Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 6 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Slbiiiinistration:! Wien, II., NouaragnsF 27 Ttltvbou:! Stfbottiou Amomal 44.XS9. jj llbniiniftrntioii 31m. 47.851 jj ft. k. osterr. Postsvarkassaü S«be«k-ftonio Nr. 100.918. || JnlKvatc: | . Dir viermal gejvalteiie >! S»ronvaieille-Zeile 25 Heüer. jj AbouiiemeiilSlind JnsrrliouSi! betrüge sind in Wien zahlbar j! und klagbar. » «abhängige Herifchrift für jüöische HlkLeresss«. Erscheint jeden Kreit»ln Uotta: „Das Siegel (-»ottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: j «Lauzjührig.K 16.— j Halbsähri«.K 7.50;i Für Stultiiabeamte: Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: 'MaiijinDrij . •.S Mark 8 Sinbel oder IS Frc». Kr 6. Wien. 23. Mär; Nike Inhalt: Besondere Notlage der arme:: rituellgesinnte» Jndenschaft. — Die Auslegung der heiligen Schrift. — Die Jude» als eifrige Förderer des Welrhandels. — Aus dem Militärkommandobefehl Nr. 63. — Das Zentralkomitee für jüdische Kriegswarfen in Lemberg. — Dringende Bitte für unsere jüdischen Krieger au der südtiroler Front. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Kesondrrr , Notlage der armen ritneUgestnnten Jndenschaft. Die arme Menschheit befindet sich schon in Friedenszeiten in größerer wirtschaftlicher Bedrängnis als die besitzende und wohlhabende, aber der arme, fromme nnd alle religiösen Vorschriften beachtende Jude muß di^ Not zumal in harten Kriegszeiten doppelt nnd dreifach anskosten. Wir wollen nur einige besondere Härten anführen, welche nun der Weltkrieg für solche fromme jüdische Familien hervorbringt. Ans den letzten Berichten der Wiener israelitischen Knltusgemeinde erfährt man, daß für die kommenden Osterfeiertage nur ein halbes Kilogramm M a z z o t h pro Kopf werde abgegeben werden können. Schon im letzten Jahre war durch Verteuerung und Bezngserschwernng der Mazzvikorb .höher gehängt worden und gar vielen Inden wurde durch die Knappheit an Nahrungsmitteln die Festesfreude arg verleidet. Doch waren noch andere Lebensmittel wie Kartoffel, Gemüse u. dgl. erhältlich und das Wiener Rabbinat erlaubte auch den Genuß von Reis und Hülsenfrüchteu, welche damals noch erhältlich waren. Gegenwärtig ist es aber eine schwer zu lösende Preisfrage, wie sich ein armer ritueller Jude an den kommenden Pesachtagen sättigen könne. Wohlhabende Familien besitzen häufig noch alte Lebensmittelvorräte ans den Zeiten, in denen biefetben noch unschwer gekauft werden konnten. Im Herbste konnten Leute, denen es an Geld nicht mangelt, noch größere Mengen von Kartoffeln kaufen, aber arme Leute besitzen gegenwärtig keine Lebensmittelvorräte und entbehren bereits monatelang den Genuß von Erdäpfeln. Wie soll da das Pesachfest überstanden werden? Ist die jüdische Gesellschaftnicht mehr imstande, die leibliche Not dieser zahlreichen nnd nicht zu nnterschätzendeil Glaubensgenossen wesentlich zu mildern, dann könnte nnd sollte vielleicht das Rabbinat diese Armen durch angemessene Belehrung von der Gewissensnot befreien, welche durch den Bruch der religiösen Vorschriften entsteht, wenn sie auch durch Hunger erfolgte. Schreiber dieser Abhandlung ist kein Gelehrter, aber ebenso wie ein Soldat, welcher .durch strenge Vorschriften zum Bruche seiner religiösen Vorschriften gedrängt wird, bekanntlich deshalb die Amnestie der Rabbinen besitzt, ebenso kann, denke ich, im Jahre der Kriegsuot 1917 die unmögliche Einhaltung der strengen Pesachgesetze ausnahmsweise amnestiert werden. In dieser Frage stehen die israelitischen Knltusgemeiuden zweifellos einer nicht zu mildernden harten Tatsache gegenüber. Es ist bekannt, daß die Regierung beabsichtige, den armen Volksschichten demnächst durch soziale Vorsorgeaktionen den lange schon entbehrten F l e i s ch g e n u ß zu ermöglichen. Wir erlauben uns ans diesem Grunde die Wiener israelitische Kultnsgemeinde auf diese Tatsache aufmerksam zu machen und ihr naheznlegen, ihren keineswegs bedeutungslosen Einfluß rechtzeitig geltend zu machen, damit auch arme und religionstrene Inden die Frucht dieser gewiß sehr löblichen Regieruugsaktion mitgeuießen können. Nach der betreffenden Verlautbarung der Regierung werden die L a n d e s-, Bezirks- und G e m e i n d e w i r t s ch a f t sämter als die berufendsten Organe angesehen, „um bei vo ller Ber ücks ich tignn g der ob wa ltend e n Bersch i e d e n h e i t e n die erforderliche Einheitlichkeit und die gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigsten Lebensmitteln herznftellen und die unerläßliche weitgehende Mitarbeit der Bevölkerung zu sichern". Die Wiener israelitische Kultnsgemeinde findet in dieser Sache genügend Anlaß in dem Sinne einzngreifen, daß auch die armen, gläubigen Inden von der Regierungsaktion m i t erfaßt werden können. Derlei ist leider nicht immer geschehen, so z. B. weisen wir ans die billigen russischpolnischen Gänse hin, welche im letzten Winter von der Futtermittelzentrale auf den Wiener Markt gebracht wurden. Diese Gänse waren a b g e st o ch e n, was erst in Wien . erfolgte. Es konnte deshalb kein frommer Jude in den Besitz einer solchen Gans behufs Genusses derselben gelangen. Sicherlich sind die christlich-sozialen Landes-, Bezirks- und Gememdevertreter Wiens und Niederösterreichs nicht verpflichtet, die rituelle» Gesetze, der Inden zu kennen, wenn sie aber rechtzeitig darauf anfmerkiam gemacht werden, dürfte es ihnen doch etwas schwer werden, dieselben gänzlich zu ignorieren. Auch verpflichtet der angezogene Regierungserlaß anläßlich der Ausführung desselben alle beteiligten Funktionäre, dabei „die Wahrung strengster Unparteilichkeit, sowie ein durchaus sachliches und gerechtes Borgehen" zu beobachten. „Unterscheidungen nach sozialen, politischen odernationalen Gesichtspnnkten müssen unter allen Umstünden ans ge schalt et sein." Im Sinne dieser Ausführung sollte nun durch die Wiener israelitische Kulinsvehörde erstens rechtzeitig die Zahl der armen nnd minderbemittelten Juden Wiens, die billigeres Kchcherfleisch wünschen und znm Bezüge d'esselbeu berechtigt erscheinen, durch eine ähnliche öffentliche Aufforderung, wie