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Die Wahrheit · 1917-02-09 · Heft 3 (9.2.1917) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 3 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 3. Der Aulisemitismtts in Frankreich. Erlebnisse eines jüdischen K r i e g s f r e iw i l 1 i g e «. Durch Presse ging dieser Tage die Nachricht von der Erledigung der Militärdienstfrage der Ausländer in der französischen Kammer. Danach mußte man annehmen, daß in Frankreich die Ausländer bis jetzt überhaupt nicht zum Heeresdienste herangezogen worden seien. Diese Annahme trifsjt jedoch nur mit einer gewissen Einschränkung zu. Zu Beginn des Krieges herrschte in Paris eine derartige Erregung! gegen die russischen Juden,/ daß etwa fünfzehntausend von ihnen sich gezwungen sahen, „freiwillig" sich zum 'Militärdienste zu melden, um einen Pogrom gegen khire .S-tammesbrüder zu verhüten. Einer dieser „Kriegsfreiwilligen", der infolge von Krankheit entlassen wurde, hat unlängst seine Erlebnisse, in der New Wörter „Wahrheit" folgendes erzählt, die wir nach einer Ukbersetzung nn „Hamburger Zsr. FamiUeublatt" im Nachfo^euden wiedergeben: „Ich kam im Juni 1914 nach Frankreich. Ich erhielt gleich darauf Arbeit und verdiente viel Geld. Zwei Monate später kam der Krieg und mit ihm die Mobilisation des französischen Heeres. Tausende von Männern wurden zum Heeresdienste einberufen. Tausende von Pariser Frauen sahen sich vereinsamt. Wenn sie auf die Straße kamen und bemerkten, daß wir, die Fremden, von denen über die Hälfte russische Juden waren, arbeiteten mnd' wie htv Fr-edeu lebten, da wurden sie eifersüchtig. Schon an: zweiten Tage nach der Mobilisation konnte, man bei den pariser Frauen eine feindliche Gesinnung, gegen die Ausländer beobachten^ besonders aber gegen die russischen. Juden. Jutzen, die auf der ,Straße I jiddisch redeten, wurdeir von dem Frauen--Mob als Deutsche betrachten Sie wurden geschlagen und verfolgt; viele auch wurden schwer verwundet. Am Tage darauf hörte man schon Rufe, wie: „Schlaget die schmutzigen Juden rtot!" „Nieder mit Deutschlands Spionen, A'en Juden!"' pfw. Das jüdische Ghetto war in Angst und Sorgen. Man befürchtete Pogrome ä la Rußland. Da erkannten wir jungen Leute, daß! es in unserer Macht lag, ein schreckliches Blutbad zu verhüten. (Wir sagten uns, wenn wir nicht den übrigen Ausländern als Freiwillige in das französische Heer einträten, würden wir das größte Unglück über unser.Volk bringen. Und wir taten es. Versammlungen wurden in allen Teilen der Stadt einberufen. Gleich darauf meldeten sich beinahte 20.000 junge Leute freiwillig zum Eintritte in das Heer. „Vivent les Juifs". — „Es leben die Juden!", so riefen am anderen Tage dieselben Frauen, die am Tage vorher istit einem Blutbade gedroht hatten. Sie liefen den jüdischen Freiwilligen,, die mit den blauweißen Fahnen und unter den Hatikwahi-KlängeN. durch die Straßen zogen, nach und küßten sie und wünschten ihnen gute Reise. Knappe 20.000 Juden hatten sich zum Kriegsdienste gemeldet. Der Kriegsminister hatte uns versprochen, daß man uns nicht in den Krieg schicken würde. Es hieß, man werde uns in den Städten gurückhalten, in und bei den Kasernen anstelle der Soldaten, die an der Front waren. Was mit den anderen geschehen ist, weiß ich nicht. Mich und 1600 Andere schickte man nach Rouen, wo wir zum ersten Male Frankreichs Dankbarkeit erfuhren. Von Paris n ach Rouen braucht man in normalen Zeiten sechs Stunden Eisenbahnfähre Uns aber ließ man drei Tagle und drei Nächte zu vierzig Mann in einem Wagen fahren, in dem kaum für zehn Mann anständig Platz war, ustd ohne einen SichlM Wässer. In Rouen angekommen, wurden wir nicht etwa in einer Kaserne untergebracht, sondern in den Kellern eines alten Klosters, -und als wir usts beklagten, erhielten wir die Antwort, fürj-Juden sei "das noch zu