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Die Wahrheit · 1917-01-26 · Heft 2 (26.1.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 2 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Die Wahrheit Seite 6. k w f Bekämpfung dkes Wanderbettels und des Hausierhmrdiels unter den Juden, besonders bei Frauen und jugendlichen. » Förderung von Berufsberatung und Arbeitsnachweisen für männliche und' weibliche Lehrlinge, höhere Berufe, männliche und! weibliche Arbeitsuchende. Wohnungsfürsorge und'^Wohnungsnachweis. Einrichtung von jüdischer SmnmelvormUndschaft für alle jüdischen Gemeinden Deutschlands. Bereitstellung von Mitteln für Erziehungsbeiträge für jed'es schutzlose und von der Familie getrennt er« Ziehungsbedürftige jüdische Kind, ehelich oder unehelich. Förderung aller Unternehmungen der jüdischen Iu- Wndpflege. .j Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden. Einberufung von Konferenzen über Fragen aus den Gebieten der Armenpflege, der Erziehung, der Sittlichkeitsfrage, Berufs- und Bildungsfragen, Bepölkerungsproblem usw., Preisausschreiben für besondere Arbeiten oder für praktische Studien auf diesen Gebieten. Förderung der Frühehe und aller darau flhinzielenden Unternehmungen usw. usw. Dies ist natürlich nur in großen Umrissen der wesend liche Inhlalt des Verbandsgedankens. Organisatorisch hätte er unter Führung einer Kommission des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes und engster Mitarbeit der großen begehenden Organisationen alle Gemeinden dem Programme nach zusammenzufassen und vor allem dafür zu! sorgen, daß an Stellen, wo zurzeit gutherziger Dilletantismus waltet, Sachkunde und Disziplin eintritt. Tüchtige Berufsbeamte müssen dorthin berufen werden, wv es die Stetigkeit der Arbeit verlangt. Dabei kann und darf niemals und nirgends auf den Einfluß und das Mitschaffen der freiwilligen Hilfskräfte verzichtet wer-, den, um nicht der papierenen Seele des Bureaukratismus zum Selbstzwecke zu verhelfen. Aber die freiwilligen Arbeiter müssen solche Fpauen und Männer sein, die noch in engster Fühlung mit dem Leben stehen, die sich Zeit nehmen müssen und wallen, in klugeM, treuem W,alten eine wichtige Stelle auszufüllen, nicht Veteranen des Lebens, die n>och Zeit haben. Und für Nachwuchs in den Aemtern muß freimütig gesorgt werden, denn pon Her Qualität dieser Arbeit hänA die Kraft und das Gedeihen und damit die Zukunft des deutschen Judentums ab. Weh* dem, dessen Gewissen schläft! Heinrich Kerggrnn. Ein Gedeukblatt. Von Kgl. Musikdirektor Aron Friedman«. Berlin. Am 23. Dezember 1889 stand die Hannoversche Gemeinde in tiefer Trauer an der Bahre ihres Oberkantors Heinrich Berggrün. Ein jäher, wenn auch sanfter Tod ereilte ihn im Kreise seiner Gemeindemitglieder und seiner Schüler, kurz nachdem er in der Hannöverschen Bildungsanstalt fürjüdische Lehrer zur Chanukkahfeier eine eigene Komposition (Geigen-Ensemble) dirigiert hatte. So wollen wir aus Anlaß der Wiederkehr seines Todestages -uns von neuem in das Lebensbild dieses Gottessängers vertiefen. Im Jahre 1838 am 9. September zn Warschau als Sohn eines vielbegehrten Vorbeters geboren, mitten unter meisterhaften Sängern des Gotteshauses heranwachsend, unterstützte er als achtjähriger Knabe schon als „Singerl" seinen Vater. Mit dreizehn Jahren betete er schon selbständig in verschiedenen Warschauer Synagogen in Verbindung mit einem kleinem Chor vor. Gleichzeitig widmete er sich mit großem Eifer dem Hebräischen, dem Gesänge und Violinspiel. Auf der Geige erlangte er bald eine solche Fertigkeit, daß der berühmte Violinvirtuose Vienxtemps auf ihn aufmerksam wurde und seine weitere Ausbildung unentgeltlich übernahm. Als achtzehnjähriger Jüngling wurde nun Berggrün von der Wilnaer Schulbehörde als Gesangslehrer an die dortige kaiserliche Rabbinerschule