Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 2 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Schmoller sieht sich veranlaßt, seine auch von uns jüngst wiedergegebenen Ausführungen über „Obrigkeitsstaat und Volksstaat", in welchen er auch die Judenfrage erörterte, zu rechtfertigen und zum Teil auch zu modifizieren und so nimmt er neuerdings in der „Tägl. Rundschau" das Wort, um seine Ansichten über die deutschen Inden klarer darzulegen. Auch diesmal dürfte er aber aus beiden Seiten vielfachem Widerspruch begegnen. Die Frage nach dem „Obrigkeitsstaat" tritt dabei so gut wie völlig zurück, es handelt sich ausschließlich um die Jndenfrage, wie sie von Schmoller konstruiert wird. Der Verfasser spricht in dieser Beziehung zunächst aus, daß er sich zeitlebens weder als Philonoch als Antisemit gefühlt habe, seine besten Freunde unter „Inden und Halbjnden" gehabt und sich immer ein objektives historisches Urteil über die einschlägigen Fragen zu bilden und zu bewahren versucht habe. Ans dieser Voraussetzung heraus erörtert Herr v. Schmoller das mittelalterliche Jndenschicksal und die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, um daun ans die Gegenwart und damit ans die Möglichkeit einer „Assimilation zwischen Inden und Germanen" zu kommen. Nach seiner Meinung ist die Assimilation noch lange nicht vollendet: „Sie wird immer wieder gehindert durch Jndenhetzen der geschäftlich von der Jndenkonknrrenz getroffenen Deutschen und durch die stete Zuwanderung nicht assimilierter östlicher Judenelemente, durch' die noch vorhandene Abschließung der jüdischen Kreise unter sich (besonders der mittleren und unteren Judenschichten, wie sie in Posen und in Polen ja noch ganz getrennt von den Christen unter sich leben). Die Assimiliernng ist in Frankreich und England viel leichter gewesen, weil die Zahl der Juden dort so sehr viel kleiner war und ist und bie vorigen Juden von einer Jndenaristokratie stammen, die teilweise schon seit Jahrhunderten in Italien, Portugal und Spanien ganz oder halb sich assimiliert Hane, während die deutsche Judenzuwandernng ans dem Osten stammt und in den paar ersten Generationen vielfach noch jeder Assimilation widerstrebt. Die Assimilation vollzieht sich durch gleiche Schulen, gleichen Universitätsbesuch, durch die Einwirkung der Literatur, die herrschende allgemeine Gedankenwelt, durch geselligen Verkehr, endlich am intensivsten durch das Konnubium." Von diesem Standpunkt aus fragt Herr v. Schmoller, was heute erreichbar sei. Er hält dafür, daß eine Austreibung aller Juden ans Deutschland nicht nur unmöglich, sondern auch eine Barbarei und ein Schaden für unsere Kultur wäre. So kommt er zu dem Ergebnis: „Wir haben also keine Ursache, die Existenz von 615.021 Israeliten unter 60 Millionen Menschen in Deutschland für bedenklich oder gar schädlich zu halten. Ja, eS scheinen mir triftige Gründe für das Gegenteil zu sprechen. Ich halte, zumal das westdeutsche Judentum, vollends das assimilierte, für eine glückliche Zugabe zur germanischen Rasse. Es gibt uns Geisteskräfte, die uns mehr oder weniger fehlen, oder wenigstens früher fehlten; es hat die deutsche Volkswirtschaft gefördert." So weit spricht der aufgeklärte historisch geschulte Volkswirt. Nun aber scheint sich Herr v. Schmoller daran erinnert zu haben, daß es galt, seine Theorien über den „Obrigkeitsstatt" zu verfechten 'und die Anklagen gegen die Berliner Verwaltung nicht gänzlich preiszugeben. Immerhin schreibt er von hier ab etwas vorsichtiger: „DaS Judentum," fo führt Schmoller weiter aus, „schließt aber die Gefahr in sich, daß es durch seine geschäftliche Ueberlegenheit, die es oft noch und zwar mannigfach durch zweifelhafte Mittel ansuützt, viele innere soziale Verstimmungen und Kämpfe erzeugt. Die Neigung des Inden, wo er in eine einflußreiche herrschende Stellung kommt, die Germatcen und Christen zu benachteiligen, ist noch so mannigfach vorhanden, daß Ratschläge in der jndenfrenndlichen Stimmung aller Liberalen immer wieder Vorkommen, und daß die Verstimmungen konservativer, bäuerlicher, kleingewerblicher, hausindustrieller Kreise heute noch nicht so weil verschwinden können, wie in Westeuropa. Es ist daher im Interesse der Inden selbst, daß ihre Vorherrschaft in gewissen Stellungen. Berufen, Aemtern, nicht zu sehr, nicht zu sichtlich sich geltend mache. Starke Verstimmung müßten kommen, wenn eS den Anschein gewinnt, eine Stadt wie Berlin fei wesentlich in ihrer Verwaltung durch Inden beherrscht. Daß dieser Beherrschung ihre Spitze abgebrochen wird durch einen Oberbürgermeister wie Wermuth, sehen die Fernerstehenden nicht so wie den Einfluß der jüdischen Führer. Die Ueberlegenheit des jüdischen Geschäftsmannes mag sich heute vielfach beschränken auf gewisse ländliche und kleingewerbliche Kreditverhältnisse; der Wucher aus dem Lande mag stark abgenommeu haben. Aber vorhanden ist er immer noch, und