Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 4 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 4. Wohlstandes zeigen sich doch noch in ein paar Oeldrucken oder in einem bunten Tischtuch. Es ist Freitag Mittag, und die Leute bereiten das Essen für den Sabbath vor, an dem nicht gekocht werden darf. Bei alledem kann man nicht sagen, daß die Wirtschaften eigentlich schmutzig sind, soweit Reinlichkeit bei solcher Armut möglich ist. Seife stellt ja einen Luxus dar, den man sich nur selten gestatten darf. Mau hat fiir den Sabbath vorgesorgt. Der Fußboden ist überall frisch gescheuert und dann mit alten Tüchern belegt, die erst nach Sabbathanfang entfernt werden sollen, damit dle Kinder nicht den Straßenschmutz hereintragen. Ueberall sucht man auch Tische, Stühle und den Herd zu säubern. Aber mit kaltem Wasser und ohne Seife ist das alles schwierig. In einem Keller fängt die Frau bitterlich zu weinen an, als wir sie fragen, was sie zum „Schabbis" koche. Sie sagt, ihr Mann fei Lastträger, und früher habe er doch am Tage 30 Kopeken verdienen können, aber jetzt habe er manchmal tagelang keinen Kopeken mitgebracht. Trotzdem putzt sie und quält sich für den Feiertag. Freilich, an der Kleidung ist nichth zu säubern. Bei der herrschenden Kälte haben die Leute alles übereinander gezogen, was sie überhaupt an Kleidungsstücken besitzen, vier bis fünf zerlöcherte Kaftans und darüber noch einen langröckigen Paletot, der sich vom Vater auf den Sohn vererbt und schon Generationen lang seinen Zweck dient. In den Lumpenhaufen Haufen die Kleiderläuse, die Verbreiter des Flecktyphus, der jetzt wieder ganze Stadtteile infiziert. In den Schulen werden die Kinder gebadet, und ihre Sachen werden desinfiziert, wenn sie krank werden. Aber es fehlt überall au Vorkehrungen zu einer regelmäßigen Reinigung und so tritt gewöhnlich die Desinfektion erst ein, wenn ein Kind erkrankt ist. Aber nebenbei, einige Straßen weiter, spielt sich das ganze elegante Leben Warschaus unverändert Tag für Tag ab. In den Familien wird genau so üppig gegessen, wie das in Polen allzeit der Fall gewesen ist und in den großen Hotels biegen sich die Tische unter der Last der Sakuski, der landesüblichen appetilreizeuden Vorspeisen. Den Menschen hier ist das Massenelend zur Gewohnheit geworden. Verschiedene Nachrichten. Vien. (Israelitische K u l r II s 4 e m e i u b e W i e n.) Die öffentliche Plenarsitzung des Vorstände» der israel. Kultusgemeinde Wien findet Sonntag, den 25. Februar l. I., 10 Uhr vormittags, I., Seiteustetreugaffe 4, 2. Stock, Sitzungssaal, statt. Tagesordnung: Festsetzung der Voranschläge der Einnahmen und Ausga den der israel. Kultusgemeinde Wien, sowie sämtlicher unter der Verwaltung der israel. Kultusgemeinde stehenden Fände und Anstalten für das Jahr 1917- Dien. Im Josefine Men d l - Wohlfahrtshans (Toyubeehalle) fand Sonntag, den 18. d.M. Halo 11 Uhr vormittags eine Trauerfeier für den vor Kurzem verstorbenen Stifter und Erbauer des Hauses, Herrn Heinrich M e n d l, statt. Der Obmann der Toyubeehalle, Herr Dr. I. S a mu el y. hielt die Gedenkrede, m welcher er ein treffendes Bild deS edlen Philautropeu zerchnele und hierauf richtete Obmann- Stellvertreter, Herr Karl Freund, einige herzliche Worte an die Kinder mit der Aufforderung, stets mit Dankesgefühlen des Mannes zu gedenken, der durch Errichlung dieses Erziehuugshauses ihnen so viel gütige Fürsorge zugeweudet hat. Von tiefergreisender Wirkung war das nachfolgende, von Herrn Direktor F i s ch e r verfaßte Gedichts daein Hortzögluig mit vieler Empfindung vortrug: Ein Leben, nur geweiht der Liebe, Voll Edelsinn und Opfermnr, Begeistert von dem reinsten Triebe, Erfüllt von schwärmerischer Glut, Dem Schönen, Großen zugeweudet — Es bat zu früh, zu früh geendet. Der Edle, dessen rastlos Streben Dem wahrhaft Guten nur geweiht, Er hat in seinem ganzen Leben Den reichsten Samen ausgefirem. Und was er wirkte allerwegen, Es ward znm Heil, es ward zum Segen. Und auch die Liebe zu den Kindern Hat ganz sein edles Herz erfüllt. Er wußte ihre Not zu lindern, Ihr Leid uud Weh hat er gestillt; Denn wo er konnte Wunden heilen. Galt ihm kein Zögern, kein