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Die Wahrheit · 1917-02-23 · Heft 4 (23.2.1917) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 4 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Helte 6. Die Wahrheit Nr. 4. «öchte. In der Frage der Taufe gibt er zu, daß es ein Unrecht ist, die Getaufte» zu bevorzugen uud die charakterfesten Juden zmückzusetzen. Aber, meint er entschuldigend, die orthodoxen Christen sind doch einmal von der sitckiche» Kraft der Taufe überzengt. Bor dem christlichen Sakrament der Taufe haben auch wir Inden Achtung, wenn sie von einer inneren U e b e r z e u g n n g begleitet ist. Wir möchten aber stark bezweifeln, ob der militärische oder richterliche Vorgesetzte, der dem jüdischen Aspiranten die Taufe empfiehlt, um die Beförderung zu erleichtern, wirklich glauben kann, daß hier ein sittlicher Akt innerer Wandlung vorliegt. Also auch hier sehen wir wir bei Herrn Schmoller Konzessionen au sittliche uud politische Mißftäude und nirgends eine wohltuende klare Konsequenz. Herr v. Schmoller schreibt: »Hätten wir um- Nathan-Naturen unter unseren 600.000 deutschen Inden, so gäbe es überhaupt heute kallm eine Jndenfrage mehr; aber wir haben auch noch Shhlock- Naturen, und die Mehrzahl der Inden steht vielleicht zwischen diesen beiden Extremen in der Mitte." Auch diese Wendung verrät keine besondere Tiefe. Gewiß, wir Juden haben unsere Nathan- und Shylock- Nauren, aber unsere Mitte besteht weder ans E ng e l n noch aus Teufeln, sondern aus Menschen mit Schwächen und Tugenden, mit Hoheit und niedrigen Trieben. Und ist es bei Christen auch nur um ein Haar anders? Gibt es nicht auch da Schlechte und Gute und in der Hauptsache Mittelmäßige? Wozu also die Heranziehung solcher Gemeinplätze? Nicht durch Konzessionen an die zu Traditionen und Dogmen erstarrten Vorurteile uud nicht durch bequeme Erklärungen und Entschuldigungen gelangen wir zum Ziele, sondern durch die Erkenntnis der Wahrheit und durch ihre Umsetzung in politische Taten. Der Staat ist keine zufällige Zusammenfassung von Menschen, sondern der Inbegriff weiser Ordnung, der Geist, der auS der Gesamtheit für die Gesamtheit schafft, Dieser Staat verliert jede Existenzberechtigung, wenn ihm keine sittliche Idee zugrunde liegt. Und in diesem Staate darf es keinen Platz geben für Klassen- und Rassenhaß, für Dünkel der Stände und Parteien. Frei soll die Bahn werden für alle sittlichen und g e i st i g e n Potenzen. Znm fünfzigjährigen Keftaud des Kethansnereines im IX. Wiener Bezirk. Bor einem halben Jahrhundert hat sich im Bezirke Alsergrund, der damals zum größten Teile noch zu den sogenannten „äußeren Gründen" gehörte, eine Schaar glaubensfrommer Männer zusammeugefunden/ um in einem bescheidenen Minjan für einen ständigen Gottesdienst Sorge zu tragen und auS diesen kleinen Anfängen heraus hat sich der Bethansverein „C h ew r a B e t h H a tfi l a" entwickelt, der mit seinem imposanten Gotteshaus, dem weihevollen Gottesdienst und den angeschlossenen religiösen und Wohlfahrtsjustitulionen gegenwärtig eine so bedeutende Rolle im knltuellen Leben der Wiener Judenschaft spielt. Aus der anläßlich des 50 jährigen Jubiläums vom Vorstande herausgegebeneu Festschrift entnehmen wir über die Entstehung und den Werdegang des Vereines folgendes: »Als im Herbst 1914 fünfundzwanzig Jahre seit der Einweihung unseres Tempels vergangen waren, sahen wir im Hinblick auf die Kriegslage von jeder Feier ab. Wir hofften, den nicht mehr fernliegendeu Zeitpunkt deS fünfzigjährigen Bestandes unseres Bethausvereines mit größerer Festlichkeit und frei von allen Sorgen begehen zu können. Diese Erwartung hat sich leider nicht erfüllt. Aber indem wir uns zu einer kurzen Uebersicht über das nun seit unserer Gründung vollendete halbe Jahrhundert anschicken, empfinden auch wir in unserem engeren Kreise mit tiefem Dank, wie sehr die Tapferkeit unserer