haben sie Großes geleistet. Als die Russen Turkestan eroberten, war das Land wüst und leer. Keiner der Bewohner war imstande, etwas für die Entwicklung des Landes zn tun außer den Inden. Sie haben die Verbindung des Landes mit den großen russischen Handelsstädten, besonders mit Moskau, hergestellt. Eine Zeitlang war die russische Regierung sehr freundlich gegen die Bncharer Inden. Im Jahre 1866 kam die erste judenfeindliche Bestimmung, daß kein Jude in Turkestan Land kaufen sollte; dann wurde ihnen die Beschäftigung mit dem Bergbau verboten, und endlich, im Jahre 1900, wurde verfügt, daß alle Juden, die sich in Turkestan nach der russischen Eroberung niedergelassen hatten, ans dem Lande aüslpandern sollten. Eine Ausnahme wurde nur für die Kanflente gemacht, denen man bis 1906 Zeit ließ, ihre Geschäfte zu liquidieren. Umsonst bemühte man sich, im Interesse des russischen Handels, diese Bestimmung rückgängig zn machen. Das Gesetz wurde zwar einige Male aufgehoben, schließlich aber doch zur Ausführung gebracht, und eine große Zahl von Inden mußten ihre Heimat verlassen. Die Szenen, die sich dabei abspielten, waren herrzerreißend. Auch damit begnügte sich die russische Regierung noch nicht. Sie richtete ihr Augenmerk auch ans die alteingesessenen Inden und wollte auch diese vertreiben. In besonders schrecklicher Lage aber befanden sich in den letzten Jahren die sogenannten „Aadidin", eine Art Marannen, die zur Zeit der Judenverfolgungen sich äußerlich zum Islam bekehrten, innerlich aber Inden geblieben waren und in Turkestan Zuflucht vor ihren Verfolgern gesucht hatten. Auch sie sollten nun ansgetrieben werden. Da kam der Krieg und neuerdings die Revolution in Rnßlaitd. Hoffen wir, daß bald geordnete Verhältnisse eintreten und auch diesem versprengten Teil unseres Volkes die lange vorenthaltene Gleichberechtigung gewährt wird.