Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 32 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 £>ie Wahrheit Nr. 32. MlsdMck fmdet die politische Gleichberechtigung insbesondere Ln dem SbaatSgrMchWsetze .Mer die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, durch welches Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährleistet, die Zugänglichkeit dev öffentlichen Aemter auch, für die Angehörigen des jüdischen Glaubens, die Freizügigkeit und die unbeschränkte Ausübung jedes Gewerbes statuiert wurde. Der Vorstand der „Oesterreichisch^Israelitischen Union" hübe aeglaubt, durch eine feierliche öffentliche Manifestation der wwerlöschlichen Dankbarkeit für diese den Juden Oesterreichs gewährte Rechtsgleichheit Ausdruck geben zu sollen. (LMHaster Beifall.) ' i Sodann hielt Herr Rabbiner Dr. Mar Gru^rwald, beifällig begrüßt, den angMrchigten Vorträg. Auf Grund träf eindringeicher historischer Studien schilderte der Redner zunächst den Zustand der-Juden in Oesterreich im Vormärz und zeigte sodann an der Hand eines reichen Materials die aufsteigende Entwicklung der Juden auf iallen Gebieten des öffentlichen Lebens, wie sich dieselbe in der Regierungszeit Kaiser Franz Josefs vollzogen hat. Er schilderte weiters die persönliche Anteilnahme des verewigten Kaisers an dieser Entwicklung und das Wohlwollen des edlen Monarchen, welches in zahlreichen Aeuß erungen über den Patriotismus, die Kaisertreue und die sittlichen Eigenschaften der 'Juden Wtage trat. Die Schlußworte des Vortragenden, welche in Anlehnung an die biblische Legende von dem Propheten Elias, der in einem! feurigen Wagen den Blicken der Irdischen entschwand, während sein wunderwirkender Mantel zurückblieb und von Elisichrchu mifgenommen wurde, -den neuen Kaiser Karl als den Erben des Geistes und der erhabenen Herrschertugenden Kaiser Franz -Josefs feierten, entfeffelte, wurden von der Versammlung stehend angehört und mit lebhjaster Zustimmung begrüßt. Vizepräsident Dr. Ornstein dsankte dem Vortragenden herzlichist für die ausgezeichnete Interpretierung der Djankesgejühle, welche in den Herzen aller jüdischen Staatsbürger für Kaiser Franz Josef dauernd fortleben werden, und brächte zur 'Kenntnis der Versammlung, daß der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" die Nachfolgende Huldigüngsmanifestation beschlossen habe, bei deren Verlesung die Anweisenden sich von ihren Sitzen erhoben: „Wir begrüßen die Thronbesteigung Sr. Majestät des Kaisers Karl I. in angestammter Areue und huldigender Ehrfurcht. Die feierliche Zusage, daß Seine Majestät die verfassungsmäßigen Freiheiten Hochhalten und die Rechtsgleichheit Aller sorgsam hüten wolle, ^erfüllt uns mit der fteudigen Zuversicht, daß es auch Unter dem erhabenen! Zepter Sr. Majestät Kaiser Karls I. den österreichischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens vergönnt sein werde, in brüderlicher Gemeinschaft mit allen Beoölkerungsklassen beizutragen zum endgiltigen Siege unserer Waffen, zum dauernden Bofikmbe und zur Größe unseres teuren Vaterlandes." Diese Kundgebung wird in geeigneter Weise an die Stufen des Allerhöchsten Thrones geleitet werden. Die Jude« als eifrige Förderer des Welthandels. Eiue aktuelle Betrachtung. Bou Dr. M. H. Friedläuder. (Fortsetzung.) Wo dagegen die Israeliten sich in den Städten zu halten wußten, nehmen sie fortall den Geldhandel vorwiegend in die Hand; auch ein Erbteil ihrer phönicischen Vorfahren, mit welchem die jungen Völker Europas noch nicht umzugehen wußten, — sie legen daselbst den Grund zu dem Bankiertum unserer Tage." Soweit Kesselbach. Eine andere nicht minder bedeutende Autorität ist der Engländer Lecky, der in seiner „Geschichte des Ursprungs und Einflusses der Aufklärung in Europa", II 224ff., der deutschen Ausgabe in dieser Richtung folgendes äußert:. „Der wichtigste Dienst, den sie der Welt geleistet