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Die Wahrheit · 1917-02-23 · Heft 4 (23.2.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 4 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 4. heilen sind oft schlimmer als Unwahrheiten. Seine Behauptungen mögen an sich nicht immer falsch sein, in diesem Zusammenhänge aber und in ihren Schlußfolgerungen sind sie irreführend und gefährlich. Es mutet naiv an, wenn ein Gelehrter sich legitimiert, er fühle sich weder als Philonoch als Antisemit. Die Gattung der Philosemiten existiert nur — es klingt paradox genug — in der Phantasie unserer Antisemiten. Denn Philosemit sein heißt, die Juden besonders lieben und sie bevorzugen. Das aber wäre eine ungerechte Forderung, zu der sich kein vernünftiger Jude versteigt. Wir wollen nur mit keinen! a n d e r e n M a ß st a b e g e m e ss e n werden als die anderen Bürger. Wir wollen, daß mau in politisch-öffentlichen Dingen in uns in erster Reihe d e n D e n 1 s ch e u, den Bürger erblickt. Wäre diese Forderung der elementarsten Logik und Gerechtigkeit erfüllt, dann gäbe es keine Judenfrage mehr. Herr v. Schmoller, der doch zu den glänzendsten Schriftstellern der nationalökonomischen Literatur gehört, ist überhaupt nicht glücklich in der Prägung strenger Begriffe in dieser Frage. Er spricht immer von „Semiten" und „christlichen Germanen" und konstruiert sich künstliche Gegensätze zwischen diesen beiden Elementen. Jeder ernste Anthropologe aber wird ihm bestätigen, daß wir heute in Deutschland weder reine Semiten noch reine Germanen haben. Die religiösen Unterschiede - und die psychischen Nuancen genügen nicht, um hier politisch oder gesellschaftlich Gegensätze zn bilden. Auch mit dem Worte Assimilation scheint er einen Begriff zu verbinden, den man als wissenschaftlich kaum bezeichnen kann. Versteht er unter Assimilation Anpassung an Sitten und Gebräuche, gemeinsame geistige und soziale Auffassungen, Erzeugung vön sittlichen und wissenschaftlichen Werten, so ist dieser Prozeß längst vollzogen. Ein „restloses Aufgehen" — wie die übliche unselige Phrase lautet — ist im Kulturleben weder möglich noch wünschenswert. Die Vielseitigkeit der Einwohner ist für ein Land ein Glück und kein Unglück, und ein großer moderner Staat muß Platz haben für seelisch verschiedenartig gestaltete Menschen, wenn sie nur alle der großen Idee der Gemeinschaft dienen. Herr Professor v. Schmoller aber scheint die M i s chehe mit deni Endziel des völligen Anfgehens d e r I n h e n h e i t als Konsequenz seiner Theorien zn fordern. Auf diesem Wege werden wir ihm nicht folgen — im Interesse des Jndentums und Dentschlauds. Wir wollen das Judentum erhallen wissen als Element der ethischen Verbindung zwischen Geschichte und Gegenwart, als Träger der Idee der Ewigkeit, als Verkünder der Macht der Gerechtigkeit und des Glaubens. Und wir wollen ein Deutschland haben, das auch ethisch groß und frei i st und sich nicht nach den Gesichtspunkten der Rassenlehre, sondern einer wahren Menschenkultur entwickelt. Die Blutmischnng, das Ideal Schmollers, bedeutet für uns keine Lösung. Wir Inden würden dabei zu viel aufgeben, ohne zu wissen, ob wir in der Zukunft dabei etwas gewinnen. Eine Bluttransfusion richtet die Judenheit zugrunde, und für das Deutschtum ist sie nicht nötig, weil das Ziel der gemeinschaftlichen deutschen Denkart auch ohne gefährliche Operationen auf dem Wege einer gesunden moralischen Volkserziehung zu erreichen, ja besser zu erreichen ist. Und da der Autor in seinen Voraussetzungen sich von falschen Ailffassnngen leiten läßt, so gelangt er auch zu falschen und unglücklichen Folgerungen. Er schreibt: „Wenn man sich nun fragt, was soll heute geschehen, so ist die erste Vorfrage: was ist erreichbar, dann erst kommt die zweite: was ist wünschenswert? Eine Austreibung aller Juden ans Deutschland ist unmöglich, wäre eine Barbarei, wäre auch ein Schaden für unsere Kultur . . . Wir Hallen also keine Ursache, die Existenz von 615.000 Israeliten