berufen. Während seines kurzen Aufenthalts in Wilna führte er einen geregelten Gottesdienst mit Chorgesang ein nnd erntete dafür die besondere AnerkennunA des damaligen Ministers der Aufklärung, auf dessen Empfehlung er nachher als erster Geiger am großen Theater zu Warschau angestellt wurde. Zu gleicher Zeit wirkte er als Bassist in der deutschen Synagoge. Hier hörte ihn Qnarttini, der Kapellmeister der deutschen Oper, der ihn veranlaßte, die Opernschule in Mailand zu besuchen. Berggrün wurde nach zweijährigem Studium als Sänger an das La Scala-Theater engagiert, gab aber auf Wunsch seiner frommen Eltern die Opernlaufbahn auf und widmete sich dem Kantorat. Er ging deshalb nach Odessa, wo er unter dem berühmten Kantor Abraß die Stelle als Chordirigenl an der großen Synagoge bekleidete. Von Odessa ans wandte er sich nach Wien, wo Sulzer ihn ansbildete. Im Jahre 1864 wurde er Kantor in Posen; von da ging er nach Teplitz. Seine gesanglichen Leistungen fanden allgenleine Begeisterung, iittb sein Rnf drang über die Grenzen dieses Lander. Und als nun die Gemeinde Hannover 1870 die erste Kantorstelle zu besetzen hatte, richtete sie ihr Augenmerk ans Berggrün und wählte ihn zum Borbeter. In Hannover fand Berggrün - ein großes Arbeitsfeld. Unter seiner Leitung wurde der Gottesdienst aufs würdigste und erhebendste umgestaltet und von vielen Großgemeinden als ein Mnstergoltesdienst benützt. Berggrüns hervorragende Leistungen veranlaßten manchen hannoverscheik Musikrezensenten den Gottesdienst zu besuchen. So erfahren wir bei eiuer Besprechung ineinerHannoverschenZeitung anläßlich des Tischobeaw-Gottesdienstes: „Berggrün versteht es, in seinen Vorträgen überhaupt Text und Melodie in so naturgemäßer, meisterhafter Weise mit einander zu verschmelzen, daß die Freude aller Freunde eines geregelten, zeitgemäßen Gottesdienstes. einen Kantor von so eminenter Begabung und mit solch herrlichen Stimmitteln in ihrer Mitte zu haben, nur zu begreiflich ist.- An anderer Stelle äußert sich der Musikrezensent anläßlich des Sch'wuaus-Gottesdienstes: ^Wahrhaft Unübertreffliches leistete Berggrün bei der Introduktion zum Priestersegen. Machtvoll hallten die Töne aus dem Munde deS Sängers durch die Räume des Gotteshauses. Bald lieblich und klagend, bald gewaltig nnd erschütternd, verkörperte diese Piece (W'eseerav) in erhaben empfundener Weise den Schmerz Israels. Wie von Engelschören zum Throne Gottes emporgetrageu. ertönte der Gesang hinreißend und begeisternd." Berggrün war nicht allein ein Meister des Gesanges, er leistete auch Hervorragendes in der Kompositioli. An erster Stelle steht sein a l"-Gesang, der au Schönheit seiner reichhaltigen Melodie glänzt, dessen Gewebe die Harmonie vollendet, wie auch der Glanz nnd die Breite der Tonbilder schön ist. Dieser „Tal"-Gesang, wie auch sein „J’Iii rozon“ und seine Soli in „Moaus zur“ sind Perlen der SynagogengesangSliteratur und haben dem Komponisten Berühmtheit in der Kantorenwelt verschafft. Neben seinem Amte alS Oberkantor versah er auch daS eines Gesang- und Musiklehrers im Hannoverschen Seminar für jüdische Lehrer und viele Kantoren, die heute in Groß» gemeinden in Ehren amtieren, verdanken Berggrün ihre Ausbildung. Edel und würdevoll war fein Gesang und seine Kompositionen spiegeln Berggrüns ganzes Wesen. Infolge seiner vornehmen, bescheidenen, dabei doch selbstbewußten Wesens war er allgemein hochgeachtet; vor allem aber zeichnete er sich durch Offenherzigkeit und Wahrheitsliebe ans, so daß jeder, der mit ihm verkehrte, sich bewußt war, in ihm einen wackeren, treuen und zuverlässigen Freund zu besitzen. Seine Schüler, denen er nicht nur vorbildlicher Lehrer, sondern auch warmherziger Freund war, schauten zrl ihm in schwärmerischer Begeisterung empor. Noch heute klingt aus dem

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