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Die Wahrheit · 1917-02-09 · Heft 3 (9.2.1917) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 3 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wieder ist einer der Edelsten und Besten allzufrüh vom unerbittlichen Tode ereilt worden. Heinrich Mendl, eine großzügige Persönlichkeit auf indnstrie-llem Gebiete, ein hochherziger Freund der Armen und Bedrückten, ein Mann der ernsten Arbeit und strengen Pflichterfüllung, der ans seinem eigenen, scharf ausgeprägten sozialen Empstnden für jeden Einzelnen in der Gesellschaft die Verpflichtung ableitete, im beruflichen und privaten Leben der Allgemeinheit zu dienen, ist am 1. Februar, einige Tage, nachdem er das 62. Lebensjahr vollendet hatte, einem tückischen Leiden erlegen. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Dieses oft gebrauchte, aber gerade in unserer kaltberechnenden Zeit so wenig befolgte Wort hat Heinrich Mendl wie selten Einer jederzeit vollauf betätigt. Edel war seine Gesinnung, hilfreich seine freigebige Hand, gut sein wa'rmfühlendes Herz, das er mit Liebe und Verständnis allen jenen znwandte, die im Kampfe ums Dasein ins Wanken gerieten. Die reichen Gaben, die er ansstrente, entsprangen aber nicht nur dem guten Herzen, sie waren auch bewußte Erfüllung der Pflichten des Besitzes und sein' scharfer Verstand und praktischer Sinn suchte überall, ob es sich um Förderung von Institutionen oder einzelner Individuen handelte. Ziel und Zweck. Nicht Almosen, nicht Linderung der momentanen Not, sondern wirksame Hilfeleistung war sein Prinzip. In einer Delegierteuversammlnng der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen, deren Präsident der Verblichene war, bezeichnete er als Aufgabe und Endziel der Armenpflege das Bestreben, jeden Fall aus der Armenpflege anszuschalten, d. h. aus einem Hilfsbedürftigen einen nicht Hilfsbedürftigen und Erwerbenden zu machen. Er war ein hervorragendes organisatorisches Talent. Und wie er durch rastlose Arbeit und organisatorische Kraft im Vereine mit seinem Bruder jenes imposante Unternebmen schuf, das einen Großteil der Wiener Bevölkerung mit dem täglichen Brote versorgte und nicht nur seinen Schöpfern reichen Ertrag brachte, sondern auch der Allgememheit große Dienste leistete, so war er unablässig bemüht, die Armenpflege organisatorisch nmzngestalten, durchdrungen von der Ueberzengnng, daß nur im Wege der Organisation die Bewältigung der Unsumme von Not und Elend, die die Großstadt hervorbrachte, wenigstens zum Teile möglich sei. Oeffentliche nnd private Wohltätigkeit sollten Hand in Hand zusammenwirken, um die hehren Ziele wahrer Philantropie, die ihm vorschwebten, zu erreichen. Für diese Ideen trat er mit der ihm eigenen Energie und Beharrlichkeit überall ein, in der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen und in den zahlreichen hnmanitären Institutionen, denen er tätige Mitarbeit oder hochherzige Förderung znwandte. Es ist staunenswert, wie Heinrich Mendl. der allerdings an sich selbst hohe Arbeilsanfordernngen stellte nnd auch von seinen Mitarbeitern die Anspannung aller Kräfte forderte, trotz der beruflichen Ueberbürdnng noch so viel Zeit und Arbeit dem allgemeinen Wähle widmen konnte. Aber er verstand es, mit seiner Kraft nnd der Zeit so ökonomisch zu wirtschaften, daß keine Stunde ungenützt blieb und die große Arbeitslast, die die Leitung eines immensen Betriebes auferlegt, ihn nicht hinderte, auch der Stimme seines edlen Herzens nnd seines sozialen Gewissens zu folgen. Bewunderungswürdig an Heinrich Mendl war auch seine seltene Einfachheit nnd Bescheidenheit. Die große Geste des reichen Mannes lag ihm vollkommen fern und wie er zumeist im Stillen seine zahlreichen Guttaten übte, so zog er sich mimosenhaft vor öffentlicher Anerkennung und Lobpreisungen zurück. Unendlich viel hat die Allgemeinheit an Heinrich Mendl verloren, große Hoffnungen, die ans ihn gesetzt wurden, sind mit ihm ins Grab gesunken, aber der Trost erhebt uns, daß sein Wirken nicht spurlos vergehen wird, daß die philantropischen Grundsätze und Lehren, die er vertreten und geübt hat. bei Mitarbeitern und Gesinnnngsverwandten auf fruchtbaren Boden gefallen sind und zum Wohle der Menschheit segenbringende Früchte zeitigen werden. Sein Lebensbild wird in weitesten Kreisen unvergeßlich bleiben und es kann nicht treffender gezeichnet werden als mir den Worten, die der Verblichene selbst seinem Vorgänger im Präsidium der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen nachgerufen hat: „Ein Mensch, voll und ganz, ein Schätzer der Menschheit, ein Träger des Humanitätsgedankens, wie sie in unserer so kalten, auf Berechnmig und Bernnnft beruhenden Zeitepoche kaum wieder zu finden sind, ein Mensch in des Wortes edelster Bedeutung ist es, den mir betrauern und dem wir ein dauerndes, treues Gedenken bewahren wollen." . _ —y

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