Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 9 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3062972-3063801-3063810--10320-3077646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
akeheit Redaktion und Sldministration: Wien, II., Novaragaffe 27 Telephon: Redaktion Automat 42.888. AtwbHängige Hertfchrift für jüötfche B-zngspr-.S: Ganzjährig.K 15.— |j Halbjährig.K 7.50.j Administration Ant. 47.Ni « ti ft. k. öftere. Vostsparkassa« Scheck-Konto Nr. 100.918. Iirtereffe«. Für Knltttsveamte: j «»anzjährig.K 10.— , Inserate: - | Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jedekl AreiLn»;. Für Ausland: LbonuemenrS- und JnjertionS- Äanzjävrig.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Daa Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Slitbfl oder Itt Fee». Mr.9 Wie», 4. Mai >917 I «halt: Die Flottmachung des österreichischen Re'chsrates. — Die russische Revolution in christlichsozialer Beleuchtung. — Lralo Cohn. — Die ' Offenbarung Elias. — Nihilismus und Sozialismus. — Die Juden als eifrige Förderer des Welthandels. Zum Gedächtmstage an den I. Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn. — Danksagung. — Verschiedene Nachrichten. Dir Flottmnchnng des österreichische» Deichsrates. Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges hoben verschiedene Kräfte zusammengewirkt, tim den österreichischen Reichsrat lahmznlegen, obgleich er patriotisch alle Staatsnotwendigfeiten bewilligt hatte, und unter dem schadenfrohen Hinweise unserer Feinde wurde bis zur Gegenwart, also nahezu drei Jahre schon, während der ganzen Zeit des Weltkrieges, in Oesterreich ohne Mitwirkung der Volksvertretung regiert. Dem früheren Regierungschef Grafen Stürgkh, obgleich er aus dem verfassungstreuen Großgrundbesitz hervorgegangen war, mag wohl einen Teil der Schuld an dieser traurigen Zeilperiode zngemessen werden, aber auch die Volksvertretung selbst kann sich nicht als unschuldig hinstellen, denn nicht nur die Obstruktion der Tschechen und Rutheuen "im Abgeordnetenhanse haben au dem Sturze des Volkshauses gearbeitet, sondern auch die zu keinem Kompromiß bereite dentschnationale und christlichfoziale Partei. Ja, die letztgenannten beiden mächtigsten bürgerlichen Parteien im österreichischen Abgeordnetenhanfe taten alles Erdenkliche, um eine etwaige Flottmachung des Parlamentes zu verhindern, denn nach den Erfahrungen unter der Aera Badeni war es wohl klar, daß eine oktroierte Geschäftsordnung die Ordnung im Parlamente nicht herzustellen vermag. Die Tatsache, daß sich unsere Kriegsgegner mit dem moskowitischen Absolutismus verbunden hatten, welcher durch seine politischen Verbrechen den gerechten Zorn und Haß der internationalen Sozialdemokratie heransgefordert hatte, drängte in den eingekeilten mitteleuropäischen Staaten das gesamte Proletariat mit Kampflust in den Krieg gegen den moskowitischen Erbfeind und Mörder aller Volksrechte. Diese Unverständigkeit allein kann die sonst schwer verständliche Tatsache erklären, warum die breiten vermögenlosen Volksmassen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn so willig und begeistert in den Krieg zogen, obgleich die Regierungen noch gar viele ihrer Wünsche und Forderungen unberücksichtigt gelassen hatten. Wohl mag die russische Korruption zu den überraschenden Kriegserfolgen der Zentralstaaten gegen Rußland beigetragen haben, aber fraglos war der Volkshaß gegen den russischen Gegner die Hanptursache dieser überraschenden Erscheinung. Die britische Anshungerungsmethode gegen ihre Gegner und die den Zentralstaaten dadurch aufaerwunaene rncksichtslose Kriegführung verschärfte und verlängerte nun die allgemeine Menschenschlächterei und mit ihr die Kriegswnt. Eine ekelhafte Heuchelei macht sich breit. Hyänen, die sich vorn Blute der Kriegsopfer bereicherten, geben sich für berufene Schützer der Menschlichkeit und des Völkerrechtes aus und der Zwölfverband erklärt ohne Scham, der Krieg müsse zu Gunsten der kleinen und großen Nationen so lange fortgesetzt werden, bis Deutschland wesentlich geschwächt und Oesterreich-Ungarn und die Türkei zum guten Teile aufgeteilt sei. Die russische Revolution und der unbeschrärrkte U-Boot- Krieg bedeuten nun für unsere Kriegsgegner trotz der verblüffenden aber wenig wirksamen Kriegshilfe durch Nordamerika und China ganz gewaltige Kriegshiudernisse. welche bereits ihre Kriegsfreudigkeit herabstimmeu. Die elftere lähmt den weiteren Kriegseifer des internationalen Proletariats und der freisinnigen Bürgerschaft wesentlich und die Friedensbereitschaft der Zentralstaaten hat nun ungleich bessere Aussichten wie noch im Dezember des abgelanfenen Jahres auf Erfolg. Alle List und Mühe des Zwölfverbandes, der nun freien russischen Bolksregiernng unentwegten Kriegseiser anfzuschwatzen, schlägt fehl. Der gegenwärtige russische Justizminister Kerensky, welcher als der möglichste Träger der neuen russischen Gewalt angesprochen werden kann, sagte: „Wir haben uns entschlossen, in unserem Lande allen Versuchen des Imperialismus und der Korruption für immer ein Ende zu setzen, denn wir wrllen niemandes Knechtschaft und dienen der Idee der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Völker. Die Begeisterung, die die russische Demokratie beseelt, rührt von dem Bewußtsein her, daß der Traum der Verbrüderung der Völker der ganzen Welt seiner Verwirklichung nahe ist. Die Demokratien der Welt werden einsehen, daß zwischen den Völkern keine Feindseligkeit mehr bestehen kann." Und der russische Vollzugsausschuß des Rates der Arbeiter- und Soldatendelegierten antwortete dem amerikanischen Sozialisten Mayer, London, auf dessen Anfrage: „Die ganze russische revolutionäre Demokratie strebt keinen Sonderfrieden an, sondern sie will einen internationalen Frieden ohne A n n e k t i o n und ohne wirkliche oder verschleierte Kriegsentschädigungen auf der Grundlage der freien Entwicklung der Nationen und ist der Ansicht, daß sich das Proletariat aller Länder bemühen müsse, einen Frieden auf den genannten Grundlagen so rasch als möglich durchrni'eken."----