Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 12 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheu Nr. 12. de- Weltkrieges. Die Wiedereröffnung des Reichsrates beendet in Oesterreich eine derärgsten Reaktiousperioden, welche durch den atembeklemmenden Kriegszustand noch verschärft wurde. Die österreichischen Völker glichen in den letzten drei Kriegsjahreu einem arg mißhandelten Kinde, dem es zum Ueberslnsse auch noch verboten wurde, seine Schmerzen laut zu äußern. Sie mußten während der Knegsnot auch noch die katastrophalen Folgen einer inkonsequenten Regierungsweise büßen und der Staat wurde durch die Regierung mittelst des § 14 in eine Sackgasse gebracht, ans der kein Ansgang führt. Die Regierung muß daher, mag ste nun wollen oder nicht, wieder zur Beachtung der Staatsgrundgesetze und zum konstitutionellen Regime zitrückkehren. Aber nicht nur die Minister begingen in Oesterreich schwerwiegende Fehler, auch die großen Volksparteien standen nicht auf der Höhe ihrer Situation. Die großen deutschen '* bürgerlichen Parteien der Christlichsozialen und der Nationalen hatten ihren ursprünglichen Bürgerstolz und Freiheitssinn lange schon eiugebüßt und sie waren geneigt, ihre Abgeordneten zu entlasten, wenn sie das Parlameut mißachtete und durch Hintertüren von den Ministern Vorteile ergattern konnten. Auf diese Art wurde die Parlamentsarbeit vergiftet und geschändet, jede Moral wurde aus der Politik auSgeschaltet und das egoistische Kliqnenwesen machte sich immer mehr breit. Es kam so weit, daß die Interessen der Großgrundbesitzer, der Spiritusbrenner und Znckerfabrikanten im Staate au erste Stelle rückten, die Bedürfnisse der Beamten, Lehrer, Arbeiter und Kleingewerbetreibenden aber immer stiefmütterlicher wahrgenommen wurden. Obgleich die fruchtbaren nachbarlichen Balkanländer eine günstige Gelegenheit für die Ausfuhr unserer Industrieerzeugniffe boten, wenn wir ihnen die Agrarerzeugnisse ihres Bodens abnehmen, welche wir geradezu benötigen, erlaubten dies unsere Agrarier im Vereine 'mit den ungarischen Agrariern nicht und leiteten dadurch eine unnötige Verteuerung aller Lebensmittel ein, welche auf die Beamtenuud Arbeiterschaft schon in der FriedenSzeit schwer drückte und Löhne und die Preise aller Lebensmittel wie eine Schraube ohne Ende unaufhörlich erhöhte. Bauern und Fabrikanten mißbrauchen nun während der Kriegsnot ihren Vorteil als Erzeuger in unglaublich empörender Weise, die Kaufleute stehen ihnen darin nicht nach und die Verbraucher müssen nnn die ganze Wncht der Tenernng und der Kriegsnot auslöffeln, obgleich dieselben dem Staate und der Gemeinschaft durch ihre Arbeit gleich nützlich werden und ebenfalls Gut und Blut steuern. Wohl wurde die Staatsverwaltung dazu gedrängt, die Gewinnsucht der Erzeuger und Händler durch Kriegsmaßnahmen zu hemmen, dies geschah aber nicht konsequenr genug und alle besitzlosen, wenn auch arbeisamen Staatsbürger wurden durch den Krieg inS Elend gebracht. Aehnliche Verhältnisse walten aber auch im Anslande und bei unseren Gegnern. Auch die englischen und französischen Staatsbürger sind nicht durchgängig wohlhabend und zufrieden, auch dort gibt es gewaltige Volksschichten, die den Frieden bereits sehnsüchtig erwarten und die dortigen Slaatsleuker werden sich sicherlich bald genötigt sehen, friedlichere Töne anzuschlagen. So ist die Hoffnung berechtigt, daß die Bemühungen des russischen Arbeiter- und Soldatenrates im Vereine mit der internationalen Friedenskonferenz der Sozialdemokratie bald erfreuliche Resultate zeitigen werden. , Der Krieg hat aber zu Gunsten der weiteren demokratischen Entwicklung der ganzen Menschheit unschätzbare Aufklärungsarbeit geleistet. Die Völker lernen rasch begreifen, daß sie auf einander angewiesen sind und daß ihnen friedlicher Verkehr miteinander ungleich mehr Vorteile bietet als gehässige Bekämpfung. Breitet sich diese Ueberzeugung ans, dann müßte im nationalitatenreichen Oesterreich