Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 4 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 7. dem in Vertretung des Statthalters Bezirkshauptmann Dr. Lieger, in Vertretung des Polizeipräsidenten Regiernngsrat Semek, in Vertretung der Knltusgemeinde Landesschulrat Dr. Spitzer mit den Vorstehern Professor Dr. Ehrmann. Dr. Pappenheim, S. Srod. Dr. Schreiber und Dr. Deutsch, die Bethausvorsteher Dr. Münz und Theodor Kohn, von der Chewra Kadischa Vorsteher Carl Lemberger, die Rabbiner Dr. Feuchtwang, Dr. Grnnwald, H. L. Reich, Dr. Funk, Dr. Rosenfeld und Dr. Dobrinsky, letzterer in Vertretung des Tempelvereines für den VI. und VII. Bezirk, von der Beamtenschaft der Knltnsgemeinde Sekretär Emil Engel und die Amtsteiter Wilhelm Freistadt und Rudolf Kraus, der Präsident des Kantorenvereines Oberkantor Bauer, Oberkantor Morgenstern, kais. Rat Oberkanlor Kläger. Kantor Löwit, zahlreiche Vertreter der Wiener Tempelvereine, vom IV. und V. Bezirk Obmann Hofmann und Schriftführer Frankl vom VIII. Bezirk, vom X. Bezirk Obmann Lampel, vom XIH. Bezirk Obmann-Stellvertreter Kurier, vom XIX. Bezirk Obmann Müller, der Vizepräsident der Börse kais. Rat Steinhübel, Börserat Worthmann, Bezirksrat kais. Rat Dr. Redlich, die Schriftsteller Dr. Bloch und Dr. Löwy, der gesamte Vorstand des jubilierenden Tempelvereines unter Führung des Obmannes Dr. M. Schirepp, zahlreiche Mitglieder und sonstige Festgäste beiwohnten. Mit einem stimmungsvollen Orgelpräludium eingeleitet, übte der Gottesdienst dur chdie Festgesänge, die Oberkantor Mayerowitsch mit Chor ltnd Orgel exekutierte, und die Festrede des Rabbiners Dr. Schwarzeine weihevolle Wirknng auf alle Anwesenden. Nach dem Festgotlesdienste fand im Zeremoniensaale des Tempels die ordentliche Generalversammlung für das 50. Vereinsjahr statt, an welcher anch die Vertreter der Behörden, der Kultusgemeinde und der Tempelvereine teilnehmen. Nach der Begrüßung durch den Vereins-Obmann Dr. M. Schnepp übermittelte Bezirkshauptmann Dr. Lieger die Glückwünsche Sr. Exzellenz des Statthalters von Niederösterreich Dr. Freiherr v. Bleyleben und anerkannte das ausgezeichnete Wirken des Vereines durch Förderung der Religiösität uno des Patriotismus. Die Glückwünsche Sr. Exzellenz des Bürgermeisters Dr. Weiskirchner überbrachte Gemeinderat Melcher und in schwungvoller Rede gab Landesschulrat Dr. Spitzer den Wünschen des Knltnsvorstandes zum Jubelfeste und seiner Anerkennung für die Tätigkeit des Vereines beredten Ausdruck. In Erledigung der Tagesordnung wurden sodann die statutenmäßigen Wahlen vorgenommen und sämtliche Vorstands- und Ansschußmitglieder wiedergewählt. Unter den zahlreichen Gratnlationsschreiben, die an den Vorstand gelangten, sei insbesondere das Sr. Exzellenz des Ministers für Kultus und Unterricht Freiherrn v. Hnssarek hervorgehoben. Ans dem Warschauer Getto. Warschau hat ein Dvppelgesicht. Das eine, das Gesicht des eleganten, modernen, lebenslustigen Warschaus, blickt nach Westen — aber das Warschau der langen Unterdrückung, der Rückständigkeit, des Elends schaut ostwärts. Der östliche Teil des ostwärts blickenden Warschaus aber ist das Warschauer Getto, ein Stück Mittelalter mitten in der Neuzeit, eine Welt tiefsten Elends in unmittelbarer Nachbarschaft üppiger Eleganz. In dem soeben erschienenen Febrnarhest der „Süddeutschen Monatshefte", das „Fragen des Ostens" gewsdmet ist, gibt Dr. Adolf Friedmann eine Schilderung des Warschauer Gettos, das er selbst besucht hat. Innerhalb des eigenrlichen Warschaus sind die polnischen und jüdischen Stadtteile scharf von einander geschieden, so allerdings, daß wohlhabende Inden auch in den polnischen Stadtteilen wohnen. Die große Menge her Juden aber wohnt eng zusammengepfercht in einem Judenviertel. Diese- Stadtviertel, das hinter dem Rathanse und dem alten Markt beginnt, ist eng