haben, ist die Wachhaltnng kaufmännischer Tätigkeit, deren Vertreter sie fast allein für Jahrhunderte nKiren. Durch Reisen von Land zu Land mit den Bedürfnissen und Erzeugnissen jedes einzelnen bekannt geworden, durch die Praxis des Geldleihens im großen Maßstabe und mit vollendeter Geschicklichkeit, durch Aufrechthalten eines andauernden, geheimen Briefverkehres und Organisation eines damals in Europa beispiellosen Wechselsystems, gelang es den Inden, sich der Christenheit unentbehrlich zn machen. Als die italienischen Freistaaten zur Macht emporstiegeu, wurden sie bald die Mittelpunkte, wohin die Juden znströmten und unter den kausmänulscheu Regierungen von Livorno, Venedig, Pisa und Genna wurde ein Grad gehandhabt, der allerdings weit von Vollkommenheit. aber mindest unermeßlich größer war als wo sonst.'- Die Inden waren vor Beleidigungen geschützt, sie konnten ärztliche Praxis und Geldgeschäfte unbehelligt betreiben und die öffentliche Meinung, sowohl als die Gesetzgebung blickte auf sie mit Duldung." — „Das kommerzielle Genie der jüdischen Verbannten war eins der Elemente in der Entwicklung der von Livorno, Pisa und Ancona." Ans den hier angeführten Aenßernngen hervorragender nichtjüdischer Gelehrter erhellt'zur Genüge, daß die Juden zn allen Zeiten — Ausnahmen abgerechnet — redlich bestrebt und bemüht waren, den Handel, ja sogar den Welthandel zu fördern, dem Lande, in dem sie wohnten, ausgezeichnete Dienste zu leisten, so daß sie oft einen mächtigen Faktor bildeten, mit dem man rechnen mußte, und den Anforderungen der Religion, die ihren Bekennern einschärft sich stets im Handel und Wandel durch Wahrheitsliebe, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Redlichkeit ausznzeichnen, vollkommen zn entsprechen. In meiner im Jahre 1890 erschienenen Schrift: „Die Arbeit nach Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen der Weisen in Israel" habe ich im letzten Kapitel über die auf Ehrlichkeit und Redlichkeit usw. Bezug habenden Vorschriften und Satzungen der schriftlichen nnd mündlichen Lehre folgendes geschrieben: „Wir haben bereits im ersten Artikel nachgewiesen, daß nach der Lehre des Judentums die freie Arbeit des Menschen erste und heiligste Pflicht ist, da sie ihn vor Not, Armut und Elend schützt und seine Menschenwürde erhält. Durch jede ehrliche Arbeit' und praktische Tätigkeit, selbst wenn sie nicht feinster Art ist*), können nach der Anschan ung unserer Weisen die Ehre und die Würde des Menschen gefördert und, was eigentlich der Hauptzweck der Arbeit ist, treffliche wertvolle Produkte geschaffen werden. Nllr durch Erzeugung gediegener brauchbarer Produkte kann die Jndnstr ie einen glänzenden Aufschwung nehmen und der Handel sich der schönsten Prosperität erfreuen. Wenn auch das Juden tum ursprünglich ein agrarisches Volk zn sein bestimmt war. daher *) „Geb' dich jeder Arbeit Hill, sprich nicht: Ich bin ein großer Mann, entstamme einer Pciesterfamilie, solche Arbeit ziemt sich nicht für mich." (Pes. 113). Vermiete dich lieber zu jeder Arbeit, mag sie noch so niedrig sein, als an die Munifizenz anderer Menschen zu appellieren." (93. Batr. 110.) Achtbar ist derjenige, der in seinen Ansprüchen bescheiden und höchst genügsam ist nnd sich durch seine Tätigkeit ernährt." (Midr. Godol III.) Ein berühmter Lehrer rief einst, seinen Schülern zn': „Ich bi» ein Geschöpf Gotte», ebenso ist es mein Nächste r, der Mindergelehrte. Ich widme meine Kraft der Arbeit in der Stadt, jener arbeitet auf dem Felde. Ich beeile mich am Morgen zu mein er Arbeit, jener zu der seinigen; daher, so wenig er es mir gleich tnt, so wenig kann ich eS ihm gleich tun, und wenn ich »och so Großes leiste, so heißt es ja: Der Eine viel, der Andere wenig, wen» die Absicht nur edel ist." (Berach. 7.) „Schätzenswerter ist derjenige, der von seiner Hände Arbeit lebt, als der Gottesfürchtige. (Abot de R. Nathan 11.)