Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 12 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063801-3063813--10355-3077684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 5. Nr. 12. Die Wahrheit. in einem böhmHchen BlMo: „Ich verstehe nicht recht Äas Bestreben einiger forHchxittlichen Juden, die ihren gemeinffcrmen Ursprung sich nicht vor Augen Hallen, nicht fiks Angehörige ihres eigenen (jüdischen) Volles, sondern — in unfferem Malle — als Glieder des böhmischen Dolles gelten wollen. Wozu dieses Bestreben, zu einem findseren Volke üherzugehen? Ist es denn heute >eine Schande,, dem jüdffchen Volte anzugehören? Mir wenigstens liegt diche Ansicht fern und ich versichere, daß es mir nie eingefallen, auf jemanden argwöhnHch oder verächtlich zu blicken, bloß weil er Jude ist. Hat das jüdJche Volk nicht eine lauffendjährige ruhmvolle Vergangenheit? Hatte diches Volk nicht in der Geschichte der Menschheit Mne große Kulturmission, die es auch gänzlich erfüllte? Nehmen wir nur die Bibel, welche nun wenig gelten Und — da man ihre Bedeutung nicht begreift — nicht genügend geschätzt wird, in die Hand und wir werden erkennen, welche Aufgabe auf den Schultern dieffes Volkes ruhte. Nach Osten und nach Westen trug es den Glauben an den einzigen Gott und die mchsianische Idee; sein Gchetz und die Propheten waren die Verkünder neuer Ideen, deren Echo wir in den griechischen und römischen Klassikern finden. Und wer sich alles gründlich vor!Augen hält, wird >>ich durch den rüden Antisemitismus und dessen Aankhasten Schößlingen nicht verleiten lchsen, sich seines Ursprunges zu schämen und deswegen von seinem kon- Mionellen Herde zu flüchten, seinen Stamm zu verleugnen." : Unwillkürlich drängt ssich uns die Frage auf: „Wieffo kommt es, daß denjenigen, welche das messianische Zeit-, alter mit stürmischer Hand herbeiführen wollen, immer ein Mißerfolg zuteil wird? Hillel hat den Satz geprägt:!Im ejn jani li, mi li, und es bleibt wahr für alle Zeiten: „Djie Welt achtet nur dejn, der ff ich felbier pichtet, und> die Welt bezwingt immer nur der, wer ffich selber nicht ausgibt!" Nemo. Die Räumung von Jaffa und Ga;a. Eine Erklärung des Großrabbiners von Palästina gegen verleumderische Ententemeldnngen. Vom Großrabbiner von Palästina Danon Chacham Baschi ist folgende Depesche aus Jerusalem, 29. Mai, eingelangt: „Die „Agence HavaS" hat sich eine ungeheuerliche Meldung über eine angebliche Judenverfolgung in Palästina geleistet. Ich erachte es als heilige Pflicht, dieser verleumderischen Beschimpfung der hohen türkischen Regierung, einer Verleumdung, deren Zweck durchsichtig ist, in meinem Namen und der jüdischen Gemeinden in verschiedenster Weise entgegenzntreten und bitte Sie, diesem unseren Protest die größtmögliche Verbreitung zu geben. Es ist eine lügenhafte Behauptung, daß die Städte Gaza und Jaffa ausschließlich zu dem Zweck evakuiert worden wären, nm die Inden ans Palästina hinwegzntilgen und daß nur Inden von der Evakuierung betroffen seien^ Die Wahrheit ist, daß unter den 30.000 Einwohnern, welche Gaza im Interesse ihrer persönlichen Sicherheit verlassen mußten, sich nur etwa zwanzig bis dreißig Juden befanden. Unter den 40.000 Einwohnern, die Jaffa ans gleichem Grunde verlassen mußten, befanden sich 7000 Inden; diese konnten sich aber alle in anderen Städten und Dörfern innerhalb Palästinas niederlassen. und tatsächlich hat fast niemand von ihnen Palästina verlassen. Die jüdischen Kolonien, selbst diejenigen in der nächsten Nähe von Jaffa und Gaza, sind durchwegs intakt gebliebei'. Diesse Tatsachen beweisen deutlich genug, daß es sich seitens der türkischen Regierung nicht um eine Maßnahme gegen die Juden gehandelt, und daß eine Ansicht, die iIudjen aus Palästina zu entfernen, in keiner Weisse beshanden hat. Die Einwohner