Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 33 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrhell Seite 5. Nr. 83. Dazu kommen soziale Aufgaben, die sich in den letz-, len Jahren dem Wirkungskreis des Weibes immer mehr eröffneten. Die natürliche Bestimmung der Frau ist es, Schmerzen zu lindern, der Armut erfolgreich und praktisch entgegenzutreten, dem Leiden ein Lächeln abzugewinnen und so einen seelischen Ausgleich anzustreben, der Mch für die Freude am Dasein und das Schaffen ungemein wertvoll ist. Die Mische Frau insbesondere schien Kr diesen Beruf von jeher besftmmt. Sie hat Jahrhunderte hindurch alles Schöne und Große, das in ihr lebte, in engem Kreise entfalten und hier den ganzen Reichtum an Gemüt, Kraft, Mut und Anmut offenbaren müssen. Sie wjar die Priesterin, die stille Heldin, dfe Wahrerin jüdischer Tugenden, die Beschützerin der Familie und des Heims. Wer noch die Kdischen Frauen, des alten Schlages kannte, der weiß, welche Stärke von ihnen ausging, wieviel Klugheit, Güte und stilles Heldentum hier zu finden war. Wenn das Mische Heim >in finsterer Zeit nicht verödete, wenn das Gemüt nicht verrohte und die Poesie nicht aus dem Kdischen Hause wich, so verdanken wir es zum großen Teile unseren Frauen. Gestehen wir es, dieser Typus des jüdischen Weibes ist heute sehr selten geworden. Unsere Frauen veräußerlichen sich zn sehr, jagen häufig leeren Vergnügungen nach und geben sich einem verwirrenden Sinnesransch hin. Nach der Emanzipation und nach den durchgeführten Reformen, die nicht immer der Bahn einer ruhigen Entwickelung folgten, lösten sich hier nnd da die alten Bande der Familie. Die alten Ketten, die wohl drückten, aber auch znsammenschmiedeten, waren gesprengt, und es entstand anstelle alten Dnldens ein nervöses, ungeduldiges Treiben. Etwas Wildes und Tolles keimte in der jüdischen Seele auf, und alles nahm einen sprunghaften Lauf. Darunter litt alles, am meisten aber das jüdische Heim. Es verlor seine Heiligkeit, seine keuschen Reize. Gewiß fehlt es uns auch heute an hervorragenden Frauen auf sozialem und geistigem Gebiete nicht. Aber — da, wo wir sie am meisten brauchen, wo sie am welligsten zu ersetzen sind, in der Familie und in dem trauten schlichten Wirken, da fehlen sie uns. Es ist kein Ruhm, daß sie tonangebend in der Mode und in gar manchen Verkehrtheiten geworden sind. Mall wird sich nicht darüber freuen, daß die Entartungen der Zeit, die sonst vor dem jüdischen Heim Halt machten, heute auch bei uns nicht selten zu finden sind. Wer mit dem Worte „modern" nicht bloß, einen äußerlichen Begriff. verbindet, der wird es bedauern, daß die alten jüdischen Sitten immer mehr verblassen und zu bloßen Schemen werden, und daß unsere jüdischen Frauen noch weniger vom Judentum verstehen als die Männer. Auch das wird man mit Schmerzen wahrnehmen, daß unsere Frauen immer mehr von der religiösen Auffassung sich entfernen. Wo die Aenßerlichkeit herrscht nnd vom ganzen Menschen Besitz nimmt, da ist für wahre Religiosität kein Platz. Wir verlangen nicht, daß die Frau in der Entwicklung stehen bleibt und heute so lebt wie ihre Großmütter. Sie soll sich entwickeln, aber auf gesunder, natürlicher Bahn. Sie soll da wirken, wo ihre tiefsten Wurzeln rnhei. Sie soll modern im besten Sinne des Wortes sein, aber damit auch die alte jüdische Art zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Der Krieg hat einen Strich durch dieses Leben des Scheines nnd des Rausches gemacht. Er hat auch unsere Frauen zur Einkehr gezwungen. Mehr als Bücher nnd Predigten lehrt Meister Krieg, wie nichtig ihr Tun war, und er zwingt sie, andere Bahnen zu wandeln. Das ist das Heilsame, das der Krieg mit sich bringt. Wir wollen