Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 6 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit *)iv. 6. Da- Zutragen der rituell zubereiteten Kost von der Kultusgemeinde in die uulitärischen Unterkünfte wird nur dann gestattet, wenn die Kost in Speisetraggeräten in der Größe für mehr als zehn Portionen — für deren Beschaffung jedoch unbedingt die jüdischen Kultnsgemkinden aufzukolumen hatten — in die militärischen Objekte erfolgt. DaS Zutragen der Kost hat in diesem Falle in militärischer Ordnung, unter Führung eines Unteroffiziers' zu erfolgen. Das Abholen der Kost mit Menageschalen wird nicht gestattet. Der Unterarbteilungskommandant (Stellvertreter), dann die Vorgesetzten Kommandanten haben sich im Sinne des Dienstreglements, 1. Teil, Punkt 238, fallweise davon zu überzeugen, daß die hergeftellte Kost in Güte und Menge auch dem Menagegeld entspricht. H. In jenen Stationen, in welchen sich zwar Knltnsgemeinden befinden, der Vorgang nach Punkt I aber undurchführbar ist, muß a) wenn sich in der Station zumindest hundert auf rituelle Kost restektierende jüdische Glaubensangehörige befinden, die rituelle Verköstigutig in eigener Regie dnrchgesührt werden, b) wenn die Zahl eine geringere ist, kann e»,tweder iu gleicher Weise vorgegaugen werden, oder es ist der Mannschaft das Meuagegeld vor Beginn des Festes für die nenn Festtage auszubezahlen. Erfolgt die Verköstigung in eigener Regie, dann ist das rituell geschlachtete Fleisch im Handeinkauf seitens des betreffenden Kommandos bei der nächstgelegenen Kultusgemeinde zu besorgen. Das Abkochen der Menage erfolgt diesfalls in einer eigens fürgewählten Küche durch strenggläubige jüdische Soldaten. In den Stationen außerhalb Wiens wird es sich empfehlen, die jüdische Mannschaft der ganzen Garnison zu vereinen und an eine einzige Küche im betreffenden Garnisonorte zu weisen. Im nachstehenden folgt eine Anleitung zur Einrichtung einer rituellen Osterküche: I. Statt des Brotes sind ungesäuerte Brote (Mazzoth) zu verabreichen. 2. Entweder sind neue Kessel, Blechgeschirre und Eßbestecke zu vertuenden, oder die gebrauchten für diesen Zweck durch heißes Wasser mit Glühstein brauchbar zu «lachen. 3. Brot und alles, was Gährung hervorbringt, darf in der Küche nicht vorhanden sein. 4. Das rituell geschlachtete Fleisch ist nach den allgemein bekannten religiösen Speisegesetzen zuzubereiteu. (Einwäffern und Aussalzeu.) 5. Als Gemüse wären vornehmlich Kartoffeln und Rüben (Wrukeu) zu verwenden, aber auch jede Art von Hülsenfrüchten ist mit Rücksicht auf die Schwere der Zeit in diesem Jahre zulässig. 6. Alle anderen Speisevorschrifteu, die bei jedem Gläubigen als bekannt vorausznsetzen sind, wie: Sonderung der Milch- und Fleischspeise,i, sind an diesen neun Tagen besonders strenge zu beobachten. Etwa sonst noch wiffenswerte Daten können bei der Israel. Militärseelsorge (Wien, Brünn. St. Pölten) direkt eingeholr werden. HL In der Garnison Wien ist allen Mannschaftspersonen sowie den ausgangsfähigen Kranken, die auf rituelle Kost Anspruch erheben, für die nenn Tage des Osterfestes, wenn die Verköstigung beim Truppenkörper (Sanitätsanstalt) nicht iu der im Punkte H a anbefohleuen Weise durchgeführt werden kann, das Meuagegeld zur Selbstverköstigung am Beginne des Festes auszubezahlen. Den bettlägerigen Kranken ist das Meuagegeld nicht auszubezahlen. Ihre Verköstigung hat, wenn die rituelle Kost nicht iu eigener Regie hergestellt wird, durch die Volksspeisehalle „Eintracht", Wien, II., Malzgasse 12, mit welcher die Spitalskommandos das Einvernehmen direkt und sogleich zu pflegen haben, zu erfolgen. Der gleiche Vorgang wie bei den bettlägerigen Kranken ist Dzgl. der Kriegsgefangenen in der Garnison Wien zu beobachten. IV. In den