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Die Wahrheit · 1917-01-26 · Heft 1 (26.1.1917) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 1 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 1. Im Uebrigen ist die Erziehung der spanischen Frauen eine sehr strenge, ihr Hauptzweck ist die Erlernung deS Hauswesens, selbst bei den reichsten, dessenungeachtet haben eS einige aus eigenem Antriebe zu wirklich hoher Bildung gebracht. Wie z. B. Frau Juli Sachs von den älteren Frauen, geistreich und witzig jedes Wort, das sie sprach. Berta Rusio, eine gefeierte Schönheit, in mancher Beziehung ein Genie, erhaben und gedankenvoll, bewahrte sie bis zu ihrem Tode, trotz vieler Schicksalstücken, eine Lebensweisheit, daß sie jederzeit als leuchtendes Beispiel dastehen kann. Helene Mag yar, eine Schriftstellerin, die neben eine Ebner-Eschenbach gestellt wird etc. Von den Jüngeren: Zulchen Stern, an Gastfreundschaft und Liebreiz sonder Gleichen. Ein Wort mit ihr gesprochen und sie hat ein Herz gewonnen. Bella Nissim, die mit ihren anmutigen und gut skizzierten Stockholmer Briefen und anderen belletristischen Feiulletors in hervorragenden sndungarischen Zeitungen große Beliebtheit und Popularität erlangte. Erwähnt sei auch Frau Sophie Fürst mit ihren interessanten Amerika- Reiseberichten, die sehr gerne vom gelesen wurden und denen nur der Kriegsausbruch ein Ende setzte. Und noch viele Andere. Wohlbekannt sind auch hier in Wien viele spanische Damen, die sich durch durch ihren edlen Wohltätigkeitssinn ausgezeichnet haben, wie auch jetzt, durch ihren regen Fleiß und Betätigung der Kriegsfürsorge und anderen Wohliätigkeitsinstitutionen und ist es schier unglaublich, was manche dieser Damen zu leisten im Stande ist. Ihre Küche ist gut und kräftig, da gibt eS kein durch Suppe geschwächtes Fleisch, keine ^Einbrenn", sie trachten bei Allem den Nalurgeschmack zu behalten. Die Bäckereien sind aber geradezu ausgezeichnet und gibt es ganz eigenartige Dachen wie: Fular (in jedem Stückchen Teig wird ein ganzes Ei mitgebacken), Nrjina Pastel (Fletschmehlspeisen), Frizsaldicas, Baniza de Spinaca Dispistji (durch und durch voll Süßigkeit und Oel), Bacliibu (eme Art Honigkuchen gefüllt mit Nüssen). Auch religiöse Mehlspeisen haben sie eingesührt: zu Purim, Bosbas i Pendalas d’alchasuv (Kränzchen und Stiele gefüllt mit vorzüglicher Füllung), zu Livob (Pfingsten) bereiten sie eine Torte, darstellend den Berg Sinai, die zwei Gefetzestafeln, eine Leiter, worauf Moses den Berg bestiegen haben soll und die sieben Himmel wo Gott trohnt; 1a8 dulcuras (Süßigkeiten) zum Neuen Jahr, um das neue Jahr zu versüßen, zu Trutas (Obstfest) näht man den Kindern niedliche Säckchen ans Sammt oder Seide, die man ihnen diesen Abend um den Hals hängt und mit allen möglichen edlen Früchten füllt, woran die Kinder lange Zeit eine Freude haben. Biscochus (spanischer Biskuit) wird zu verschiedenen Gelegenheiten bereitet: zu einem derit mila (Beschneidnng), zu Barmicva (Konfirmation der Knaben) und zu Limud, das ist eine Jahrzeit der Angehörigen. Den schwarzen Kaffee, der mit einer türkischen Maschine gemahlen wird, können sie auch ganz vorzüglich bereiten und spielt er auch bei ihren Vizsißas (Besuche) eine große Rolle. (Solch ein Besuch dehnte sich oft von 2 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends aus und ist sprichwörtlich geworden. Verweilt man heute irgendwo länger, alS es die Etiqnette vorschreibt, so sagt man: »Das war ein fränkischer Besuch.") Meisterinnen waren sie in Weißnäherei — alles auf der Hand gearbeitet — und Stickerei, doch auch Gobelin, Goldstickerei, Frivolität, Knüpf- und Netzarbeit war ihnen bekannt, besonders schöne Sachen wußten sie mit ihren Perlen zu verfertigen. Ihre Ausstattung arbeiteten sie selbst oft bis tief in die Nacht hinein bei dem flackernden Schein einer Kerze. Die Augen taten ihnen nicht weh, sie hatten auch keine Zahnschmerzen, benötigten keine Friseuse, Masseuse, Manicure, sie waren aber ein kräftiges und gesundes Geschlecht und erreichten ein hohes Alter. 