Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 4 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 4. gebracht werden, in welchen nötigerweise entsprechende Adaptionen vorgenommen werden, wie zum Beispiel die Aufstellung von Oefen usw. Selbstverständlich beschäftigten sich die jüdischen Blätter mit dieser Mitteilung und als seitens der „Jüd. Zeitschrift" konstatiert wurde, daß es sich hier wahrscheinlich um eine > irrige Meldung handle, replizierte hierauf die „Jüdische j Korrespondenz" mit folgenden Bemerkungen: „Unsererseits fömieu wir nur erklären, daß uns die diesbezügliche Zuschrift vou maßgebeuder Stelle zugeschickt wurde, und daß auch mehrere polnische Blätter eiueu aualogeu Bericht veröffentlicht haben. Näheres bezüglich der Details könnte mau nt der Leitung der Flüchtlingszentrale erfahren. Privatinformationen können hier wenig maßgebend sein. Unserer Ansicht nach geht aus dem Text des zitierten Regierungs-Erlasses hervor, daß es sich hiebei nur um eine eventuelle Umsiedlung derjenigen Flüchtlinge und Evakuierten handelt, die sich in den Baraken befinden und die selbst eine Aeuderuug iürer Lage wünschen und teilweise anch fordern. Diese sollen nun rm Sinne des Regierungs-Erlasses nicht in den westlichen Kronländern der Monarchie, sondern in Westgalizien untergebracht werden. Daß es sich nicht um eine Umsiedlung sämtlicher Flüchtlinge handelt, geht schon ans der Bestimmung hervor, daß Gesuche um Uebersiedlnng nach Wien, Prag und Brünn nicht berücksichtigt werden. Diese Bestimmung wäre ja vollständig überflüssig, falls auch eine Umsiedlung der Flüchtlinge ans diesen Städten in Aussicht genommen sein sollte." * * * Vom „Verband der Deutschen Inden" erhalten wir folgende Mitteilung: Der Verband der Deutschen Juden hat der Angelegenheit, betreffend die ausgenommene Statistik jüdischer Kriegsteilnehmer, seine besondere Ausmerksamkeit zngewendet, hat sich in wiederholten Sitzungen des Geschäftsführeuden Ausschusses und des Gesamtausschusses aufs eingehendste mit dieser Frage beschäftigt und ist bei Behörden, insbesondere bei dem Kriegsministerium, wiederholt mündlich und schriftlich vorstellig geworden. Ueber die einzelnen seiner Maßnahmen eingehend zu berichten, wird erst in späterer Zeit geeignet sein. Für jetzt halten wir für angezeigt, auf folgende Punkte aufmerksam zu machen: 1. Wie schon bekanntgeworden, hat der jetzige Kriegsminister Herr v. Stein in Ergänzung des Erlasses des früheren KriegsmmisterS Herrn Wild v. Hohenborn eine weitere Verfügung dahin getroffen, daß keineswegs die Behörden usw. Gelegenheit nehmen sollten, Inden ans ihren bisher innegehabteu Stellungen zu entfernen, da für solche Maßnahmen nur sachliche Gründe in Frage kommen dürfen. 2. Es ist wiederholt vou den höchsten Behörden die Erklärung abgegeben worden, daß bei Anordnung der Statistik irgendwelche Voreingenommenheit gegen die Inden das Kriegsministerium nicht geleitet Hai, daß es im Gegenteil Beweise gegen die bei ihm eingelaufenen Anklagen gegen Juden gewinnen wollte. 3. Der Kriegsminister v. Stein hat mit Bestimmtheit erklärt, daß alle begründeten Beschwerden über Sonderbehandlung von Juden aufs eingehendste geprüft werden und daß gegebenenfalls Abhilfe geschaffen wird. 4. Fälle, in denen eine solche Sonderbehandlung auch nach dem Ergänzungserlaß des jetzigen Kriegsministers stattgefunden hat, von denen übrigens nur wenige bewiesen sind, haben dem Herrn Kriegsminister bereits Anlaß zu solcher Abhilfe gegeben. 