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Die Wahrheit · 1917-05-04 · Heft 9 (4.5.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 9 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9. Die Wahrheit. Seite 5. um zu fluchen und segnen mußte, denn wenn man ohne christlich soziale Voreingenommenheit und ohne die historischen Fälschungen, die er sich dabei leistet, seine ganz oberflächlich znsammengeflickte Arbeit überlieft, dann könnte man direkt zu dem gewiß unzutreffenden Eindruck gelangen, daß alles Große, Starke, Hervorragende, Bedeutsame in allen Kulturlaten der Welt außerhalb unserer eigenen engen Grenzen, von Juden, und nur von Inden, geleistet worden sei. Dr. Eberle nennt das alles mit seinen eigenen Namen: Plutokratie, Materialismus, Jndifferentismus, Amerikanismus, und was alles seine kindische Terminologie sonst noch ersindet; aber das ändert nichts an der Tatsache, daß er alle demokratischen Einrichtungen Amerikas, Frankreichs und Englands, einschließlich Roosevelt und Wilson, aus jüdischen Einfluß und jüdische Machenschaften zurückführt. Man kann sich vorstellen, von welcher Tarantel sich ein solches verbohrtes Gehirn gestochen fühlte, als die russischen Revolutionäre in konsequenter Durchführung des demokratischen Gedankens auch die Emanzipation der Juden und Fremdstämmigen beschloß und definitiv verfügte. Jetzt kann man ja klar und ohne jeden denkbaren Zweifel erkennen, daß die furchtbaren Schicksale, die gerade die Inden in Rußland zu erdulden hatten, nichts anderes waren, als ein Regierungsprogramm der rtlssischen Autokratie und ein Mittel, ihre Herrschaft möglichst ungestört und dauerhaft zu gestaltet!. In Rußland ist durch alle di5 Jahrzehnte und Jahrhunderte eine klerikale demagogische Hetzpresse mit Regiernngs- und anderen Mitteln unterhalten worden, die gar keinen anderen Zwecken diente, als die bösartigen Instinkte gewisser mißleiteter Elemente zu erhalten, oder wenigstens den Eindruck zu erwecken, als ob solche Elemente überhaupt vorhanden wären. Denn jetzt stellt es sich klärlich heraus, daß das russische Volk, daß die wirklichen breiten Schichten der bäuerlichen und der Arbeiterklassen vo^l Antisemitismus ganz und gar nicht infiziert sind, daß die schrecklichen Pogrome und Judenverfolgungen ein scheußliches Werk der verbrecherischen Zarenregierung mit ihrer Ochrana und den schwarzen Hundert gewesen sind, daß der so furchtbare Druck, der auf einer intellektuell wenigstens höchst entwicklungsfähigen Gruppe von Millionen Menschen lag, einzig und allein dem Zwecke diente, um der Unzufriedenheit der Mafien als Prügelknabe zu dienen, um dem Haffe gegen das zarische Joch ein anderweitiges minder gefährliches Ventil öffnen zu können. Ob das hundertjährige Verbrechen, das an diesen Unschuldigen in Rußland begangen wurde, rasch und ohne Rückschlag wird gesühnt werden können, steht ja heute noch dahin, jedenfalls ist der erste Schritt nach dieser Richtung hin getan und jedenfalls ergibt sich daraus auch für die Möglichkeit eines rascheren Friedensabschlnsses eine wesentlich begründetere Aussicht, als dies unter der Herrschaft eines vdn stumpfsinnigen, jedem mystischen Hnmhng unterlegenen, jeden eigenen Willens und Intellektes barem Selbstherrscher trgendwie denkbar war. Aber verstehen kann man wohl, daß die „Reichspost" unter solchen Umständen den Boden unter den eigenen Füßen zu verlieren fürchtet; denn soweit hat dieses zitternde Schaf mit dem Wolfsherzen wohl recht, daß das „Schlagwort der Demokratie durch die Welt rauscht", aber es liegt wohl klar auf der Hand, daß es nin Widersinn und ein Unglück wäre, wenn sich diese Welle just an den schwarz-gelben Grenzpfählen brechen würde, ohne uns mit ihrem befruchtenden Naß zu überfluten. Die „Reichspost" fühlt es zweifellos in allen ihren Gliedern, was es bedeutet, wenn in Rußland alle antisemitischen Blätter eingestellt werden müssen, weil in einem freien, wirklich demokratisch empfindenden Lande für solche giftige und vergiftende Betätigung