Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 32 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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verfrüht ruch gervogt, aus der Praris hervorgehende, allgemein anerkannte Mimen für die Beschaffenheit der Kindererhorte formulieren zu wollen. Nur beiläufig und um darzutun,, daß eine Erhörte, welche nicht bloß durch irgend eine Legende die Binder unterhalten und ihre Aufmerksamkeit für eine Mrze Weile fesseln, sondern eine feierliche Ansprache voller Ernst sein soll, aus welcher das Bestreben, jüdisches Bewußtsein in die Herzen der Kinder dauernd zu verpflanzen, herausgehört wird, keine Arbeit fft, die man im Handumdrehen macht, sei aus einige Momente hingewiesen. * Cs sei vor allem bemerkt, 'daß man eine Erhörte für Kinder nicht aus einer Predigt für Erwachsene, wie einen Weinen Rock aus einem großen, machen kann. Da die . Jnteressemvelt der Kinder von der der Erwachsenen verschieden ist, so muß auch die Erhörte der Kinder aus ganz anderem Stoffe sein. Ich erwähne dies nur deshalb, um der etwaigen Meinung entgegenzutreten, als ob für den Religionslehrer, der eine Erhörte halten will, nichts leichter und bequemer jro'äre, als sich die reichen Schätze der homiletischen Literatur in hebräischer und deutscher Sprache zunutze zu machen. Man muß viel, sehr viel homiletische Literatur lesen, bis man ein Körnchen findet, welches für eine Kinder- ' predigt verwendbar ist. Da die eigentliche Kinderpredrgt ein bis jetzt sehr schwach bebautes Feld ist, so ist der Lehrer bei dem Mangel an vorbildlichen Arbeiten ganz aus sich selbst angewiesen. Die erste un!d nicht die lleinste So^e bildet das Thema, bei dessen Wahl der Erhortant durch mancherlei pädagogische Rücksichten beengt ist. Ist man über das Thema endlich mit sich einig, so beginnt erst recht ldße eigenüiche Arbeit. Denn nur ein langsames Ausreifen und Anordnen der Gedanken, ein ruhiges Sinnen und Spinnen führt zu dem Ziele einer geordneten Darstellung. Alles das erfordert Zeit, vor allem aber einen ruhigen Kopf. Zuweilen fühlt man sich versucht, dieses oder jenes noch in die Erhörte hineinzubringen, um sie recht inhaltreich W machen. Dieser Versuchung gegenüber muß Man standhaft bleiben. Wer den Kindern gar zu viel sagen will, sagt ihnen gar nichts. Mannigfaltigkeit des Inhaltes, zumal in dem kurzen Zeitraum von zehn bis zwölf Minuten Nlsammengedrängt, wirkt wie ein Kaleidoskop, es verwirrt. Die Elchorte soll, gleich dem goldenen Leuche 1er im Heillgtume, dem Sinnbilde der Erleuchtung, aus einem Stücke sein. Cm Hauptgedanke soll das Ganze tragen und durchziehen, so daß alles, was im Laufe der Erhörte vorgebracht wird, zu diesem Hauptgedanken in Buchung stehe. Je größer die Konzenftation, desto wiftsamer die Erhörte. Auch dieses Moment erfordert einiges Nachdenken. __ (Fortsetzung folgt.) Orgauifatio« der Jude« in Polen. Ueber die Organisation der jüdischen Religionsgemeinschaft in Polen veröffentlicht Curt Bürger im „Tag* einen bemerkenswerten Artikel, in dem es heißt: Welchen bedeutsamen kulturellen Fortschritt diese Regelung der Religiousverhältnisse der polnischen Inden darstellt, zeigt schon die einfache Tatsache, daß für die Gemeinden bisher keine Möglichkeit eines organisatorischen Zusammenschluffes zu leistungsfähigere» Zweckverbänden gegeben war, ja daß sie sogar vielfach nicht einmal das Recht der juristischen Personen besaßen und infolgedessen auch keine eigenen Friedhöfe unterhalten durften. Au Stelle dieser russischen Rechtlosigkeit ist Luft und Freiheit eines modernen deutschen Berfaffuugsstaates getreten. Nicht nur erhalten die Gemeinden, denen die Pflege des gesamten religiösen Lebens und die Kontrolle über die dazu gehörigen Einrichtungen, wie Synagogen, Schulen, Friedhöfe, ferner das gesamte Steuer- und