Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 9 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 6. Nr. 9. Dle Wahrveit Ich selbst verlor mit ihm einen seit über 40 Jahren stets gleichbleibenden guten Freund, der mir, als ich vor 26 Jahren durch schwere Schicksalsschläge ganz gebrochen war, mit weisem Rat zur Seite stand und als es nach dem Tode meines Mannes galt, mein Lebensschiff selbständig und allein zn lenken, war es wieder Salo Cohn, der mein Selbstbewttßtsein, mein Selbstvertrauen hob. Sein Interesse an Meinem Unternehmen erlahmte niemals und nie unterließ er es zn fördern. Auch wenn ich für Andere, denen mir Geld geholfen werden sollte, bei ihnr bittlich vorsprach, wurde mein Ansuchen sofort erfüllt. Für Unglückliche und verschämte Arme war seine Güte unerschöpflich. Und so wie der alte Spruch: «Dem Menschen ist nichts so eigen, so wohl steht ihm nichts an. als wenn er Treue erzeigen und Freundschaft halten kann," auf den Verblichenen ganz besonders auzuwendeu ist, so wollen auch wir sein Andenken ehren und ihm Treue halten auch übers Grab hinaus." Ludmilla W e l i s ch. Die Offenbar»! K Glias. Von N. Lothringer. Keine Heldensage ist so innig schön, kein Symbol so gedankenerweckend als die köstliche Legende von dem Propheten Elias, wonach er unter den Inden umherwandelt als deren Beschützer, Tröster und Glückbringer. Schon sein Name erfüllt uns mit erfreulichen Erinnerungen an unsere Kindheit und Jugend. Wie atemlos pflegten wir zn lauschen als uns der Talmudlehrer die Schicksale dieses Wundermauues bald launig, bald ergreifend im regen Wechsel seiner farbenreichen Fantasie vorführte. Ueberall wo Not herrscht, tritt die Gestalt Elias leuchtend in menschlicher Reinheit und überquelleud von Güte, helfend auf, gießt Balsam iu kummerbeschwerte Herzen. Elias nimmt an allen freudigen Ereignissen segenspendend teil. Er ist beim Beschneidungsfeste unsichtbarer ' Pathe, am Sederabend ein willkommener Gast. Er bringt frohe Botschaften und wird der Vorläufer und Verkünder des Messias sein. Er erscheint auserlesenen Männern im Traum, um rhnen Geheimnisse zu offenbaren oder schwierige, wissenschaftliche Fragen zn lösen. Viele Rabbiner hatten Eliasvisiouen, „gilju Elijahu", was als der höchste Grad der Erleuchtung gilt. Nach dieser höchsten Auszeichnung streben alle kabalistischen Gelehrten. Und so war einmal ein Rabbi, der es sich zur Lebensaufgabe machte, gilju Elijahu zu erwirken. Er beobachtete streng alle frommen Gebote und Bußübungen, welche dieser Auszeichnung wert machen. Nach übermenschlichen Anstrengungen gelang es ihm endlich, der höchsten Glückseligkeit teilhaft zn werden. Elias erschien, ein Greis mit einem Gesichte voll unendlicher Menschlichkeit, einem herzbewegenden Lächeln um den Mund und dunklen im Mitleid schimmernde» Augen. Dem Rabbi taute ein himmlisches Entzücken durch die trunkene Seele, und er rief begeistert: „Boruch habo! Borucb habo!" Elias sprach: „Du hast mich kraft deines frommen Willens angezogen. Ich bin nun da. Du sollst meine Gegenwart genießen. Wohlan, komme mit mir auf die Wanderung. Ich will dir die Wege Gottes zeigen. Doch du, mußt es mir versprechen, an mich gar keine Fragen zu stellen, wie wunderlich dir auch meine Worte oder Taten erscheinen möchten. Wenn du diese Probe bestehst, so wirst du dich meiner Freundschaft lange erfreuen, sonst verschwinde ich und kein Sterblicher wird mich je sehen. Der Rabbi versprach es und die Wanderung begann. Sie durchquerten Wald und Wiese, gingen über Städte und Dörfer bis sie endlich in später Nachtstundeerschöpft und hungrig in eine Ortschaft gelangten, wo viele Inden wohnten. Sie pochten an mehrere Haustore an, um Einlaß flehend. «Wer klopft?" — „Zwei wandersmüde, hungrige Juden." ES wurde wieder still im Hanse wie zuvor. Der Rabbi fiel vor Erschöpfung schier zu Boden, Elias stellte sich