Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 5 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Geite 7. Ar. 5 Nachwuchses bedroht sind. Um hier ein klares Bild zu ge» winuen, regt er an, dem Plenum von Zeit zn Zeit eine nach Alter und Beruf gegliederte Statistik über die Sterbe» fälle vörzulegeu. Seiner Meinung nach wären die Schäden dieses Krieges nicht allein von denen, die ihn heute miterleben und mit» erleiden, sondern auch von den kommenden Generationen, welche die Früchte des Krieges genießen, zu tragen^ Der -Kultusvorstand wird eine ganze Reihe von Institutionen der Säuglings» und Kinderfürsorge zn betreiben haben und die Kosten dieser unerläßlichen Fürsorge wären schon jetzt durch eine entsprechend große Anleihe sicherznstellen. Es wird dem Kultusvorstande auch obliegen, die Schaffung von Darlehenskassen für jüdische Gewerbetreibende zu initiieren, um die ans dem Felde zurückkehreuden gewerbetreibenden Ge» meiudemitglieder bei der Wiederaufrichtung ihrer zerstörten Existenzen zn unterstützen. der Frage der Behandlung der S u b v e n t i o n sge suche sowie in der Steuerfrage schließt sich Dr. Schmarz-Hillet im Großen und Ganzen den Ausführungen des Oberingenieurs Stricker an, ganz besonders dürfe mau sich nicht davor fürchten, daß Leute, die durch den Krieg zn Vermögen gelangt sind, infolge einer gerechten, entsprechend Hoheit Besteuerung ans dem Judentum anstreten würden. Wir müssen auf solche mit Freuden verzichten. Dr. Schwarz-Hiller bestätigt vollinhaltlich die Ansfnhrnngen des Oberingenieurs Stricker in Angelegenheit der galizischen Flüchtlinge in Prag und teilt auch seine Ent» rüstung. Er habe sich an den Minister des Innern gewendet, doch die eigenartigen österreichischen Verhältnisse dürften die Erklärnng dafür sein, daß die geschilderten unerhörten Zustände noch immer andallern. Sanitäre Gründe als Vorwand für solche Maßnahmen zu nehmen, sei geradezu unglaublich. Er spricht anch den Wunsch ans, daß das Präsidium in dieser Angelegenheit das Geeignete unternehme. In der Frage der Feldrabbiner habe Redner bereits bei einem früheren Anlasse, wo es sich um einen anderen Feldrabbiner als heute gehandelt hat, nicht der Person, sondern der Sache wegen den Standpunkt vertreten, daß die Kultusgemeiilde bei der Ernennung von Feldrabbinern wenigsteirs über die Qualifikation und die Würdigkeit des in Aussicht Genommenen befragt werden sollte, weshalb er heute blos seinen damals ansgesprochenen Standpunkt vertrete, weull er wünscht, daß die Kultusgemeiude, bevor der jetzige Zustand stabilisiert wird, eine Remednr zn schaffen trachte. Zum Schluffe setzt sich Dr. Schwarz-Hiller dafür ein, daß die ans dem Schlachtviehmarkt bedienstelen Schächter eine entsprechende Besoldnug und eine Pensionsberechtigung erlangen. Hierauf wird die Fortsetzung der Budgetdebatte für die nächste Sitzung vertagt. Aus der P l e n a r s i tz u n g v o m 4. M ä r z. In Fortsetzung der Budgetdebatte verweist Professor Dr. Ehrmann auf die schweren Verluste, die besonders die Jndenschaft in diesem Kriege erlitten habe, die mindestens %—3fach im Verhältnisse Aößer seien, als die der anderen Konfessionen. Diese Verlitste können nur dadurch well gemacht werden, daß die Kindervor allem die Säuglingssterblichkeit herabgesetztlvird. Betreffs der Art der Durchführung müsse er jedoch gegenüber den Ansführnngen in der letzten Plenarsitzung gewisse Einschränkungen machen. Es sei ein verfehlter Standpunkt der jüdischen Politik, überall dort, wo die staatlichen Organe sich nicht geneigt zeigen, sofort in die eigene Tasche zn greifen. Gleich wie bei der Waisenfürsorge muffe der Staat auch hier die Fürsorge übernehmen' und für die jüdischen Kriegswaisen dasselbe leisten wie für die anderen. Was die jüdische Fürsorge mehr koste, wollen wir ersetzen. Prinzip müsse es sein, daß unsere Leistung nur snppletorischer Natur sei. Unsere Waisenkinder dürfen unter keinen Umständen schlechter daran sein, als die anderen. Die Schuld für diese Zustände liege in uns, weil wir unsere Waisenpstege