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Die Wahrheit · 1917-05-18 · Heft 10 (18.5.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 10 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 5. Pr. 10. auf die Schaffung und zweckmäßige Organisierung von Kinderhorten, nicht nur die organisierte Arbeiterschaft wendet im „Vereine der Kinderfreunde" der Jugenderziehung intensiv Und opferfreudig ihr zielbewußtes Streben zu, auch die Wiener Gemeindevertretung sah sich vor kurzerZeit veranlaßt, # ein Inge n d - F ü rsorgeamt zu gründen, welches ihre Wirksamkeit von dem Eintritte des Kindes in' die Welt bis zur Mannbarkeit und Erwerbsfähigkeit desselben erstrecken soll: Während der entsetzlich langen Kriegszeit jedoch ist es * mit der Jugenderziehung und dem Jngendunterrichte in Oesterreich gar traurig bestellt. Der „Zentralverein der Wiener Lehrerschaft" hat unlängst ein zutreffendes Bild hierüber entworfen. „Als unausbleibliche Folge der durch den Krieg entstandenen Verkürzung der geistigen Ausbildung der Heranwachsenden Jugend entsteht die g eistige Berel e n d n n g des Volkes. Durch den H a l b t a g - oder gar D r i t t e l t a g s u n t e r r i ch t wird die Schule während des Krieges ihre Aufgabe, dem Staate einen l e i st un g s fäh i g en Nachwuchs h e r a n z n b i l d e n, noch weniger erfüllen können, als vor dem Kriege. Die freien Halbtage überantworten das nnbeanfsichtigte Kind nur zu häufig der Straße mit all ihren sittlichen Gefahren. Die mühevolle Beschaffung der Lebensmittel, die Beaufsichtigung der kleinen Geschwister während der Berufsarbeit der Eltern, die Unterernährung der Kinder und noch manch andere soziale Hemmungen sind leider oft begründete Ursachen von Schnlversäumnifsen. Dadurch bleiben aber viele Lücken im Wissen und Können, was in der Regel auch das weitere Mitkommen des Schülers behindert. Einschränkung des Schnlbetriebes bringt somit den gesamten mühsamen Bildungsaufbau ins Wanken und das Ende ist die geistige Berk ü m m e r u n g und sittliche Verwahrlosung der Jugend." Die genannte Lehrerschaft fordert daher entschieden die Wiederaufnahme des vollen Unterrichtes vom nächsten Schuljahre an. Den rückschrittlichen Gewalten wird es wohl nicht mehr gelingen, wie bisher die Schularbeit zu schädigen, trotzdem aber die Geste des Bildungsfrenudes beizubehalten. Nach dem Kriege werden unstreitig die demokratischen Volkskräfte derart erstarkt sein, um solche Heuchelei und Unanfrichtigkeit wirksam zu hindern. So lange aber der unselige Krieg noch fortdauert, solange wird und kann aber die Schnlerneneruug in Oesterreich nicht erfolgen. Der österreichische Reichsrat, welcher bekanntlich erst am 30. Mai zusammentritt, wird kaum genug Zeit finden, den Kaisereid auf die Verfassung entgegenznuehmen -und die „Staatsnotwendigkeiten", unter denen wohl auch die glatte nachträgliche Annahme der vielen § 14-Berordnungen verstanden wird, zu bewilligen. Für die so notwendige Schulernenernng dürste dieser gewiß nicht mehr zweckmäßig besetzte Reichsrat und die derzeitige Regierung keine Zeit und Arbeitslust finden. Doch wäre es für alle bildungSfrenndlichen Kreise und sicherlich auch für die jüdischen Staatsbürger gefehlt, der nach dem Kriege sicher kommenden Schulernenernng in Oesterreich sorg- und tatenlos eutgegenzuseheu. Die Tatsache dürfte allen aufmerksamen Beobachtern klar sein, daß der Weltkrieg sowohl im Belange seiner weiteren Teilnehmer als auch seiner Intensität die Kulmination bereit» überschritten hat. Die Kriegsmüdigkeit ist bereits allgemein, wenn es zünftige Diplomaten oder — Kriegsverdiener — noch so sehr in Abrede stellen. Verzweifelte Kriegstreiber mögen es wohl noch versuchen, die Kriegslast unserer Feinde neu anzufachen, aber die Völkermeinltng wird dieselben unfehlbar einem Sturmwinde gleich hinwegfegen, wie der' russische Zar hinweggefegt wurde. Auch die Judenschaft als solche muß, wenn sie ihre Psticht nicht versällmen will, die kommende Schulverordnung in Oesterreich vorbereitet erlvarten. Wie dürftesich dieselbe nun in unserem