daher hoffen, daß ans diesem Krieg auch die Kultur der jüdischen Frau erstarkt hervorgeht, und daß die jüdische Frau zu der Erkenntnis ihres natürlichen Berufes wieder gelaugt. Vor allem muß sie wieder schlicht und natürlich werden, im iunern wie im äußern Leben, denn das war stets die stärkste Seite der jüdischen Fran. Kehrt sie wieder zur Natur zurück, dann wird sie auch die jüdischen Kräfte die in ihr leben und wirken, erkennen nnd das Judentum lieb gewinnen. Damit ergibt sich dann das Gebiet ihres Wirkens von selbst. Vor allem hat sie eine Mission an sich selber zu erfüllen. Sie muß zurück in die Familie, sie muß ihr Heim mit den alten jüdischen Tugenden schmücken und sich und ihre Kinder sür den Ernst des Lebens, der uns heute besonders prägnant eutgegentritt, erziehen. Sie hat aber auch eine noch größere Mission zu erfüllen. Sie soll uns das jüdische Leben wieder wann und frisch gestalten, soll uns vom Aeußerlirhen abwenden und zur tieferen Auffassung und damit auch zur Religion znrückführen. Sie soll wieder ihre Größe darin erblicken, die jüdischen nnd menschlichen Tugenden zn wahren nnd in erster Reihe ihrer Familie nnd ihrem engen Kreise zur Stütze zu werden. Nur auf diesem Wege kann sie auch der größeren Gesamtheit die hervorragendsten Dienste leisten. Die Ansätze zur Besserirng sind vorhanden. Werden sie richtig ansgenützt und wird der Sturm, der in unserer Seele durch den Krieg entstand, fruchtbar gemacht, dann dürfen wir hoffen, auch im Leben des jüdischen Weibes eine schönere, höhere Epoche zu begrüßen. Die Inden als eifrige Förderer des Welthandels. Eine aktuelle Betrachtung. Bon Dr. M. H. Friedländer. lFonü'tziuig.'j In der Thora sowohl als im Talmud wird jede Art Uebervorteilung im Kaufe und Verkaufe auf das entschiedenste verpönt. R. Safra, ein hervorragender Lehrer in der talmudischen Zeit, war im Besitze eines kostbaren Edelsteines, den er zu veräußern beabsichtigte. Da kamen einige Kaufleute und boten ihm Knf Münzen Kr denselben an. Da er jedoch zehn Münzen verlangte,so unterblieb vorläufig das Geschäft. Bald nach ihrem Weggehen faßte R. Safra den Entschluß, den Edelstein jenen Kaufleuten Kr fünf Münzen zu überlassen. Am andern Morgen besuchten die Kaufleute abermals den frommen Rabbi, als er das Morgengebet verrichtete. „Nun, wie habt Ihr Euch entschlossen, seid Ihr geneigt, das Geschäft zu machen?" war ihre erste Frage. R. Safra aber schwieg. „Gut," riefen sie ihm zu, „Ihr braucht uns nicht zu grollen, wir geben Euch noch zwei Münzen zu." R. Safra aber schwieg noch immer. „Wenn Ihr nicht anders wollt, so geben wir Euch die verlangten zehn Münzen." Kaum hatte der fromme Rabbi sein Gebet beendet, als er seine Gäste sreundlichst begrüßte und ihnen zurief: „Meine Herren! Ich war, wie Ihr wohl gesehen habt, im Gebete vertieft, daher wollte ich mich nicht unterbrechen lassen. Was nun das Geschäft betrifft, so habe ich mich bereits gestern, bald nach Eurem Fortgang, entschlossen, Eueren mir angebotenen Preis zu akzeptieren, daher ich nicht mehr als Knf Münzen Kr den Edelstein nehmen kann, nehmen darf (Maccoch 24. B. Batr. 88.) R. Giddel hatte seit langer Zeit nrit einem Grundbesitzer wegen Ankaufs eines Grundstückes unterhandelt. Allein bevor es zum Abschlüsse des Geschäftes kam, hatte R. Abba dasselbe käuflich an sich gebracht. Auf R. Giddel hatte dieses Vorgehen einen sehr betrübenden Eindruck gemacht; er klagte seinen Freunden sein Leid. Diese rieten ihm jedoch, vorläufig zu schweigen bis zum nächsten Feste, wo sie alle bei den religiösen Vorträgen versammelt sein würden. Bald nach der Eröffnung der ersten Sitzung wurde dem großen Lehrer R. Abba folgende Fmge zur Entscheidung vorgelegt: „Ist derjenige.