Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 2 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 2. das Volk glaubt daran, fühlt sich mehr getröstet dadurch, daß au anderen Siellen dem Juden auch noch nicht volle Gerechtigkeit widerfährt. Das ist gewiß der Fall in der jüdischen Offiziersfrage. Die Nichtwahl von tüchtigen Inden in die meisten Regimenter zum Reserveoffizier ist gewiß ein Verstoß gegen die verfassungsmäßig garantierte Rechtsgleichheit. Aber es fragt sich, ob es heute schon angezeigt wäre, das freie Wahlrecht des Offizierskorps aufzuheben, ob, wenn bloße Ernennung von oben her entschiede, das Offizierskorps nicht dadurch geschädigt würde, viel von seiner wünschenswerten Einheitlichkeit und Harmonie verlöre. Wenn heute der betreffende Offizierskandidat sich taufen läßt, so wird er in der Regel gewählt. Das empört die Gefühle aller freier Denkenden. Aber es darf auch nicht übersehen werden, daß der getaufte Christ zu Gott durch die Taufe in ein ganz besonderes, ihn innerlich umbildendes Verhältnis komme. Das glaubt der Freidenker nicht, er findet mit Recht, daß meist die charakterlosen Juden es sind, die sich aus äußerlicken Gründen taufen lassen. Aber wer auf mystjich-orthodoxem Ltandpunkl steht, wie ein Teil unserer östlichen Landarlstokratie, ein großer Teil unserer Offiziere, kann nicht so urteilen. UebrigenS weiß ich aus zuverlässiger Quelle, daß neuerdings vielfach und gerade in Berlin Wahlen von jüdischen Reserveunteroffizieren zum Leutnant stattfanden. Es soll schon etwa 200 solche geben. Und ich hoffe, das wird so bleiben und sich ausdehnen. Diese Hoffnung wird sich in dem Maße realisieren, als die religiösen Grundsätze sich mildern, als der innere sittliche Gehalt der christlichen und der jüdischen Religion mehr als das Dogma und die Mystik zur Hauptsache werden; als die Inden selbst da, wo sie die Macht haben, ebenso duldsam und gerecht gegen die Nichtjuden werden, wie sie es von den Christen verlangen. So stellt sich Herr v. Schmoller nach vielen Wenn und Aber schließlich auf den Standpunkt: „Hätten wir nur Nathan-Naturen unter unseren 600.000 deutschen Juden, so gäbe es überhaupt heule kaum eine Judenfrage mehr; aber wir haben noch Shylok-Natureu, und die Mehrzahl der Inden steht vielleicht zwischen diesen beiden Extremen in der Mitte. Ganz ebenso ist es freilich auf christlicher Seite. Peccatur intra muros efc extra." Herr v. Schmoller meint deshalb, daß sich die christlichen und die jüdischen Nathaunaturen die Hand reichen müßten, um die jüdischen Shyloknaturen und den christlichgermanischen Rasseustolz und die althergebrachten Vorurteile, die Sitten, die zu Unsitten geworden sind, zu bekämpfen. Dazu werde sicherlich der Krieg wesentlich beitragen. Es wäre erfreulicher, wenn auch prominente Gelehrte, wie Herr v. Schmoller, dazu entschlossen milwirken wollten. Er fügt hinzu: „All' Derartiges braucht Zeit." Nun, seit dev Emanzipation der Juden ist immerhin schon eine recht beträchtliche Spanne Zeit -verstrichen, und noch immer weder im Offiizierkorps, noch im höheren Justizdienst, noch in irgendeinem Zweige des staatlichen Beamtentums der Grundsatz der Gleichberechtigung durchgeführt. Von einer Ueberstürzung kann mau also wohl nicht gerade sprechen. Metz' dem de Isen Gewissen schlaft! (Schluß.) Der große, fortveißende Zug sozialpolitischer Entwicklung, bfer sich in den deutschen politischen Kommunen aufbauend bemerkbar macht, hat das jüdische Gemeindeland! Veremsleben nicht erfaßt. Zwar sind Juden und! besonders Jüdinnen an allen Aeußerungen dieser Zeitbestrebungen lebhaft beteiligt; aber Hefe Beteiligung bedeutet für das jüdische Gemeinschaftsleben mehr einen Abfluß und Verlust an Kräften. An verhältnismäßig nur wenig«! Stellen jüdischen Gemeinde- und Vereinslebens zeigen