Vaterlande gestalten? Wir können dies heute nur vermute n. Die allgemeine wirtschaftliche Not nach dem Kriege dürfte gründliche Besserung von vorneherein verhinder n. Es werden dazu die genügende u Mittel fehlen. Nachdem aber bekanntlich die Not beten lehrt mtd der Katholizismus in unserem Batertande eine maßgebende Rolle spielt, so ist die Vermutung nahe, daß man trachten wird, den öffentlichen Schulen den katholischen Charakter aufznprägen, wie mau dies ja bereits vor dem Kriege mit allen Mitteln unternahm. Der „katholische Lehrerverein Köln" kann hierüber Aufschluß geben, wie eine derartige Schnlerneuerung gemacht wird. „Hebung der Schule nach den Grundsätzen der katholichen Kirche in treuester Hingabe an König und Vaterland und Förderung der Interessen des Lehramtes" lautet seine erste Forderung. Ferner: „Die Volksschule, die Bildungsstätte fast des ganzen deutschen Volkes, mnß den idealen, sozialen und wirtschaftlichen Forderungen der Zeit entsprechend um- und ausgestaltet werden." „Sie mnß ihren selbständigen Charakter behalten und in abgeschlossenem Bildungsgänge in das christliche, deutschvölkliche Leben der Gegenwart einführen." „In ihren unteren Stufen legt sie.die Grundlage zn jeder höheren Schulbildltug." „Lehrstoff und Lehrziel der einzelnen Klassen der Volks-, Mittel- und höheren Schulen sind so zu gestalten, daß der Uebergang der Schüler zur andern erleichtert wird." Weiter wird gefordert: „Lehrerbildnng auf w i s s e n s ch a f tl i ch e r Grundlage. Möglichkeit erhöhter Auswertung der Lehrerpersönlichkeit in Amt und Laufbahn. B e r m i n d e r u n g der S ch ü l e r z a h l zur größeren Sicherung der Heranbildung christlicher, deutscher Männer und Frauen ans Grund ihrer Anlagen. Einige Zusätze dieses katholischen Schulprogrammes können auch die freisinnigsten Personen befriedigen. Diese lauten: „Die Schülerzahl einer Klasse darf allgemein 40 nicht übersteigen." „Bereitstellung reicher öffentlicher Mittel, j um den Kindern der Minderbemittelten auch höhere Bildung j zn ermöglichen." „Abstufung des Schitlgeldes nach den Eini kommenverhältuissen der Eltern und Errichtung von Freistellen." „Verweltlichung (!), Verstaatlichung, r e« chs g e s e tzliche Regelung. Simultanisieruug (!!) der Schule." Die i Gemeinschaftserziehung der Geschlechter lehnt der Lehrerverein i ab. Der Kölner Lehrerverein ist unstreitig trotz senrer konj fessionellen Beschränktheit noch viel freisinniger und bildungsi freundlicher als unsere Finsterlinge. Trotzdem läßt sich j vermuten, daß die künftigen Schul- und Bildungsvorschlägc! der österreichischen Regierung gar manchen Fortschritt dein-! halten werden, weil dies Staalsnotwendigkelt ist. Dle jüdischen | Staatsbürger müssen sich aber ganz entschieden dagegen verwahren, daß etwa die künftige Staatsvolksschute eineti einseitig konfessionellen Charakter erhalte. Wenn es durchaus sein muß, kann man sich noch mit der „sittlichreligiösen" Schnlerziehnng befreunden, aber eS mnß auf jeden Fall vermieden werden, daß jüdische Kinder in öffentlichen Volksschulen zwangsweise mit katholischem Geiste erfüllt werden. Wäre eS den Katholiken recht, wenn dies ihren Kindern in jüdischen Schulen wid/rfähre? Gebe Gott, daß die österreichische Schulernenernng sonst dieselben Bestrebungen aufwiese! Wohl wäre es nur gerecht, wenn das Schulgeld in den Mittel- und Fachschulen, wie auch in den Hochschulen überhaupt abgeschafft würde, weil alle Schulen hauptsächlich durck allgemeine Steuergelder erhalten werden. Die höheren Schulen müssen auch den Kindern der Armen zugänglich gemacht werden, denn: „Freie Bahn für alle Tüchtigen!" Will man aber auf das Schulgeld der brmittelteu Volkskreise nicht verzichten, dann darf es auch keine derartig; Verordnungsentgleisnngen mehr geben, wie es die bekannte Verordnung des n. ö. L. Sch. R. war. Kopfschütteln verursacht es, wenn ein katholischer Lehrerverein Verweltlichung und Simultanisieruug der öffentlichen Schulen fordert. Gibt es rein katholische Simultanschulen?

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