90 bis 100 Jahre gehören nicht zu den Seltenheiten und selbst heute leben noch einige, die iu den Siebzigern stehe» und noch sehr fest auf den Beinen sind. In Pest starb vor Jahren Frau Rosa Oser, die das hohe Alter von 107 Jahren erreichte und bis zuletzt ein gutes Erinnerungsvermögen besaß und sich auch den türkischen Kaffee selbst znbereitete. Sie erschien auch seinerzeit im „Interessanten Blatt" abgebildet. Verschiedene Nachrichten. (Wien.) Nach, einer Meldung der „Bohemia", die auch vou Wiener Blättern wiedergegeben wird, befinden sich unter den neuernannten Herrenhansmitgliedern der Präsident der Wiener Jsr Kultusgemeinde Herr Dr. Alfred Stern und der Herausgeber der „N. Fr. Pr." Herr Moriz Benedikt. Wien. Dienstag, den 9. Jänner beging der Vizepräsident des BethausvorstandeS der israel. Kultusgemeinde, Herr Anton Beck, der auch dem Kuratorium der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen, der Baronin Hirsch-Wohltätigkeits-Stifrnng und anderen Wohlfahrtsinstitutionen angehört, seinen 70. Geburtstag. Am Samstag vorher wurde der Jubilar beim Vormittagsgotresdienste im Leovoldstädter Tempel feierlich zur Thora gerufen und nach dem vom Oberkantor Morgenstern rezitierten Mischeberach richtete Rabbiner Dr. G r u nwald an denselben eine wirkungsvolle Ansprache, in welcher die vielseitige gemeinnützige Tätigkeit des Jubilars gewürdigt wurde. Nach dem Gottesdienste versammelren sich zahlreiche Mitglieder des Knltus- und Bethansvorstaudes, sowie Beamte der Gemeinde und viele Geweindemitglieder im Zeremonieusaalc, woselbst der Jubilar bei seinem Eintritte mit einem vom Chorpcrsonale inner Leitung des Dirigenten I. Heimann inszenierten Judelchore begrüßt wurde. Hieraus richteten Präsident Dr. Alfred Stern namens des Kultusvorstandes und Landesschiilrat Dr. Markus Spitzer namens des Berhaus-- vorstandes herzliche Glückwunschworre an den Jubilar, die von demselben daukend erwidert wurden. Hieran schlossen sich die Gratulationen der Freunde und Verehrer des Jubilars. Aus Anlaß seines Jubeltages hat Herr Anton Beck vor der Thora einen namhaften Betrag für wohltätige Zwecke gespendet. Wien. Am 5. Jauner ist Frau Sofie Deutsch, die Schwester des Präsidenten der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen und Kultnsvorstehers Herrn Heinrich M e u d l, nach kurzem schweren Leiden gestorben. Ihr rascher allzufrüher Heimgang wird m den weitesten Kreisen mit aufrichtiger Teilnahme empfunden werden. Die Verblichene war eine seltene Frau von vornehmer Gesinnung und hohen Geistesgaben, die sich in ihrem Schaffen und Wirken von ihrer dedentenden Intelligenz und den Impulsen eines warmfühlenden, edlen Herzens leiten ließ. Ans weiten Reisen hatte sie reiche Erfahrungen gesammelt und erst vor weuigen Wochen hielt sie im „Wissenschaftlichen Klub" einen Vorirag über eme vor dem Kriege unternommene Reise nach Palästina, der mit großem Interesse ausgenommen ivnrde. Gleich ihrem durch seine hervorragende Organisationsrätigkeit aus dem Gebiete der Armenpflege bekannten Bruder hatte sie eine hohe Auffassung von den Pflichten der Gesellschaft gegenüber Not und Elend und in diesem Sinne betätigte sie sich Jahre hindurch eifrig in der „Zentralstelle für das jüdische Armenwesen", im Frauenhort" und an vielen Werken der Nächstenliebe. Biel intensiver jedoch al» diese gewissermaßen öffentliche Tätigkeit war ihr stilles charitatives Wirken, und ihre Devise hiebei war nicht Wohltaten üben un landläufigen Sinne, sondern hilfreiche Hand bieten, um gebrochene Existenzen zu neuer Lebensarbeit wieder aufzurichten. Der segenspendende Arbeit dieser Frau ist nuir durch den Tod ein jähes, allzufrüher Ende bereitet worden, aber das Andenken an ihr- Wirken wird an den vielen Stätten, wo sie sich betätigte, noch lange sortdauern. Dem Wunsche der trauernden Familie und gewiß auch dem der Heimgegangenen entsprechend, fand das Leichenbegängnis Sonntag, den 7. d. M. m aller Stille, unter Teilnahme der nächsten Familienangehörigen und weniger intimer Freunde statt. Sie ruhe in Frieden! Wien. Von befreundeter Seite wird unS geschrieben: Herr Rabbiner Dr. Samuel N a g e l b e r g. welcher derzeit als Militärseelsorger bei der Landwehr-Jnfanterie-Truppen-Division im Felde (Südfront) wirkt, wird von den jüdischen Soldaten und Offizieren wegen seine- Humanen und segensreichen Wirkens verehrt und bewundert. Nicht nur in der Etappe, sondern auch im Schützengraben übt er. keine Gefahr kenueild, seine seelsorgerische Tätigkeit aus und spricht den Soldaten in liebevoller Weise Mut und Gottvertrauen zu. Zu den Berwuudeten begibt er sich, selbst das größte feindliche Feuer nicht scheuend, um ihnen in väterlicherweise Trost und den Sterbenden oft ihre letzte Bitte zu erfülle» und ihnen die Augen znzudrücken. Die Soldaten erfreut er mit Liebesgaben, wie Tefilliu. Gebetbücher, Zedakel, Zigaretten usw. Die jüdische Mannschaft liebt und verehrt ihn wie einen Vater und wendet sich mit allen ihren Wünschen an ihn. Auch bei seinen unmittelbaren Vorgesetzten und seinen Kameraden erfreut sich Herr Feldrabbiner Dr. Nagelberg der größten Wertschätzung und Beliebtheit. Wie». (Nach dem Tode ausgezeichnet.) Kadeh Leopold H e r l i n g e r, Sohn des Restaurateurs Eduard Herlinger (II., Zirkusgasse 3) ist am 23. Februar 1916 auf dem südlichen Kriegsschauplätze gefallen. Für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde wurde

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