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Die Wahrheit · 1917-05-04 · Heft 9 (4.5.1917) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 9 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 9. Dem Zwölfverband geht dieoffenbar wider Wunsch, aber die letzten Aenßernngen des deutschen Reichskanzlers und österreich-ungarischen Ministers des Aeußern und ganz besonders die Tatsache, daß die Friedensresolutiou der deutschen, österreichischen und ungarischen Sozialdemokratie jüngst vollkommen unverstümmelt publiziert werden konnte, beweist die Friedensfertigkeil der europäischen Zentralstaaten. Gelingt nun der wiedererwachten inrernationalen Sozialdemokratie dieses Friedenswerk, warum wir inbrünstig Gottes Beistand er-, beten wollen, dann ist dieser Krieg auch der letzte gewesen und die Friedensverheißnng des Propheten Jesaia rückt in greifbare Nähe, denn kein Staat würde künstig noch eine derart unsichere und ertraglose Kriegsspeknlation wagen. Wohl kann man laut der Nachrichten aus dem fiebergeschnttelteu Rußland noch keine sicheren Schlüsse ans die Zukunft ziehen, aber wenn es nun der internationalen Sozialdemokratie gelänge, den Weltfrieden zu vermitteln, dann gewänne sie eine ungeheuere Bedeutung. Die Erklärungen der Minister Bethmann-Hollweg und des Grafen Czkrnin bezüglich der nötigen künftigen Erweiterung der Staatsbürgerrechte und der weiteren Demokratisierung jeglichen Wahlrechte» und die von Sr. Majestät im Einverständnis mit dem Ministerpräsidenten angeordnete unbedingte Wiedereröffnung des österr. Reichsrates kann man als Symptome des künftigen Negierungskurses werten. Die letzte Audienz der dentschnatwnalen und christlichsozialen ReichsratSfraltionen bei Sr. Majestät behufs Versicherung der Treue des deutschen Volkes, was wohl niemand bezweifelt hat, mutet die Kenner der politischen Verhältniffe sonderbar an. Diese Treue haben im Weltkriege mit verschwindenden Ausnahmen, alle Völker, Konfessionen und Volksklaffen mit ihrem Blute und unerhörten Leiden erwiesen. Keine österreichische Nation hat den Patriotismus für sich allein gepachtet. ' Tatsächlich waren es hauptsächlich die dentschnationalen und christlichsozialen Abgeordneten, welche seinerzeit den Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh ermunterten, den etwas widerhaärig gewordenen Reichsrat zu vertagen. Sie waren eS auch, welche zur fleißigen Ausnützung deS § 14 ermunterten und auf diesem Wege dem Volkshanse sogar eine neue Gefchäftsordnuug aufzwingeu wollten. Sie sind es, welche den österreichischen Großagrariern und Großbauern das politische Uebergewicht über die städtische Bevölkerung erwirken und sind auch krampfhaft bestrebt, die Juden zum Sündeubock für daS allgemeine Unglück zu stempeln, indem sie die Angen der Oeffentlichkeit nur auf jüdische Preistreiber und Gemeinschädlinge lenken, aber über Kriegsverdiener aus ihren Reihen den Mantel der christlichen Liebe breiten. Sie deklarieren alle Juden für reich und wohlhabend, obgleich bekanntlich die Mehrzahl derselben in bitterer Armut lebt. Die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs können übrigens der Zukunft ruhig und hoffnungsvoll entgegensehen. Wie eS in der demokratisch gewordenen Regierung Rußlands die erste Tat war, den Juden die gleichen Staatsbürgerrechte zu geben, so werden die Pläne dieser Cliquen auch itt Oesterreich zu schänden werden, wenn dieselben durch eine demokratische Wahlreform auch in Land und Gemeinde hinweggefegt werden. Wohl mag die iuteruatiouale, interkonfessionelle Oligarchie die Folgen eines weitergreifenden Demokratismus fürchten, aber die demokratische Jndeuschaft nie und nimmer. Der wieder einbernfene österr. Reichsrat wird wohl keine bedeutende Arbeit leisten, so lange noch die bereits überfälligen Abgeordneten in ihm sitzen, aber nach Kriegsschlnß muß neugewählt werden und dann kommen sicherlich viele neue tüchtige Kräfte hinein, welche Uebelstände sanieren können. R. L. Dir russische Revolution i« chriftlichschialer Deleuchtung. In einem beachtenswerten Artikel, den wir im Nachstehenden wiedergeben, charkterisiert die „Wiener Sonn- und