Soldaten das Bestehen aller bürgerlichen Institutionen schützt und gewährleistet. Infolge ihrer ökonomischen und örtliche» Lage waren die jüdischen Bewohner des Alsergrundes von Anfang an bei der Befriedigung ihrer religiösen Anforderungen auf sich angewiesen. So allein erklärt sich die Tatsache, daß hier unser Verein, und nicht die Kultusgemeinde, der Schöpfer und unter wesentlich geänderten und erschwerten Bedingungen auch der Erhalter der vornehmsten religiösen Einrichtung geworden ist. Erst in einem verhältnismäßig späten Zeitpunkt: während des Kriegjahres 1866, hat das immer intensiver werdende Bedürfnis wackere nnd fromme Männer zu der Gründung unseres Vereines geführt. Ueber das erste Dezennium hinaus genügte das damalige kleine Betlokal den Anforderungen. Erst gegen das Ende der Siebzigerjahre wurde — in engem Zusammenhang mit dem Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in unserem Bezirk uud mit dem Berlaugeu nach einem auch moderneren Ansprüchen Rechnung tragenden Gottesdienst — ein frischer Zug bemerkbar. Regelrnäßig abgehalteue Vorstandssitzungen, gedruckte Rechenschaftsberichte für die öffeutlichen Geueralversammlungen, aber auch mancherlei Verbesserungen im Innern, z. B. die Anstellung eines Rabbiners, sind Zeichen dieser neuen Ordnung. Nachdem schließlich zwei Filialgottesdienste au den hohen Feiertagen nicht mehr ansreichlen, saßte der Vereinsvorstand im Jahre 1884 den Beschluß, ein ausreichend, großes, würdiges, den modernen Ansprüchen der Schönheit und Sicherheit gleichmäßig entsprechendes Gotteshaus zu erbauen. Den schweren Weg bis zur Ausführung dieses mutigen Entschlusses hier zu schildern, ist nicht möglich, noch weniger, alle die Männer zu neitneu, die m niemals erlahmender Tatkraft und in selbstloser Opfersrendigkeit seine Vollendung herbeigesührt haben. Nach dem im Jahre 1889 erfolgten Einzug in unser neues Haus haben die Angelegenheiten unseres Vereines einen befriedigenden Fortgang genommen. Ausgestaltung des Goltesdieustes, regelrnäßige Predigten, Jugendgottesdieuste für Volksuud Bürgerschüler, seit 1904 auch für Mittelschüler, ferner für Lehrlinge, alljährliche Mädchenkoilsirmation mit vorangehendem Konsirmationsuuterricht, seit 1900 selbständige Führung von Trauungsageudeu und manches Andere in der inneren Verwaltung und Ordnung unseres Tempels — dies Alles waren wir im Rahmen der uns gewährten Möglichkeit anszugestalten bemüht. Wir haben viele Jahre hindurch in dem von uns gegründeten Moses Montesiore-Verein eine hebräische Bibelschnle mit jährlichen Beteiligungen an die Schüler unterhalten und wir erfreuen uns an dem regen Emporblühtn des von edlen Frauen geleiteten, unter unserer Mitwirkung gegründeten Vereines „Frauenhort". Ans eine erfreuliche Erfahrung wollen wir hier ohne Verzagtheit und im unerschütterlichen Vertrauen auf die Zukunft nur kurz venveiseu. Die Zahl nuferer Mitgliederhist nt Anbetracht der jüdischen Seelenzahl unseres Bezirkes Leider nur gering. Wir haben wiederholt diejenigen ständigen Besucher unseres Gottesdienstes, die nicht Mitglieder unseres Bethausvereiues sind, an die Erfüllung dieser tu gleich hohem persönlichen Iwie allgemein jüdischen Pflicht gemahnt und möchten dies auch für die Zukunft tun. Wir erhoffen eine Besserung in dieser Richtung durch eine vertiefte Einsicht unseres gebildeten Publikums sowie unsererseits durch die klaglose Befriedigung der uns obliegenden Aufgaben. Wir geben uns auch der Erwartung hin, daß die Kultusgemeinde, der wir für vielfache Unterstützung wärmstens danken, sich mit Rücksicht auf unsere nunmehr geordneten Verhältnisse zu einer weiteren wohlwollenden Förderung bestimmt finden werde." Anläßlich der 60 jährigen Jubelfeier veranstaltete der Vorstand Samstag, den 17. Februar, halb 7 Uhr abends, im Tempel IX., Müllnergaffe 21, einen Festgvttesdienst,

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