unter 60 Millionen Menschen in Deutschland für bedenklich odergar schädlich zu halten. Ja, es scheinen mir triftige Gründe Mr das Gegenteil zn sprechen." Nach solchen Sätzen erwartet man den Schluß: Also suchen wir einander zu erziehen, zu veredeln und zu vertiefen, einander zn verstehen und einander das Beste zn tgeben, um den wahren Fortschritt zn fördern! Verbannen wir jeden Rassen- und Klasserhaß und erstreben wir ein innerlich einheitliches Deutschland für Gerechtigkeit und Wahrheit, für Christen und Juden! Im Innern Schmollers aber kämpfen zwei heterogene Geister mit einander, der Rassenglaube besiegt hier den wissenschaftlichen Forscher, und es kommt eine Geburt von Halbheiten und Konzessionen zum Vorschein. Denn er fährt fort: «Ich halte zumal das westdeutsche Judentum, vollends das assimilierte, für eine glückliche Zugabe zur germanischen Rasse. Es gibt uns Geisteskräfte, die uns mehr oder weniger fehlen oder wenigstens früher fehlten; es hat d!e deutsche Volkswirtschaft sehr gefördert. Aber es schließt die Gefahr in sich, daß es durch seine geschäftliche Ueberlegenheit. die es oft noch und zwar mannigfach durch zweifelhafte Mitte! ausnützt, viele innere soziale Verstimmungen und Kämpfe erzeugt. Die Neigung des Inden, wo er in eine einflußreiche herrschende Stelliing kommt, die Gerinanen und die Christen zn benachteiligen, ist noch so mannigfach vorhanden, daß Rückschläge in der judenfrenndlichen Stimmung aller Liberalen immer wieder Vorkommen, und daß die Verstimmung konservativer, bäuerlicher, kleingewerbticher, hansindnstrieller Kreise heute noch nicht so weit verschwinden können, wie in Westeuropa." Geschäftliche Ueberlegenheit hängt, das braucht man einem Nationalökonomen nicht zn sagen, weder mit Religion noch mit Abstammung zusammen. Sie ist das Resultat gehäufter Erfahrungen, die Frucht lange a n f g e s a m m e 1 t e r Energien, die durch äußere Hindernisse gehemmt, sich nur ans diesem engen Felde betätigen können. Oeffnet das Ventil und macht die Kräfte frei für alle Gebiete des Lebens, und ihr werdet keine Ursache haben euch über die jüdische geschäftliche Ueberlegenheit zu beklagen! „Verdrängung von Christen?" Wir leben doch nicht im ideologischen Deutschland des 18. Jahrhunderts, sondern in einer Zeit, wo Deutschland einen nie geahnten wirtschaftlichen Aufschwung genommen hat. Wie kleinlich klingt da dieser philisterhafte Vorwurf! Gibt es im modernen Leben nicht Platz genug für alle Intelligenz, für alle Kraft, die sich regt, um neue Werte zn schaffen und den wahren Fortschritt zn bringen? Und nimmt sich die Klage Schmollers, daß Berlin jüdisch verwaltet ist, nicht geradezu komisch aus, wenn man weiß, daß in dieser „lediglich von Juden beherrschten Stadt" kein jüdischer Lehrer an den städtischen Bolksschnlen Anstellung findet? Falsch daher ist auch die Behauptung: «Es ist daher im Interesse der Inden selbst, daß ihre Vorherrschaft in gewissen Stellungen, Berufen, Aemtern nicht zn sehr, nicht zu sichtlich sich geltend mache." Es gibt auf keinem Gebiete in Deutschland eine „Vorherrschaft der Inden", und es ist absurd, beispielsweise von einem hervorragenden jüdischen Literaturhistoriker zn verlangen, nur darum keine Professur zu erstreben, weil sie bei Antisemiten einen schlechten Eindruck machen könnte. Solche Gesichtspunkte darf es für Gerechtdenkende überhaupt nicht geben. Die Fähigkeit, den Beruf ganz auszufüllen und d e r A l lg e mei n h ei t zu nützen, ist die einzige berechtigte Norm bei der Beurteilung solcher Fragen. Die gerechteste Parität ist die. die nicht nach Prozenten fragt, sondern die Bahn frei macht für alle Tüchtigen. Ist es nicht beschämend, solche selbstverständliche Gedanken einem Gelehrten von der Bedentnng Schmollers gegenüber betonen zu müssen? Allerdings — in diesem Aufsatze zeigt er sich mehr als Politiker wie als Gelehrter, als Politiker in dem Sinne, daß er allen Schwächen Rechnung trägt und es allen rechtmachen

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