sich der Wunsch, und das Verständnis, die Erkenntnisse und Methoden der sogenannten unkonfeffio-!! j i j i i i i I / nellen oder interkonfessionellen sozialen Arbeit auch zur Erhaltung und zur Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsgedankens anzuwenden. Hier liegt djer Keim der Schwäche, des Rückganges!, vielleicht auch, einer bevorstehenden Auflösung des Judentums, wobei natürlich nicht mit Jahrzehnten, aber doch, wenn keine Besinnung eintritt, mit wenigen Menschenaltern zu rechnen sein wird> Das Versickern d>er jüdischen Volkskraft wird aber noch dftrchi einen anderen Umstand im höchsten Grade gefordert und beschleunigt. Die furchtbare Zerrissenheit in fcjer Judenschaft selbst, der Ellbogenkampf, der vom Agudfth-Mitglied bis zum Reformjuden in Sonntagstempeln, in Gemeinden, Vereinen und Verbänden um Wert, Bedeutung, Herrschaft und Vorherrschaft geführt wird; macht He Judenschast innerlich, verbluten. Das Fehlen von Solidarität und edlem Selbstbewußtsein in Momenten, wo mir He höchste Anspannung von Gemeinschaftsgefühl, Lebenswillen und! Abwehrkrjaft den Feinden gegenüber gibt, schwächt He Judenheit nach außen und läßt einen weisen Nathan herbeisehnen, Her uns über unseren Wert und. unsere Würde als Träger unserer ethischen Miffion unter Hen Völkern neu belehrte, und vor allem auch einenRpg wünschen, Hr vor Gott und Menschen angenehm machte. Wenn wir nicht auf „einen interessanten Rest einer einst ethisch, intellektuell und' wirtschaftlich bedeutsamen Religionsgemeinschaft" zusammenschmelzen wollen, Hann müssen wir uns aufraffen, uns prinzipiell und organisatorisch einen neuen, festen Zusammenschluß p sichern. Dieser wäre auf He tragkrästige soziale Seite der jüdischen Gesetzgebung aufzubauen. Individuelles, Trennende ist bewußt zu übergehen, das Gemeinsame um so besser herauszuarbeiten, ein Programm auszustellen, in dem jeder Jude und jede Jüdin, auch wenn sie von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum wenig mehr als ihre Abshammung kennen, ein interessantes, wichtiges, sympathisches Arbeitsfeld', finden kann. Ms eines der wichtigsten, geistigen Kettenglieder für den Zusammenschluß der Judenschaft ist die Mitarbeit der Frau an allen verantwortlichen Stellen des jüdischen Gemeinschaftslebens p nennen. Von ihrem Verständnis; von ihrem Willen und.' ihrer Treue hängt der Geist ab, Her im Hause und in der Gemeinde herrscht; sie kann Hem sozialen Leben Harmonie und gute Gesinnung geben; ebenso wie sie auch Mißion und' Charakterlosigkeit verbreiten kann, wenn sie planlos, ihren nächsten Interessen entzogen, dsahingeht. Der praktischen Arbeit bietet ein solcher Zusammenschluß als ein Verband!, für jüdisch-soziale Arbeit ein unenHich umfassendes Programm, von dem hier nur bis hervorragendsten Punkte anzudeuten sind. Da gilt es vor allem, sich in der jüdischen Wohlfahrtspflege auf He wirksamste Handhabung der Armenpflege nach bestimmten allgemeinen Normen zu, vereinen in einer Zentralisation dies Armenwesens unter praktischer und finanzieller Mitwirkung dler Gemeinden. Um bferen Wirksamkeit zu erhöhen, ist die Einbeziehung der Vereine, Anstalten und Stiftungen als ein Fürsorgerat des Armenwesens besonders für die großen und! mittleren Gemeinden nötig. Um He Anstalten, Krankenhäuser usw. untereinander p verbinden, ebenso aus Gründen der Ersparnis und dev Sicherstellung für dien Verbrauch (für Webwaren, Lebensmittel, Mlch, Fett, Fisch, Kartoffeln, Kohlen, Seife usw.) empfiehlt sich He Gründung einer großen Konsum- und Einkaufsgenossenschaft der jüdischen gemeinnützigen Anstalten; wo es irgend! angeht, wäre landwirtschaftlicher Betrieb (Lehr- und', Arbeitsgelegenheit) einzuführen. Bekämpfung Hr fahrlässigen Wohltätigkeit und Gewährung von Unterstützungen nach volkserzieherischen Grundsätzen. >