der evakuierten Städte erhielten ohne Unterschied der Konfession alle diejenigen Möglichkeiten zu ihrer Beförderung, welche die Umstände erlaubten. Der armen Bevölkerungsklajsse wurde von der Regierung such GelduntersAtzung gewährt. Es ist eine krfiffse Unwahrheit, daß Hab und Gut geplündert worden wären, vielmehr war und ist alles Eigentum, das zu-- ruckbleiben mußte, in allerbester Bewachung. Es ist ferner eine böswillige Erfindung, daß 7000 Israeliten aus Jerusalem ausgewiesen worden wären. Mit Ausnahme von einer Anzahl von Angehörigen feind-» lichsr Mächte, Juden und Nichtjuden, ffind seit Beginn des Krieges nur wenige einzelne jüdische Familien aus administrativen Gründen aus Jerusalem verwiesen worden. Ebenjso ist es eine Lüge, daß der Oberkommandiepende der vierten Armee jemals Aeußerungen des Uebelwollens gegen die Juden getan hätte. Vielmehr hat Erzellenz Dffchemal Pascha vielfach Gelegenheit genommen, durch Wort und Tat ffein Wohlwollen und seine hochherzige Gejsinnung auch für die jüdische Bevölkerung der Türkei zu bekunden. So hat Erzellenz Dffcheinal Pascha auch stets den religiösen Wünschen und Bedürfnissen der jüdWen Gemeinden und Militärpersonen Rechnung getragen im Geiste jener vollkommenen Toleranz, die bei der ottomanGchen Regierung Tradition ist. Ins Gebiet der Märchen gehört auch die ungeheuerliche Meldung von errichteten ständigen Galgen und fortg Letzten Erekutionen. Tatsache ist, daß — von drei Soldaten, die sich ffchwer vergangen hatten, abgesehen — seit Beginn des Krieges kein einziger Jude zum Tode verurteilt wurde. Der Großrabbiner N. Danon Chacham Bafchi. Die Inden in Dnchma. Durch den Einfluß der russischen Revolution hat der Emir von Buchara eine Kundgebung veröffentlicht, m der er dem Lande innere Reformen verspricht. So meldete der Telegraph. Da dürfte es ohne Zweifel von Interesse sein, auch etwas von den Inden dieser Turkestaner Provinz des asiatischen Rußlands zu erfahren. Wir folgen dabei den Angaben eines kurz vor dem Kriege in der hebräischen Wochenschrift „Hoiwri" veröffentlichten Artikels. Die Frage, wann die erste Einwandernng von Juden in Buchara stattgesunden hat. läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Daß eS jedoch schon in sehr früher Zeit der Fall gewesen sein muß, zeigt ein Blick ans ihre Lebensweise, die in mannigfacher Beziehung mit der ihrer mnhamedanischen Nachbarn übereinstimmt. In ihren Kleidern, ihren Gebräuchen und selbst in ihrem Typus unterscheiden sie sich kaum von den übrigen Einwohnern des Landes. Nur idre tieffchwarzen Augen zeigen, daß sie von der alten jüdischen Raffe abstammen. Die Assimilation ist nur eine äußerliche, sonst find die Bucharer Juden treue Anhänger der jüdischen Religion und ihrer Ueberliefernngen. Sie reden die Sprache des Landes, aber sie verwenden viele hebräische Wörter, sodaß man auch hier von einem jüdischen Dialekt sprechen kann. Ihre Chachanüm, das sind die Rabbiner, beherrschen die hebräische Sprache. Die Bucharer Inden sind über das ganze Land zerstreut, die meisten von ihnen wohnen aber in den größeren Städlen, Buchara, Samarkand, Kokand, Merw und Taschkent. Ihre Zahl läßt sich nicht genau bestimmen. Man schätzt sie auf 10.000 Familien. Sie beschäftigten sich mit verschiedenen Handwerken, meistens aber mit dem Kleinhandel. Ackerbauer gibt es umwenige unter ihnen, weil sie infolge der feindseligen Gesinnung ihrer mnhamedanischen Herrscher vielfach ihre Wohnsitze wechseln mußten. Erst in den letzten Jahrzenreu, da sie sich in ihrer Lage sicherer fühlten, haben sie angesangen, sich auch dem Ackerbau zu lvidmen. Sie wohnen in besonderen Vierteln, in finsteren, dumpfen Wohnungen, deren Fenster aus einen Hof gerichtet sind. Von Möbeln wissen sie nichts. Sie sitzen aus dem Boden, auf Teppichen, mit den Füßen unter sich, wie das