micht einheitlich organisiert haben. Bor Kurzem ist unter ' \’ dem Protektorate Ihrer Majestät der Kaiserin eilt großes Komitee konstituiert worden, in welches Vertreter, der katholischen, sozialistljchen uub anderer Organisationen berufen wilrden, aber kein Vertreter einer jüdischen Institution. Es gibt eben keine jüdische Wohlfahrts-Organisation und der Staat hat keinen Anhaltspunkt, an wen er sich wenden solle. Jeder Bersitch einer Organiiativn stoßt bei uns auf Hinderniffe. Em treffender Beweis hiefür ist die geplante Organisation der österreichischen Jndenschaft, welche im Entwürfe bereits fertiggestellr, dann aber von verschiedenen Etementen bekämpft worden ist. In der fehlenden Orgamsation feie» auch die Ursachen für die beklagenswerten Mängel betreffend der Seelsorgeschaft des Heeres zn suchen. Die Regierung wisse nicht, an wen sie sich wegen Berufung und Anerkennung eines Feldrabbinees zu wenden habe? Redner bespricht die Zustände in der Mikwah, die de» sanitären und hygienischen Anforderungen unserer modernen Zeit vollständig widersprechen, und fragt den Präsidenteu. was er zu tun gedenke, nm diesen Uebelständen abznhelfen. Zum Schluffe behandelt Professor Dr. Ehrmann die Spitalsfrage und beantragt nach Beendigung seiner diesbezüglichen Ausführungen dem Leiter des Spitals sowie allen Aerzcen den Dan! und die Anerkennung ansznsprechen. Kais. Rar Kauders erwidert auf die gegen die Mikwah vorgebrachten Beschwerden. Der Borwnrf. daß sie nicht rein sei, treffe nicht zn, aber an den rituellen Eiurichlnugen könne er nichts ändern, da die Mikwah in religiöser Beziehung dem Rabbiuate unterstehe. Was die angeregten Fürsorgeaktionen betrifft, jo wären dieselben allerdings im höchsten Grade wünschenswert, aber es verdiene dabei auch die Frage Erwägung, tvoher denn die Gemeinde das nötige Geld hiefür anfbriugeu sollte. Dr. Schreiber vertritt die Ansicht, daß die Kultnss gemeinde eine sehr harte Steuerveranlagung hat. Es gibt außer den direkten noch ganz beträchtliche indirekte Abgabesteneru, wie bei Trauungen, Leichenbegängnissen rc., außerdem ist bei der Stenerbemesiung die Seldsternschätznng jede Mitwirkung der Zensilen ausgeschlossen. Ein schärferes Anzlehen der Steuerschraube sei unter solchen Verhältnissen nicht immer am Platze, jedoch scheine es angezeigt, zur Bewältigung der großen Aufgaben der Knllnsgememde ein Zeitabschnitt zn erstellen. Was die Subventionen betrifft, so sind diese nur als Anerkennung für die Tätigkeit der verschiedenen Institutionen anfznfasfen und eher zn niedrig als zu hoch bemessen. In der Frage der Feldrabbiner erblickt Redner das Nebel darin, daß eben nicht genügend geeignete Persönlichi feiten vorhanden sind. Durch das Fehlen eines Oberravviners j sei eine große Kalamität entstanden. Eine hervorragende Persönlichkeit an der Spitze des Rabbinales hätte gewiß die leidige Frage der Feldrabbiner zur Zufriedenheit geordnet. In Bezug ans die allgemeinen Fragen, die hier erörtert wurden, vertrete er den Standpunkt, daß die Kuttusgemeinde vor allem in dem ihr vorgeschriebenen Rahmen ihre Tätigkeit zn entfalten habe, alle übrigen die Jndenschaft interessierende», Probleme mögen von einer eigenen Kriegs- und Friedenskommissiou, welche aus Mitgliedern des Kultnsvorstandes unter Zllziehung angesehener Gemeindemitglieder zu bilden wäre, zn behandeln. Diese Kommission würde die Knltusgemeinde der Verantwortung für viele die Jndenschaft betreffende Fragen entheben. , Dr. Samnely beschäftigt sich mit der Frage der verlassenen Kinder und erstattet an der Hand ' genauer Daten einen ausführlichen Bericht, insbesondere über das Kinderheim im XV. Bezirk, Heklotzgaffe. Max Zirner erörtert gleichfalls Fragen der Waifennud Kinderfürsorge und plaidnt für die Schaffung einer Zentralstelle für Kinder- und Säuglingsfürsorge. S. Brod bespricht das Unterrichtswesen und erklärt, übergehend auf die allgemeinen Angelegenheiten, es für wünschenswert, daß alljährlich mindestens einmal eine Pleuarfitznng zur Vorbriugnng von Anregnngeit und Anträgen abgehalten werde.