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Die Wahrheit · 1917-03-23 · Heft 6 (23.3.1917) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 6 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 6. dies letzthin betreff» des Mazzoihbezuges geschah, erhoben werden, zweitens müßte Regierung und Gemeinde veranlaßt werden, an die Kuluisgemeinde für ihre Schützlinge die erforderliche Zahl lebenden Viehes zu liefern, damit das Fleisch rituell einwandfrei abgegeben werden könne. Tausende armer jüdischer Existenzen würden der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde für eine derartige Intervention herzlichen Dank wissen und dieselbe ist, genau besehen, ihren nabweisliche Pflicht. R. L. Die Ansleg»,lg der heilige« Schrift. Von Prof. Dr. K a h a n, Znann. Die heilige Schrift der Inden enthält nicht znnr die Geschichte des ersten Jahrtausend aus dem Leben des jüdischen Volkes, sondern sie ist auch die Quelle der jüdischen Religion. Und so ist es kein Wunder, daß sie bei den jüdischen Gelehrten seit etwa zweiundeinhalb Jahrtausenden ein Gegenstand der Erklärung. Erforschung und Auslegung wurde. Namentlich die Thora bot in ihrem doppelten Charakter als Geschichts- und Gesetzbuch manche Schwierigkeit, die beseitigt, und manche Dunkelheit, die erklär: werden mußte, abgesehen von den sprachlichen Schwierigkeiten, deren es nicht wenige gibt. Und so wurden von Zeit zu Zeit verschiedene Regeln aufgestellt, wie die heilige Schrift ausgelegt werden müsse. Im allgemeinen kannte man viererlei Erklärungsweisen: 1.) nach dem einfachen Wortsinn WvL), 2.) andentungsweise (Tö-i), 3.) durch Schlußfolgerung (virn) und 4.) durch Geheimlehre er©). Außerdem hat uns der Talmud zwei goldene Regeln überliefert: 1.) In keiner Stelle der heiligen Schrift darf der schlichte Sinn des Wortlauts vernachlässigt werderl! (Sabb. 63 a ©iDL ksv anpö pK. . — 2.) Die Thora spricht wie Menschen sprechen, d. h. mancher Ausdruck muß so verstanden werden, wie es der jeweilige Sprachgebrauch im Munde der Menschen erfordert. (Berachot 31 b Lin '22 jie£>2 min mnn). Auch die christliche Kirche hat sich von jeher mit der Auslegung der heiligen Schrift eingehend beschäftigt. Waren doch alle wichtigen Ereignisse in den Evangelien geschehen, damit erfüllet werde, was geschrieben steht! Ja, der Grundgedanke des Christentums, daß Gott, nachdem er einst mit dem Volke Israels einen Bund geschloffen hatte, nunmehr mit der ganzen Menschheit einen neuen B u n d geschlossen habe, beruht ans einer Deutung der Worte Jeremias (31. 30—33!). Dort heißt es nämlich: „Siehe. Tage kommen, ist der Spruch Jahves, da schließe ich mit dem Hanse Israel und mit dem Hause Inda einen neuen Bund. Nicht wie der Bund war. den ich mit ihren Vätern geschloffen am Tage, da ich ihre Hand ergriff, um sie ans dem Lande Aegypten zu führen! Sie haben ja meinen Bund gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war — ist der Spruch Jahves. Sondern das ist der Bund^den ich am Ende jener Tage mit dem Hause Israel schließen werde — ist der Spruch Jahves: „Ich lege meine Lehre in ihr Inneres und auf ihr Herz werde ich sie schreiben. Ich ^verde ihr Gott und sie werden mein Volk sein. Und es wird keiner seinen Nächsten und keiner seinen Bruder lehren und sagen: erkennet Jahve! Denn alle werden mich kennen, von Klein bis Groß — ist der Spruch Jahves: Ich werde ihre Schuld verzeihen und ihrer Sünde nie mehr gedenken." — Auf Grund dieser Worte des Propheten behauptet der Apostel Paulus (Hebräer 8. 