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Die Wahrheit · 1917-04-20 · Heft 8 (20.4.1917) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 8 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8. Die Wahrheit Seite 7. Nicht minder erhebend war der Gottesdienst am Tage. Hier war es das Tal-Gebet, meisterhä/t vorgetragen von einem Gefreiten und Oberkantor aus Wien (Giblichmann), das den Höhepunkt bildete. Wer das Glück hatte bei unseren littauischen Brüdern und Schwestern im Bürgerqnartier zu liegen, hatte noch einen ganz besonderen Jomtvwgenuß. Es waren die hebräischen Volkslieder mit ihren schwermütigen Melodien und ihren wieder hoffnungsvoll ausklingenden Marschrhythmen. Sie wurden hell nnd rein von den kleinen „Kinderlach" vorgetragen mit jenen blinkenden Kinderaugen von denen Mendele Macher Sesorim sagt, daß sie leuchten „wie brennendige Habdolaus." Und dann nahm man Abschied von einander. Einzeln oder in Gruppen ging man wieder still nnd ernst, aber mit einer inneren Heiterkeit, ans seinen Posten zurück. Und noch lange tönte uns nach der Refrain der Kinderchen: „Am -Jisroel chai, ad beli daj, ad beli daj!u — „Das Volk Jisroel lebt, immerdar, immerdar!" Das letzte Mittel. Russisches K u l t u r b i l d. Bon Armin Wilkowitsch, Eger. Nun liegt er darnieder, dieser Riese, der vierzig Jahre hindurch die Gemeinde mit Einsicht, Energie nnd derben Armen führte. Wie ein Stück Holz liegt er im Bette, kann kaum mehr die Glieder bewegen. Die Nachbarsleute kommen jeden Augenblick mit Fragen: „Was macht Eller Mann, Frau Bürgermeister?" „Krank ist er", sagt sie verdrießlich, „er kann nicht essen, nicht schlafen und stöhnt ununterbrochen: „Staruschka,*) Staruschka, bleib doch bei mir!" A^er ich bitt euch, kann ich dem stets bei ihm weileu. Die Schweine müssen gefüttert, die Kühe gemolken werden; und wenn nicht die Hausfrau zugegen ist. . . die Mägde und die Knechte, ach was! Die langen oft schon zu, aber wann, meint Ihr? Wenn die Kascha^) aus der Schüssel dampft. Ein Sprichwort ein Wahrwort: Mit fremden Händen ist gut Feuer aus dem Ofen zu schurren!" Gestern war" der Pope sbei dem Patienten und hat sich llm sein Befinden erkundigt. „Alexe Michaelowitsch!" sprach der Geistliche, ^vas werden wir nun beginnen? Soll ich nicht wieder einen Bittgottesdienst für Eure Gesundheit veranstalten? Ihr seid ja bitter krank und helfen kann nur der liebe Gott!" „In Gottes Namen!" gab der Kranke resigniert zurück, „sollt Ihr noch zwei Rubel verdienen! Ich würde gerne einen Arzt befragen, was mir eigentlich fehlt, aber, mein Gott, wie käme die Katze über das Wasser? — An die zwölf Stunden wähn's, ehe man nach Archangel gelaugt, sonst gibt es ja weit und breit keinen Doktor. Bis er einen betastet, beklopft nnd betupft, bis er einen ausfrägt und bis er sich gar selber klar wird, was einem fehlt, dauert es ja eine Ewigkeit; und dann erst um Arznei fahren, Batiuschka^). indessen kann man die Augen für immerdar schließen . . . Ja, von dem verfluchten Dampfbad schreibt sich meine Krankheit her! Ich sag' Euch, mau unterschätzt oft die Menschheit. Voriges Jahr gehe ich eines Tages ins Bad. Kalt, ungemein kalt wars draußen. Da kommt gerade aus dem Bad der hinkende Schuster Wassily mir entgegen. Er nickt mit dem Kopf statt eines Grußes. Ich danke ihm und spreche: Wohl bekomme dir das Bad!" Er aber brummt in sein Halstuch hinein: Ihr könnt mich .. .