Umlageverfahrenalso die Verj Wallung des Vermögens, die Anstellung des gesamten j Beamtenkörpers u. a. m. obliegt, Korporationsrechte, den i leistungsfähigen Gemeinden ist auch die Möglichkeit gegeben,! sich durch Zusammenschluß zu verbünden und finanziell zu! stärken. Das Wahlrecht ist auf eine breite demokratische l Grundlage gestellt, der anderwärts hie und da noch übliche Zensus beseitigt; die Zahlung von Gemeindeumlagen schließt! ohne weiteres das geheime und direkte aktive und passive i Wahlrecht ein. Durch Einführung der Verhältniswahl i sowohl für die Gemeinden wie auch für die höheren Körper-! schäften ist das Recht der Minoritäten in jeder Beziehung! gesichert nud jede Vergewaltigung ausgeschlossen. Eine der wertvollsten Bestimmungen aber, deren Wohltat die Inden I in den meisten deutschen Bundesstaateil noch entbehren, i enthält der Paragraph, der innerhalb der Gemeinden das! Recht zur Gründung von Kultnsvereinen mit eigenen Einj richtunged und Rabbinern gewährt, welche die gleichen öffentlichen Rechte wie die Gemeinderabbiner und" die öffiziellen : Gemeindeeinrichtnngen, sogar eventuell unter entsprechender Entlastung von den Gemeindeabgaben, genießen. -Dadurch! ist einerseits völlige Gewissensfreiheit gewährt, anderseits! aber auch die Einheit der Gemeinde gesichert. Als oberste j Zentralinstanz über den Kleingemeinden wie den Groß-! gemeinden mit über 5000 Einwohnern steht, mit starken! Machtbefugnissen ausgestattet, der „Oberste Rat der Inden",! dessen 21 Mitglieder ebenfalls zu zwei Dritteln aus allgej meinen Wahlen hervorgehen; der Einfluß der staatlichen! Aufsichtsbehörde auf dieses moderne Synedrinm ist daher j nur ein beschränkter. Auch ein Beweis des Vertrauens, das i die staatlichen Gewalten zu der organisatortscheu Befähigung - und dem gesunden religiösen Empfinden der Inden in! Polen haben. Vielleicht werden manche jüdische Kreise in Deutschland ein gewisses Gefühl des Neides nicht unterdrücken können, daß ihren Glaitbettsgeuossen in Polen jetzt mühelos etwas in den Schoß fällt, was sie selbst bisher schmerzlich entbehrt haben: eine staatliche Vermehrung ihrer religiösen Interessen, ein freies Selbstverwaltungsrecht und eine mustergültige Gesamtorganisation. Damit hat die deutsche Zivilverwaltung in Polen ihrerseits einen neuen Beweis — wenn es eines solchen noch bedurft hätte — geliefert, wie sehr ihr am Herzen liegt, daß die Inden sich in dem Lande, in das ihre Väter vor vielen Jahrhunderten aus Dentschland eiugewandert sind, wieder wohlfühlen. Das idealistische Sehnen i jenes durch russische Raffgier seines gesamten Vermögens I beraubten polnischen Inden, der im Anfang des Krieges nur den einen Wunsch hatte: „Ich will lernen können, was ich will, und will denken können, was ich soll, und will sagen können, was ich muß", ist also jetzt in Erfüllung gegangen. Das Deutsche Reich darf aber in den Rnhmeskranz seiner friedlichen Eroberungen ein neues frisches Reis einfügen. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. (Oeffeirtliche Plenarsitzung des Knltusvorstandes am 17. Dezember 1916 unter den? Borsitze des Präsidenten Dr. Alfred S t e rn.) Im Einlaufe befinden sich ein Dankschreiben des. Herrn kais. Rates Adolf Rnzicka für die Gratulation des Vorstandes anläßlich seines 70. Geburtstages. Dankschreiben des Vorstandsmitgliedes Herrn Gemeinderates Dr. Rudolf Schwarz-Hiller für die Kondolenz des Vorstandes .anläßlich des Ablebens seines Vaters, des Herrn Isidor- Schwarz s. A. Zuschrift des Patriotischen Hilfsvereines vom „Roten Kreuz", über die Erhöhung der VerpflegSkosten für die im Spitale der Aultusgemeinde (als Reservespital Nr. 8) befindlichen Gagisten und Maunschaftspersouen von K 4.— auf 5.50 pro Kopf und Tag, rückwirkend am 1. Juli 1916. Bericht der Direktion der „Edler von Lämel-S ch nle®