eine neue glückliche Aera des Völkerfriedens anheben. Je weniger sich die Nationalitäten bekämpfen, desto mächtiger muß in Oesterreich das Staatsganze' werden. Aber nur Kräftigung der Demokratie vermag die nationalen, konfessionellen und sozialen Gegensätze zu mildern und miteinander zu versöhnen. Die österreichische Staatsverwaltung kann eine solche Entwicklung nur dann einleiten, wenn sie sich mutig und entschieden ans jene breiten arbeitenden Volksschichten stützt, welche "die Staatslasten verhältnismäßig willig und patriotisch tragen. Dies sind aber nicht jene Staatsbürger, welche sie sofort auf andere Schultern überwälzen. Eine starke Staatsgewalt muß die wirtschaftlichen schwachen Staatsbürger erfolgreich gegen die Uchergriffe der Besitzenden schützen können, wie auch jedes nationale konfessionelle oder soziale Unrecht kraftvoll verhindern. In dieser Richtung verkündet die Thronrede „das Betreten neuer von den bisherigen abweichender Wege der Finanzpolitik, Gutmachnng der Schäden des Krieges, soziale Fm sorge" und einen günstigen Ausgleich mit Ungarn. Nationale und konfessionelle Selbstverwaltung, nicht aber eine ungehemmte Länderantonomie könnte solche Ziele friedlich fördern. Unser Volkskaiser meint diesbezüglich : „Sie werden die Stimme Ihres Gewissens nnr dann richtig vernehmen, wenn sie ihr Auge über das Sondernde der wandelbaren Einzelheiten hinweg unverwandt ans die dauernden Zwecke der Gesamtheit richten." „Die gewissenhafte Erfüllung gegen den Staat darf ni ch t an Bedingungen geknüpft sein " . Ja, es ist die dringendste Pflicht der Regierung und Volksvertretung in Oesterreich, die Völker zum G e m e i ngeftth l heranzuziehen. Jeder einzelne Staatsbürger soll sich als Glied in der gemeinsamen Kette fühlen. Mit allen nationalen, konfessionellen und sozialen Vorurteilen und Gehässigkeiten muß gründlich aufgeräumt werden. Erst dann kann auch der innere -Friede in Oesterreich einlreten, den wir ebenso nötig haben wie den äußeren. R. L. Gin Weg, der nicht znm Ziele fuhrt. Rabbi Jossua ben Chananja kam einst auf einer Reise ian einen Scheideweg. Vor ihm lagen zwei Wege; von einem demselben schien es, daß er kurz sei und somit rasch zum Ziele führe. Der Rpbbi Wug ihn ein. aber wM er eine Weile gegangen, versperrten ihm Garten-? zäune und Dornenhecken den Weg: er mußte umkehren. , Aehnlich wie der erwähnte Rabbi betritt Jssrael, wenn es kleinlich, und fahnenflüchtig >feine Vergangenheit und sseinen Ursprung verleugnen und vergessen machen will, einen Weg, dä nicht zum Ziele führt. Dias lehrt unseres Volkes Geschichte alter und neuer Zeit. Antiochus Epiphlanes hatte die Herrschaft über Judäa erhängt. In jenen Tagefn — iso lesen wir im 1. Buche der Makkabäer — standen ruchlojse Leute in Israel auf und . überredeten viele, indem pe sprachen: „Auf, laßt uns einen Bund Ischließen mit den Völkern rings um uns her! Denn -seitdem wir uns von ihnen abgesondert hüben, traf uns viel Unglück!" Und diche Rede gefiel in ihren Augen. Und einige vom Volke wurden angefeuert und gingen zum König. Und er gab ihnen Erlaubnis, die heidnischen Sitten einzuführen. Und sie erbauten ein Gymnichium zu Jerusalem nach, dem Gebrauche der Heiden. Sie fielen lab von dem heiligen Bunde und verkauften pch zu. Schandtaten. Abel jene fanatischen Ässimilanten erreichten ihr Ziel nicht; ihre stürmische Liebeswerbung wurde von den Griechen zurückgewichen. Vor etwa 25 Jahren entstand unter den Juden >in , den Iflawischen Gegenden Böhmens eine Partei, welche glaubte, unseres Volkes Heil liege in dem völligen Bruche mit der Vergangenheit und allen ihren Ueberlieferungen, in der Vertilgung und Vernichtung aller ihrer Spuren. Durch dtejse Bewegung wurde das Judentum in Bohemen in sseinen Grundlagen tief erschüttert. Wie beurteilte aber die nichtjüdische Intelligenz jene Bestrebungen eines Teiles unserer Glaubensgenossen, in der Allgemeinheit aufzugehen? 1909 sschrieb ein Prager Religionsprofessor