* Ihr könnt Euch denken, wie ich über diesen Frechling erbost war! Ich ließ ihn — was doch nachsichtig von mir genug war — auf 24 Stunden ins Gemeindearrest stecken. Nach einiger Zeit traf ich Wassily im Wirtshaus sitzen. Mein Groll war schon längst verraucht und ich fragte ihn: „Wie konntest Du mir, ohne jeglichen Anlaß hiezu zu i) Alle, Weibchen. *) Der Brei. *) Väterchen, Geistlicher Herr. haben, so grob entgegentreten?" Da lachte der Kerl schelmisch und erwiderte: „Dorfältester, wenn ich Euch für Eure» Wunsch gedankt hätte, so weiß ich, Ihr hättet bestimmt gefragt: sind heute viel Leute in der Bauia^), gibt es genug Wasser, genug Dampf, sind die Besen recht geschmeidig? Das ist das Wenigste, was Ihr mich gefragt... Und ich der simple Schuster Wassily. hätte Euch doch aus alles genauen Bescheid geben müssen. Die Kälte war eine ungeheuere und ich hätte mich erkältet, daß ich mir vielleicht den Tod geholt hätte! So aber wußte ich. daß ich Euch los bin, daß Euch die Lust zum Fragen vergehen wird! Bei 24 Stunden Arrest bin ich entschieden besser gefahren. Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Hab' mich höchstens einen Tag von meiner Plackerei erholt!" „Ich lachte natürlich zu seiner Aufklärung nnd schalt ihn einen verweichlichten Kerl, denn solange ich so jung wie er war, bin ich vom höchsten Podium im Dampfbad, wo kaum noch jemand vor Hitze stehn konnte aus den Badhof gelaufen, habe mich im Schnee gewälzt und bin dann wieder ins Bad zurückgekehrt. Aber dieses Mal hat es mich gepackt l Im Hochsommer mich so zu erkälten! Die Kräfte lassen eben nach, wenn man alt wird. Mit den Altweibermitteln ist es natürlich auch nicht weit her. Unlängst sagte die alte Katia: „Herr Bürgermeister, die Brust und die Schläfen ordentlich um Brauntwein eiureibeu und dann schwitzen, das muß die gefährlichste Krankheit allsogleich verscheuchen!" Dararf meinte die Glasersfrau Maria: Ein heller Unsinn, schade um den teueren Schnaps, der ist viel wohltuender, wenn man ihn austrinkl! Mein Rat, Herr Bürgermeister, ist, sich recht warm zu halten!" „So ein einfältiges Weib, mich warm halten, wenn mich die Wärme und mit ihr auch das Leben allmählich verlasseil!" Der Pope ermahnt den Kranken, sich nicht durch das viele Sprechen anzustrengen, reicht ihm trostspendend die Hand und wünscht ihm baldige Besserung, vergißt aber nicht zu erwühuen, daß er noch heute einen Bittgottesdienst in der Kirche abhalten wird . . . Er legt seine Hände auf des Kranken Haupt, spricht einige unverständliche Worte und geht langsamen Schrittes von dannen. In der Nacht gings dem Bürgermeister ungemein schlecht. Der Frost schüttelte ihn erbärmlich. Weder Kognak, noch Tee mit Rum vermochten ihn zu erwärmen. Er lag wie gelähmt im Bette und ächzte ohne Unterlaß. Die Frau kam oft, nach ihm Umschau zu halten. Sie deckte ihn sorgsam zu und trocknete den kalten Schweiß von der runzeligen Stirne. Es war eine schwere Nacht! — Frühmorgens trat die Stallmagd ins Zimmer und sprach leise zur Frau: „Barinia"'), denkt Euch, heute Nacht kam des Tischlers Sohn, Wladimir, nach Hanse. Wißt Ihr, er war Feldscher beim Militär und hatte sich, wie die Leute sagen, drei Streifen verdient. Ich glaube, man könnt ihn holeu, was meint Ihr, Barinia, vielleicht trifft er das Richtige!" „Gib's Gott," versetzte die vergrämte Frau, „gehe hin und hole ihn!" Bald stand der Wunderwirkende vor des Bürgermeisters Bett. Er sprach nicht viel, er kennt seinen Dienst genau und weiß, wie weit er gehen darf... Er bereitete einen Seifenschaum, nahm eine blaukgeschliffene Schere nnd schnitt den langen grauen Bart ab, seifte tüchtig Kinn und Wangen ein. Sein Rasieren war tadellos! Aus einem Tiegelchen entnahm er zwölf Blutegel und barg sie in den Busen des Schwerkrankeu. Nach einer Stunde erschien er abermals, ließ Graupen abkochen und tat sie in eine Spritze. Dem Patienten war noch nicht besser. Der heilkundige Mann wendete wieder etwas neues an. Er zündete eine Kerze an, erwärmte Banki^) nnd setzte je sechs auf eine Schulter. *) Dampfbad. 5) Herrin, Ansprache für das Gesinde •) Schröpfen,

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