6 ff.): Jesus sei der Mittler eines bessern Testaments (Bundes). „Indem er (Jeremia) sagt: Ein neues, macht er das erste alt." — Daß hier nur von einem neuen Bunde mit dem Volke Israel die Rede ist, und zwar von einem Bunde, der jetzt nach zweieinhalb Jahrtausenden noch nicht geschloffen wurde, da ja die L e h rtätigkeit noch nicht überflüssig geworden ist, wird vom Apostel ganz übersehen. Jedenfalls wird auf Grund dieser Deutung unsere heilige Schrift „das alte Testament" genannt und zwar mit der Nebendeutung „alt und überjahret" (Hebr. 8, 13), während die Evangelien rc. „das neue Testament" genannt wird. Diesen Tatbestand sollen sich die jüdischen Gelehrten vor Augen halten und nicht gedankenlos unsere heilige Schrift — „altes Testament" nennen, da diese Benennung nur im Munde eines gläubigen Christen einen Sinn hat! — Jedenfalls haben wir gesehen, welche eminente Bedeutung nicht nur die Juden, sondern fast mehr noch die Christen der richtigen Auslegung (Hermeneutik) unserer hei-! Ilgen Schrift beilegen, lieber Art und Weise der Auslegung i sind unzählige Schriften abgefaßt worden. Als letztes Glied i dieser langen Kette, und zwar als das bedeutendste, ist das Buch zu betrachten, das eben erschienen ist: He r m e n e u t i k des alten Testaments mit spezieller Berücksichtigung der modernen Problemen von Eduard König. Dr. litt, sem., phil., theol., ord. Prof, und Geh. Konsistorialrat in Bonn. Bonn 1916, A. Marcus u. E. Webers Verlag. 6 Mk. Bei Ed. König ist ein wissenschaftliches Thema immer gut aufgehoben. Es wird mit großem Scharfsinn und peinlicher Gewissenhaftigkeit nach allen Richtungen durchforscht und ein klares, unanfechtbares Resultat geliefert. Dazu kommt noch die wohltuende Auseinandersetzung mit seinen Vorgängern, die zugleich einen Ueberblick über die ganze Literatur dieses Themas gewährt. Der jüdischer Leser charf natürlich nicht vergessen, daß hier ein gläubiger christlicher Gelehrter das Wort führt, dessen religiöse Ansichten er ja nicht zu teilen braucht. Nur mögen hier einige Jrrtümer berichtigt werden, die dem so gründlich unterrichteten Verfasser unterlaufen sind. Wir wollen gleich mit dem letzten als dem wichtigsten beginnen. S. 155 schreibt K.: In Jes. 9, .5'. wird von dem verheißerien Davididen gesagt, daß er nicht blos „ein Wunder von Rat," sondern auch eiii’el gib b o r genannt werden werde, und diese Bezeichnung „ein förmlicher Gotl als Held" besaß Analogien in der mehrfachen Verwendung von ei in der Benennung von Helden (vgl. Ariel „Gotteslöwe") nsw. — Da stutzt man schon. Wie? Wenn man einen Helden als Löwen Gottes bezeichnet, kann man ihn dann als Gott anfprecheu? Aber die ganze Uebersetznng ist ein gewaltiger Irrtum. Dem Propheten Jesaia ist es nicht eingefallen, deinen Menschen den Namen „Gott", „Vater der Ewigkeit" beiznlegen! Dazu würde ja nach der Uebersetznng das Subjekt zu mp'! fehlen. Aber schon das Targnm übersetzt so, daß Np 'SK 1122 b« ppp Kba das Subjekt bildet und oibv NV das Prädikatsnomen. Also: Der wunderbare Berater, der allmächtige Gott, der Vater der Ewigkeit nennt seinen Namen — Friedenssürst. Ebenso erklären Naschi und Qimchi diese Stelle! Sollte das einen Ed. König entgangen sein? — S. 120 heißt es: während Hesekiel (11. 5 b) Gott von den Pr o p h e t e n r i v a l e n sagen läßt: „Was in eurem,Geiste aussteigt, ich kenne es." — Hier spricht der Prophet gar nicht z u P r o p h e t e n, sondern zn den Fürsten des Volkes! S. 10 glaubt König eine Erklärung der Misch na berichtigen zn müssen. Er schreibt: In Sota IX, 5 wird das Wort jn-K von Dl. 21, 4 gedeutet ipvvvv als ntpn „hart", während es vielmehr „beständig stark strömend"-,beißt. — Es handeltsich hier darum, ob bw„Tal" oder „Bach" bedeutet. K. nimmt das letztere an und weiß nicht, daß Maimonides die Mischna auch so versteht! vgl. seinen Kommentar z. St. und Hil. Rozeach IX, 2. „Bach mit starker Strömung — das ist mir pvK in der Thora gemeint! — Raschi allerdings versteht darunter ein „hartes Tal" und K. hätte gegen ihn polemisieren sollen, nicht aber gegen die Mischna. S. 66 wird die Folgerung ans der Dtialform in a©« “pK Ex. 34, 6, daß nämlich Gott langmütig sei gegen Gerechte und Böse dem Jbn Esra zngeschrieben, während er sie als die Meinung des R. Rabbi Nissim ablehnt. Tatsächlich ist diese Deutung talmudisch (Erubin 22 a und Parallelen). Zu S. 70. Im Biblischhebräischen heißt: „biria“ Speise und „b’ria“ Geschöpf. Im Neuhebräischen heißt auch nur „b’ria“ oder b’rija“ Geschöpf — eine „veränderte Bedeutung" liegt hier nicht vor!

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