kein Raum mehr sein kann und darf; sie weiß, daß dieser Teil der russischen Revolution für sie selbst nichts anderes bedeutet, als den Sinn des lateinischen Wortes: Et; tua res agitur, welches in freier deutscher Uebersetzung heißen könnte: Es geht dir selbst an den Kragen! Kalo Cohn, Präsident der C h e w r a K a d i s ch a Wien. Gestorben am 2b. April 1917. In der gegenwärtigen schweren Kriegszeit, da Not und Elend immer weitere Kreise ziehen, ist der Verlust eines edlen Menschenfreundes, der mit empfänglichem Herzen den Armen und Hilfsbedürftigen werktätig zur Seite steht, ein doppelt schwerer und darum wird das Hinscheiden des bekannten Wiener Philantrophen, Herrn S a l o Cohn, besonders schmerzlich empfunden werden. Der Verblichene war ein großzügiger, hochherziger Wohltäter, der mit freigiebiger Hand reichen Segen ansstrente und mit seltenem Verständnis seine Guttaten übte. Mit besonderer Vorliebe förderte er Kunst und Wissenschaft, stützte er wankende Existenzen und übte eine weit ansgebreitere Bereinswohltätigkeit, wobei er insbesondere solche Institutionen bedachte, die eine ausgesprochene soziale Fürsorgelätigkeit entfalteten. S a l o Cohn gehörte durch eine lange Reihe von Jahren dem Vorstände und dem Vertreter-Kollegium der Wiener israel. Kultnsgemeinde an. Sein Eintritt in diese Körperschaft fiel in jene Zeit, als mit dem großen Aufschwünge der Reichshauptstadt auch der Wirkungskreis der Kulmsgemeinde sich bedeutend erweiterte und große Ausgaben zur Lösung gelangten. Seiner Begabung und Neigung entiprechend, beschäftigte er sich hier vornehmlich mit den Agenden der finanziellen Gebahrnng und der Wohlfahrtspflege. Sein Urteil wurde hochgeschätzt und wirkte m Fragen der Wohltätigkeit umso überzeugender, als allgemein bekannt rvar, daß er mit munifizenter Hochherzigkeit ans eigenen Mitteln dort nachznhelfen sich bestrebte, wo die Hilfe der Gemeinde nicht ausreichte. Unvergeßlich wird auch sein Wirken als Präsident der Chewra Kadischa bleiben. Unter seiner Führung nnd angeregt durch seine freudige Opferwilligkeit entfaltete diese altehrwürdige Institution eine großzügige Fürsorgetätigken auf verschiedenen Gebieten nnd mit seinem Namen sind segensreiche Schöpfungen dauernd verknüpft. Aufrichtig war die Trauer weiter Kreise^als fein Hinscheiden bekannt wurde, und imposant Lbie Teilnahme an seinem Leichenbegängnisse, das Sonntag, den 29. April, am Zeutralfriedhofe stattfand. Nach Vortrag der rituellen Gesänge durch Oberkantor Morgenstern hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann die Trauerrede, in welcher er ein treffendes Lebensbild des Heimgegangenen zeichnete, nnd dessen reiche Lebensarbeit würdigte. Im Namen der Kultnsgemeinde sprach an der Bahre der I. Vizepräsident Hofrat Dr. Rappapork, namens der Chewra Kadischa deren Vizepräsident Landesschulrat Dr. Markus Spitzer, für das Kuratorium der theologischen Lehranstalt Rektor Professor Dr. Schwarz, für das Gremium der Wiener Börse Kais. Rat Gewitsch und namens des israel. Volksküchenvereines Direktor Kahane. Als die Redner geendet hatten, gab eine unabsehbare Trauerschar dem Heimgegangenen guten und edlen Menschen das letzte Geleite. Sein Andenken wird gesegnet bleiben. * * * Als „ein schlichtes Blatt innigen dankbaren Gedenkens" für Herrn Salo Cohn wird uns folgendes geschrieben: Sonntag, den 29. April, wurde Herr Salo Cohn zu Grabe getragen. An seiner Bahre wurden herrliche, herzliche Worte der Anerkennung, allen voran von unserem hochverehrten Oberrabbiner Dr. Güdemann gesprochen. Berufene werden darüber und über die imposante Leichenfeier berichten. Ich bitte nun für die Sprache meines Herzens um einen kleinen Raum in Ihrem gesch. Blatte: „Was Salo Cohn an Wohltaten in jeder Form übte, blieb der großen Oeffentlichkeit verborgen, was er nicht durch seine reichen Geldmittel, sondern durch das volle Einsetzen seiner liebenswürdigen Persönlichkeit Einzelschicksalen leistete, ist unbeschreiblich.

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