Montag-Zeitung" die Stellungnahme der antisemitischen Blätter,insbesondere derReichspost", zur russischen Revolution: Die demagogische christlichsoziale Presse, aller Länder 3 und aller Staaten liebt die Demokratie nicht. Wo sich nur irgendwie der Geist der Freiheit, der voranssetzungslosen Wissenschaft, der Entwicklung-der menschlichen Kultur aus den schrecklichen Fesseln der autokratifchen Finsterlinge bemerkbar machte, dort hat die klerikale Presse sofort ihr schwerstes Geschütz auffahren lassen, um die neue Richtung schon in den allerersten Anfängen zu stören, sie zu verunglimpfen, sie in der schmählichsten Weise zu verdächtigen und herabzusetzen. Das schädlichste und zweifellos unliebsamste Gebilde auf diesem Gebiete repräsentiert unser inländisches Organ de L Pittsvereines, die chnstlichsoziale „Reichspost", die schon jetzt für ihr Geschäft, für ihre Verdienste ans der Verrohung und Verelendung der Massen zu zittern beginnt, wie jenes Schaf, das sich beim ersten Gewitterdonner in seine Hürde verkriecht. Das ist eine Beobachtung, die man nicht erst seit heute und dem Sonntag der vergangenen Woche zu machen Gelegenheit hatte, da dieses Blatt, mit einem Artikel aus der Feder ihres oberflächlichsten Zettelkastenflickers einen Sturmangriff auf die neue Weltwelle der Demokratie unternahm, der zweifellos das bedenklichste Produkt klerikalen , Gefftes oder vielmer klerikaler Geistlosigkeit darstellt, das sich, irgendwie für Menschen einfacher und normaler Geistesrichtung denken läßt. Gleich zu Beginn der russischen Revolution, als sich neben den: weithin leuchtenden Kulturwerk der Befreiung eines schwer belasteten Volkes die zitternde Hoffnung für die Mittelmächte Bahn gebrochen hat, daß damit auch ein schwaches Morgenrot des neuen Friedens am Horizonte anfgetaucht wäre, hat sich dieses schmähliche Organ klerikaler Unduldsamkeit gegen die russischen Revolutionäre ausgesprochen; gegen Menschen, deren Ideen sie absolut nicht kannte, und von deren Absichten und Schwierigkeiten ihrer Realisierung nicht der geringste Dunst in ihr von Dünkel und Selbstüberhebung krankhaft infiziertes Gehirn anfznsteigen vermochte, Verdächtigungen vorgebracht und eine direkt feindliche Stimmung gegen uns erzeugt. Wie sehr die unausgesetzten Gehässigkeiten gegen bestimmte, allem Anscheine nach dem Frieden zugeneigten Elemente uns, das ist der großen Sache der verbündeten Mittelmächte, schon bisher geschadet haben, das wird sich erst in einem späteren Zeitpunkte genauer übersehen und genauer umschreiben lassen. Doch steht heute schon soviel fest, daß. wenn die beinahe greifbaren Ansätze einer friedlichen Wendung sich wieder in nebelhafte Ferne znrückziehen sollten, ein sehr bedeutsamer Teil der Schuld daran niemand anderen belasten wird, als diese Presse, deren Aeußerungen unglückseliger-, gewiß aber unzutreffenderweise im Anslande als Emanationen bestimmter Kreise eingeschätzt werden, die zweifellos bloß eine ganz äußerliche Beziehung zu diesem Presseunding unterhalten. Freilich lag es von vornherein klar auf der Hand, daß die neue Wendung, die das gesamte Weltgeschehen im Zusammenhänge mit der russischen Revolution nehmen zu wollen scheint, diesem Pionier deS finstersten, despotischesten Klerikalismns nicht in den Kram passen konnte, und die „Reichspost" mit ihrem wissenschaftlich frisierten Leitartikler hält auch mit ihrer eigentlichen Auffassung der Dinge nicht im geringsten hinter den Bergen. Das „Schlagwort" der Demokratie findet nicht die Gunst der „Reichspost, weil sie konsequenterweise mit allen Menschen und Untertanen auch die Juden befreit, weil sie auch dieser, zwar staatlich anerkannten, praktisch aber ins Helotentum gedrückten Religionsgenoffenschast die Möglichkeit freier Entwicklung und eines menschenwürdigen Daseins verschafft — in Rußland natürlich, wie dies für alle anderen demokratisch regierten Staaten der Welt von dem Leitartikelköter des Blattes mit gehässigstem Gekläffe konstatiert werden mußte. Freilich erging es diesem „kleinen Eber" dabei so wie weiland Sanl, der anszog,

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