gut!. . . ^Schlafen mußten wir auf den kalten steinernen Plichten. Eine Decke für vier Personen war das einzige Bettgewand, das man uns gab. Es entstand eine Epidemie von Rheumatismus. Auch Fälle von Lungenentzündungen! kamen vor. Am 3. Dezember hörten wir, daß die Deutschen schon nicht mehr weit von Rouen standen. Mitten in der Nacht vernahmen wir plötzlich die Ankunft eines Eisenbahnzuges. Wir liefen hinaus und trafen unseren Kommandanten, der uns mitteilte, daß wir alle nach Toulouse kämen. Dort würde man uns auch .eine Kaserne geben — tröstete er uns. Wieder wurden wir wie Heringe -in die 'kleinen Wägelchen hineingepfercht, und wieder fuhren wir drei! Nächte hindurch, iohne einen Schluck Wasser. Die Aelteren von uns ertrugen noch so ziemlich die Leidendes Hungers und des Durstes. Die sechzehn- und siebzehnjährigen 'jüdischen Pariser Jünglinge Ä>er wurden krank und ruiüiert. In Toulouse brachte man uns in eine Kaserne und gab uns gleich Arbeit. Von morgens bis abends mußten wir exerzieren. Wir waren fleißigle Rekruten und gaben uns alle Muhe, unsern jüdischen Namen nicht zu schänden, so sehr, daß der Kommandant nach drei Monaten uns das Zeugnis ausstellte, wir hätten in dieser kurzen Zeit soviel gelernt als ein französischer Soldat in drei Jahren. Wahr ist, daß die meisten von uns viel besser schießen konnten, als unsere Vorgesetzten; . Durch diese Tatsache erklärt sich mir Frankreichs jetzige Niederlage .... Wie wurden wir nun dafür behandelt? Man fragp nicht! Es ist zu schrecklich. In drei Monaten gab man uns nicht ein einziges Mal die Gelegenheit, unseren. Körper zu waschen . . . jJn dem bißchen Brühe, das man uns unter den Namen „Suppe" auftrug, fanden wir ganze naturwissenschaftliche Sammlungen ... Wanzen und Mäuse waren die häuslichsten Tiere in unserer Suppenkollektion. Kranksein half nichts. Als ich mich einmal beim Doktor beklagte über Schmerzen an einem Fuß, ließ er mir einen Löffel Rizinusöl geben' .. . ' Als ich mich krümmte, wurde er böse auf mich und ließ mich vier Tage einstecken. Zu diesen vier Tagen gab mir der Herr Kapitän noch vier Tage Zulage und der Herr Kommandant noch weitere vier Tage. Ein Glück.war es, daß der Herr Präsident nicht dort war, sonst wäre ich vielleicht im Gefängnis gestorben. Wie Ihr wißt, erschießt der Feind jeden Kriegsfreiwilligen, der ihmiin die Hände fällt. (Natürlich eine diesen Aermsten eingebkäute Verleumdung des deutschen Heeres. Der Uebersetzer.^ Die Kriegsfreiwilligen werden leicht erkannt von den Deutschen, weil sie ganz andere Knöpfe an Ihren Uniformen tragen. Als wir hörten, daß die'Franzosen ihr Versprechen nickst hielten und uns in den Krieg schicken wollten, baten wir, man möge uns dieselben Knüpfe annähen, wie den regulären Truppen. Unsere Bitte wurde barsch abgewiesen. Auf nnser Vorhalten, daß. die Deutschen uns nach! 'unserer Gefangennahme erschießen würden, erklärte der Kommandant: „Ein jeder von Euch erhält 120 Kugeln, davon find 119 für den Feind und die letzte für.Euch selbst." Was uns am meisten kränkte, das waren die beleidigenden AusdrMe,i die unsere Herren Vorgesetzten tagtäglich uns an den Kopf warfen. „Schmutzige Juden,^ „dreckiges Gesindel" ustd dergleichen waren noch die schönsten Beinamen, mit denen man wxß beehrte, und das alles Frankreich hinzugeben." zum Lohne dafür, daß wir bereit waren, unser Blut für Der Erzähler, Simon Orloff, kam nicht in den Krieg. Er wurde krank und mußte in ein Lazarett gebracht werden. Dort erklärte ihn der Arzt für dauernd untauglich, sodaß er aus dem Heeresdienste entlassen werden mußte. Er begab sich! nach New-Work zu seinem Vater und ist seither ein .eifriger Anhänger Deutschlands geworden und! wünscht den Alliierten Me Niederlage nach der änderst. „Frankreich," sagt er, „hat mich zum Deutschenfreund! gemacht."

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