5. Der Herr Kriegsminister hat an den stellvertretenden Vorsitzenden des Verbundes, Geheimen Justizrat Cassel, welcher nach einer vom Verbände an den Herrn Kriegsminifter gerichteten Eingabe von diesem zu einer Rücksprache empfangen worden war, ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „Jedenfalls habe ich festgestellt, daß das Verhalten der jüdischen Soldaten und Mitbürger während des Krzeges keine Veranlassung zu der Anordnung meiner Herren Vorgänger gegeben hat und damit nicht in Beziehung gebracht werden kann." * / * / * - In Stockholm ist ein Indischer Kongreß, zum großen Teil besucht von Flüchtlingen ans den kriegführenden Ländern, eröffnet worden. Vertreter aus Kopenhagen, Christiana, Bergen, Trondjem, Stockholm, Gotenbnrg und Malmö sind erschienen. Der Stockholmer Rabbiner hielt die Begrüßungsrede. Der Kongreß soll über Mittel zur Linderung der Not der Inden - in den kriegführenden Ländern verhandeln und für die Lösung der jüdischen Probleme nach Friedensschlnß arbeiten, i Er findet auf Initiative des skandinavischen „Zentralkomitees für die Hilfe der Juden, die durch den Krieg Not leiden" statt. Znr hentigc» d entsch eil I »de» frage. Eine ebenso erschöpfende als zutreffende Antwort auf! die so vielfach besprochenen Ansfuhrnngen des Geheimrates! Professor Schmoller über die Jndenfrage wird dem J letzteren von Fabies Scha ch im „Hamb. Jfr. Familienblatt" erteilt: Es bietet immer einen nnerfrenlichen Anblick, wenn ein Mann, der es auf einem Gebiete znr Meisterschaft - gebracht hat, mit aller Gewalt auf fremdem Gebiete autoritativ S mitsprechen will. Er kommt da meistens über ein unbeholfenes! Tappen und Experimentieren nicht hinaus. Psychologisch! nennt man das die T r a g i k des Dilettantentums, j Herr v. Schmoller scheint in feinen alten Tagen dieser Tragik nicht zu entgehen. Ihn, den anerkannten schöpferischen Natlonalökonomen, gelüstet danach, auch auf dem Felde der Jndenfrage Lorberen zu ernten, und er gelangt dabei zu Trivialitäten und falschen Auffassungen. Er hat damit begonnen, daß er vor einigen Wochen einige für einen Gelehrten geradezu unglaubliche Behauptungen über den jüdischen Charakter und über die jüdische gesellschaftliche Struktur aufstellte. Und als diese Angriffe überall — auch in diesem Blatte — heftigen Widerspruch fanden, zeigte er, der weder jung noch weltfremd ist, sich als sehr naiv. Er konnte garnicht begreifen, daß man sich vom lieberalen wie vom jüdischen Standpunkte aus gegen seine Ausführungen wehrt. Nnn veröffentlicht er in der „Täglichen Rundschau" einen langen Artikel unter dem Titel „Die heutige deutsche Juden frage", in dem er den Versuch unternimmt, seinen Standpunkt wissenschaftlich zu begründen. ES kommt nie viel heraus, wenn man den Antisemitismus in eine wissenschaftliche Form bringen will. Der Antisemitismus ist, wo er ehrlich gemeint ist, ein I n st i n k t. Man kann ihn analysieren, aber nicht wissenschaftlich rechtfertigen. Eine wirkliche wissenschaftliche Beweisführung darf nichts voraussetzen, nichts a priori als wahr annehmen. Der Antisemitismus aber arbeitet immer mit Voranssetzungen und meistens mit falschen, unerw res enen. Auch für die Moral kann bei diesem Verfahren nichts gewonnen werden. Sympathien und Antipathien sind Gefühle, man kann sie verliefen, veredeln, ethisieren, aber — nicht sie selbst zum Maßstabe der Ethik machen. Die Theorie des Herrn v. Schmoller ist weder neu noch originell. Sie charakterisiert sich als das System ewiger Konzessionen. Er macht Konzessionen an die veralteten Vorurteile und er macht Konzessionen an die modernen Empfindungen. Und überall vermißt man die strenge Konsequenz, die doch ein Postulat der Wissenschaft ist, und es fehlt die feste Grundlage einer geschloffenen Weltanschauung. Es sind Halbheiten, die uns hier gegeben werden: halbe Politik, halbe Ethik, halbe Wabrheit. Halbheiten aber sind überall Unglück und halbe Wahr-