Kriegsgefangenenlagern (für Kriegsgefangene und Wachmannschaften) ist der im Punkte Ha vorgezeichnete Vorgang einzuhaiteu. Durch die Verabreichung der rituellen Kost dürfen Mehrauslagen nicht erwachsen. Für die Kriegsgefaugenenlager jedoch wird ausnahmsweise gestattet, daß die Kriegsgefangenen während der Feiertage aus der für die Wachmannschaft israel. Glaubens zu errichtenden Osterküche verköstigt werden. Das Zentralkomitee für jüdische Kriegswaisen in Lemberg. Wen» eS in dieser ersten Zeit, da Tausende unserer Glaubensgenossen von den Bitternissen des Krieges so arg heimgesucht werden, einen leisen Trost gibt, so ist es das aufrichtende Gefühl, daß sich eine Anzahl braver Männer und Frauen gefunden hat, die, erfüllt von sozialem Pflichtbewußtsein und Liebe zum Judentum. ihre Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst der verschiedenen Hilfsaktionen gestellt haben, die das große Weh, wenn auch leider nicht beseitigen, so doch einigermaßen z,r lindern versuchen. Eine der wichtigsten, vielleicht die wichtigste Frage, die uns heute bewegt, ist die Versorgung und Erziehung der unzähligen Waisen iu den vom Kriege berührten Ländern, zunächst in Galizien und Bukowina. Die" großzügigen Bemühungen des in Wien gegründeten Vereines zur Rettung verlassener jüdischer Kinder findet ihre Hauptstütze an der unter schwierigen Verhältnissen geleisteten Arbelt im Lande selbst. AlS Vertranensmautt' eines Lokalkomitees finde ich wiederholt Gelegenheit, der verdienstvollen Tätigkeit deS Zentralkomitees für jüdische Kriegswaisen (Sektion Lemberg) nähertreten zu können. Ein Stab, von Hilfsbereiten Damen und Herren sowohl am Sitze der Zentrale als auch in den Provinzstädten findet da Gelegenheit zu segensreichem Wirken; vor allem jedoch soll der aufopferungsvollen Arbeit des vom Präsidenten Dr. Emil Parnas und dem unermüdlichen Generalsekretär David Rubenzahl geleiteten Bureaus dankbarst gedacht werden. Die Gesamttätigkeit umfaßt die Fürsorge für in Waisenhäusern und Horten nntergebrachte Kinder und für solche, die vorläufig in häuslicher Pflege belassen wurden. Der uns vorliegende Bericht meldet, daß bisher 552 Kinder in Waisenhäusern nntergebracht sind, hievon 105 im Waisenhaus Lemberg I, 50 im Waisenhaus Lemberg H, ferner in den Waisenhäusern Ernsdorf 90, Simachowitz- Stlftuug dortselbst 30, Iaworow 34, Sambor 74, Przemysl (Tagesheimstätte) 90. Die Waisenhäuser in Sambor und Przemysl sollen in Kürze auf je 100 Plätze erhöht werden, zu welchem Zwecke der Wiener Verein den Betrag vop 15.000 Kronen zur Beschaffung der Entrichtung widmete. Ebenso soll iu nächster Zeit iu Lemberg ein mit einer Werkstätte verbundenes Internat für 25 der Schulpflicht entwachsene Mädchen ins Leben gerufen werden, außerdem ist die Schaffung von Waisenhäusern in Stryj und Mosciska sowie von Tageshorten in Grodek und Sadora-Wisznia in Vorbereitung. Durch Vermittlung des Zentralkomitees, bezw. seiner Vertrauensmänner gelangen auch die staatlicherseits bewilligtet», leider bisher sehr bescheiden gehaltenen Unterstützungen an häuslich untergebrachte Kriegswaisen (per Kopf 5 Kronen monatlich) zur Verteilung. Dank der Fürsorge des Vereines zur Rettung verlassener jüdischer Kinder iu Wien konnte auch eine recht ansehnliche Bekleidungsaktion in Angriff genommen werden, und zwar, wurden bisher 1500 Paar Schuhe, 508 Kleidchen, 765 Knabeuanzüge, 595 Winterkrägeu (Mäntel), 100 Sweater, 960 Leibchen, 800 Paar Strümpfe, 840 Taschentücher und 1.153 sonstige Wäschestücke zur Verteilung gebracht. Es wäre interessant, wenn auch seitens der Sektion Krakau Näheres über die Tätigkeit des dortigen Bureaus berichtet würde, man wird dann ein Gesamtbild von der für das ganze Land iu Angriff genommenen Arbeit erhalten. Auch wäre es wünschenswert.