Verweilen. Dies Haus, es gibt beredte Kunde Der Liebe, die er uns geweiht, Der Liebe, die dem Bruderbünde Er zugewendet jeder Zeit: Ein Hort den Kindern, Schirm den Armen, Für die sein Herz schlug voll Erbarmen. Der Sturm der Zeiten mag verwehen, Was Menschenhand zu schaffen sucht; Was Liebe wirkte, bleibt bestehen, Was Liebe pflanzte, wird zur Frucht. Und wer so viel der Lieb' gegeben, Dess' Name wird in Ew'gkeit leben. Hierauf sangen die Kinder das Lied: „Es ist bestimmt in Gottes Rat", und mit dem Trauerchoral „Schiwissi“, gesungen von einem Knabenchor unter Leitung des Chordirigenten H eimann schloß die einfache aber sehr erhebende Feier, welcher Mitglieder der Familie des Heimgegangenen und zahlreiche andere Trauergäste aus den Kreisen der Bnai Brith-Vereiniguug beiwohnten. Wien. (Predigte n.) Freitag, den 23. Februar: Rabbiner Dr. T a g l i ch t, XV., Turnergasse, Rabbiner Dr. Rosen m a n n, XXI., Holzmeistergasse, Rabbiner Dr. M a u d l, X., Humboldtgasse. Wien. Am 15. d. M. fand im Ceremoniensaale des Leopoldstädter Tempels die Trauung des Frl. Stella Jurberger, Tochter des Ersten Kantors Friedrich S. Jurberger, mit Herrn Wilhelm Brandt, statt. Unter den Trauungsgästen bemerkte man: den Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, den Präsidenten des Bethausvorstandes Landesschulrat Dr. Markus Spitzer, die Vize- Präsidenten Anton Beck, Vorsteher Karl Freund, den Präsidenten des Kantorenvereines Oberkautor Bauer, Sekretär Fuchs, Kantor Löwit und viele andere. Den Trauungsakl vollzog Rabbiner Dr. Grnnwald, die kantorale Funktion versah Oberkantor Morgenstern. Wien. (Kaiser Franz Josef I. Huldigungstempel.) Donnerstag, am 7. Adar (1. März 1917) abends einviertel 6 Uhr findet im Kaiser Franz Josef I. Huldignugstempel, II, Pazmanitengaffe 6, die Gedächtnismsfeier für den verstorbenen Obmann- Stellvertreter des Bethausvereines. Herrn Michael G l o g a u, sowie für die im verflossenen Verwaltnngsjahre verstorbenen Vorstands- und Vereinsmitglieder statt. Freitag, den 23. Feber abends Predigt des Rabbiners Dr Salomou F u n k. Wien. (Verein für Kranken pflegen nd Unterstütznng Handlungsangehöriger Jsraeliten.) Donnerstag, den 1. März halb 7 Uhr abends findet im Gemeiudetempel, I., Seitenstetteugasse 4, das statutengemäße jährliche Requiem für die verstorbenen Vereiusmitglieder statt. Anschließend an das Requiem wird um 7 Uhr abends im Sitzungssaale der isr. Kultusgemeinde I. Seitenstetiengasse 4, H. Stock die Generalversammlung des Vereines abgehalteu. Wien. Wie uns knapp vor Schluß des Blattes aus Prag mitgeteilt wird, ist daselbst der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Arnold Rosenbacher nach langem Leiden un 70. Lebensjahre gestorben. In letztwllliger Verfügung hat sich der Verblichene jede Leichenfeier und Leichenrede verbeten und seine Beerdigung in größter Einfachheit angeordnet. Wien. Sonntag, den 18. Februar, ist' hier Dozent Dr- Maxi- > milian Schramek, k. k. Regimentsarzt i. d. R., Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone am Baude der Tapferkeitsmedaille, infolge eines im Felde zugezogenen schweren Leidens im 37. Lebensjahre gestorben. Das Leichenbegängnis fand Dienstag, den 21. d. M. vormittags, unter großer Beteiligung vom Zentralfriedhofe statt. Wien. (B o r t r a g L i l i e n s.) Der bekannte Maler und Bibelillustrator Ephraim Mose Lilien, der jetzt als Einj. Freiwilliger beim Feldjäger Reg. Nr. 21 in Wien, eingerückr ist, wird am 8. März einen Lichtbildervortrag >n der Urania unter dem Titel: D i e B i b e l und das.Land der Bibel halten. Die Lichtbilder find nach Zeichnungen und Radierungen des Künstlers hergestellt worden und werden einen sehr interessanten Ueberblick über das Schaffen dieses hervorragenden Künstlers geben. Wie bekannt, ist Lilien ans seiner dritten Palästiuareise vom Kriege überrascht worden und hat die Rückreise nach Deutschland zum Teil zu Fuß zurücklegen müssen. Der Gesamtertrag ist den Witwen und Waisen des Feldjäger-Bataillons Nr. 21 zugedacht. Wir weisen unsere Leser schön heute auf diese Veranstaltung hin, die zum ersten Male Gelegenheit gibt den Künstler iu Wien zu hören. . M. G.