gebaut, hat hohe und meist düstere Häuser, und die Straßen sind auffallend schlecht gepflastert. Ganz offensichtlich ist dieses Stadtviertel das Stiefkind der Stadtverwaltung gewesen. Typisch für Warschauer Verhältnisse ist die außerordentlich tiefe Bauart mit vielen Hinterhöfen, was natürtlich diesem Viertel einen besonders trübseligen Anstrich verleiht. Sobald man das eigentliche christliche Viertel verlassen hat, wechselt das Pnbtlknm; langröckige Gestalten mit schwarzen Mützen ans dem Kopse machen nun den Hauptteil der Passanten aus; überall öffnen sich kleine Kramläden anstatt der schönen Geschäfte, wie sie auf der Marschallkowska und der Newy Swiat zu finden sind. Eme' andere als die polmsche Sprache, ein halb verständliches Deutsch schlägt an unser Ohr und wir gaben den Eindruck, daß wir nicht nur in einem anderen Stadtteil, sondern in einem anderen Lande nns befinden. An dem starken Gedränge merkt man, daß die Bevölkerung eng zusammenwohnt und größtenteils beschäftigungslos ist. Tatsächlich feiert gegenwärtig das ganze jüdische Polen, und da die Leute keine Kohlen haben, um zu Heizen und in den eiskalten Wohnungen, aus denen der meiste Hausrat verkauft ist, kälter ist als auf der Straße, so stehen sie meist in den Hanstüreu und Gängen herum. Jeder Fremde, der dieses Gewirr von Straßen und engen Gassen betritt, jeder Offizier oder Soldat ist sofort der Gegenstand laut geäußerter Neugierde. Zwischendurch fahren die kleinen Warschauer Droschken mit halbverhungerten Pferden und befördern in Ermangelung jeden anderen Trausporimittels Waren und Hausrat an den Bestimmungsort. Man sieht langvärcige Inden, die in der kleinen Droschke eine riesige Badewanne transportieren, Leute, die auf hochgetürmten Bettstellen thronen, ganze Wohnungsumzüge, die in ein oder zwei dieser kleinen Wagen vor sich gehen. Zwischen dem Publikum drängen sich unzählige Juden mit russischen Bonbons, Zigaretten und jüdischen Zeitungen, die sie mit einer Aufdringlichkeit anpreisen, die sie die Not gelehrt hat. Am schlimmsten wird das Gedränge in der Nähe der Markthallen, und hier kommen tvir in die Krochmalma, eine endlose, schmale, schnurgerade Straße mit schmutzigem, holperigem Pflaster, welche die ärmste Bevölkerung Warschaus beherbergt. Sobald unsere Wagen halten, drängt sich um unS eine nach Hunderten zählende Menge, die in die Häuser voranstürzt, uns umdrängt ltitb einige Kopeken zu erbetteln sucht. Im Innern der Häuser ist der Kalk von den Wänden gefallen und die Treppen sind selbstam Tage so dunkel, daß man in Gefahr ist, hinabzustürzen, wenn man ^kein Lickt anzündet. Wir steigen eine solche Treppe hinunter, zwölf ausgetretene Stufen, die m eine finstere Unterwelt führen, Nlld stehen dann in eurem niederen, unbeleuchteten Kellergange, der rechts und links Türen zeigt. Etwa fünfzehn schritt vor uns ist eine solche Holzrür, die wir ertasten, und als wir sie öffnen, schlägt uns ern betäubender Geruch entgegen, der sich ans dem Dnnft zahlreicher Menschen und dem Moder der kalten Mauern zusammensetzt. Wir stehen in einem kalten Raum, ben von der Decke her ein wenig Licht erhellt. Cin krankes Kind liegt in einer Wiege, sonst ist an Hausrat rrichts vorhanden als zwei Betten mit einigen Decken und zwei Stühle. In diesem Raum Hansen Personen: Vater. 'Mutter lind mehrere Kinder und ein Aftermieter. Aehnlich sieht es in all diesen unterirdischen Verlisen ans. In manchen liegen Kranke; überall ist gerade wegen Flecktyphus desinfiziert worden, imd trotzdem macht daS Ganze den Eindruck wahrer Pesthöhleu. Das Elend übersteigt noch das in den Londoner Docks. In den oberen Stockwerken der Häuser sieht es ein wenig erträglicher ans. Auch hier sind die Wohnungen kalt, ungeheizt, es herrscht meist eine Aermlichkeit, von der man sich bei unS keinen Begriff machen kann, aber die letzten Spuren gewesenen