auch so. Am äußersten Ende der Stadt erblickten sie eine Hütte, die eine Mesusa hatte. Sie pochten an. «Wer klopft," ließ sich eine Frauenstimme vernehmen. — „Zwei wandersmüde, hungrige Juden." Es rumorte in der Stube, es wurde hell, die Tür knarrte und dieselbe Stimme rief: „Berochim haboim, kommet herein arme Brüder". Es war ein enges Stübchen, mit mehreren Bettstellen angefüllr, denn die Familie bestand aus einem Ehepaare und mehreren Kindern. Die Hausfrau stellte an die Gäste keine Fragen, sondern bot ihnen eine Ofenbank zum Sitzen an, lief in den Stall, melkte die einzige Kuh, ihren einzigen Schatz, der die ganze Familie ernährte, denn der Mann war krank und erwerbsunfähig, brachte Milch, kochte sie am Herd, reichte sie den müden Alten, setzte ihnen Brot, Butter und Käse vor, den ganzen Vorrat, den sie für ihre Kinder für den kommenden Tag ersparte, trieb die Kinder aus ihren Betten in ihr Bett hineinwies diese den Männern zum Lager an, und sie selbst legte sich auf eine Schütte Stroh im Stall, um dort den Rest der Nacht zu verbringen. Der Rabbi erging sich in tausend Lobsprüchen für die gastfreundlichste und edelste Frau, während Elias schwieg. AlS sie frühmorgrns die Hütte verließen, hob Elias die Hände gen Himmel und rief: „Herr Zebaot, töte ihre Kuh!" Der Rabbi sprang auf als ob ihn eine Natter gestochen hätte. Das Warum brannte auf seinen Lippen, steckte ihm in der Gurgel, doch er erinnerte sich seines Versprechens, keine Fragen zu stellen, und unterdrückte mit übermenschlicher Ueberwindllttg der Neugierde die Frage. Und sie kamen iu ein Dorf. An der Pforte seines Schlosses stand ein alter Edelmann, der aks er sie erblickte, ihnen die niedrigsten gotteslästerndsten Schimpf- und Spottworte zurief und zuletzt gar die Hunde auf sie losließ, welche ihnen die Kleider in Fetzen rissen und viele Bißwunden am Körper beibrachten. Der Rabbi schrie jämmerlich vor Schmerz, auch Elias ächzte. Der Rabbi erging sich in Flüchen gegen den Bösesten der Bösen, der unschuldige Wanderer in schnödester Weise so arg behandelte, doch Elias hob die Hände gen Himmel und rief: „Herr der Heerscharen! Schenke dem Edelmaune ein langes Leben". Unter dem Eindrücke des moralischen und physischen Schmerzes riß die Hemmungskette des Willens des Rabbi' und er platzte gedankenlos mit der Frage heraus: „Warum?" Elias lächelte sanft und sprach: Wnßt ich doch, daß du eS nicht lange wirst anshalteu können wie so viele deiner kurzsichtigen, kleinmütigen Brüder, die des Vertrauens bar. das Warum zu erfahren verlangen. Ich muß dich nun verlassen, aber weil du noch so viel Willenskraft besaßest, dich der ersten Frage zu enthalten, will ich dir über mein Verhalten zur Frau und zum Edelmanne Aufklärung geben. Als ich die fromme gute Frau nur erblickte, erkannte ich zu meinem Entsetzen, daß es oben bestimmt wurde, daß sie stürbe und ihren kranken Mann samt Kindern in Elend znrückließe. Angesichts ihrer Gastfreundlichkeit und Güte erwirkte ich für sie eine kepara, daher mein Gebet: „Töte ihre Kuh". Der Edelmann, der die Hunde auf uns hetzte, hat wohl wahnsinnige Launen — die Angst der Inden vor Hunde» ergötzt ihn, aber er besitzt eine Tugend von hohem Werte: er beschäftigt auf seinen Gütern viele jüdische Familien, die er vor Unbill schützt, niemals entfernt und kränkt, während sein Sohn mit Ungeduld auf seinen Tod wartet, um alle jüdischen Familien von den Gütern erbamungslos zu verjagen. Da flehte ich zu Gott, er möge ihn so lange leben lassen bis er seinen Sohn überlebt." Sprach es mtb verschwand. Nihilismus und Sssialismns. Erläuterungen eines russischen Studenten. Bon Armin Mlkowitsch, Eger. Zu Ende des letzten Jahrzehntes des verflossenen Jahrhunderts frequentierte ich in Suwalki eine Lehranstalt. Da wurde in dem Nachbarhause meines Quartiers ein Hörer der Charkower Hochschule verhaftet und „verschickt".