Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 31 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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ödle 6. Die Wahrheit Nr 31. Erneuerung nud Verjüngung des Vaterlandes wie seiner einzelnen weiten Gebiete fordern alle Kraft und Machtentfaltung. Auch für unsere Brüder aus Galizien kommen große Aufgaben. Die Versorgung der leider so zahlreichen Kriegswaisen, die Wiedererrichtung von Haus und Herd, der Lehr- und Bethänser. des wirtschaftlichen Aufschwunges u. a. Da wird das Wort gelten: ..Sie werden zu einem einzigen Bunde werden" mehr denn je und das Weihelicht weitausgreifender großzügiger HilfSlätigkeit wird über die Finsternis der Kriegsländer himveghelfeu und die brüderliche Hilfsbereitschaft mächtig eiugreifen, um Licht und Freude in Israels wieder aufgerichteten Wohnungen zil verbreiten. Der Krieg ist nicht bloß ein furchtbarer Zerstörer, sondern auch ein gewaltiger Erneuerer. Was morsch an unseren Anschauungen war, haltlos und unbegründet, hat er hiuweggefegt. was aber alles überdauert, das Gefühl der Liebe und Zusammengehörigkeit, der Größe und Herrlichkeit unseres Märtyrertums hat er nur noch mächtiger entwickelt und gestählt. Der Geist unseres Gottes, das Heldentum der Makkabäer zog mit Gewalt uns an und erhob uns über des Krieges namenlose Leiden und Prüfungen, wie es noch immer in Israel war. Das lasset uns stets festhalten und nimmer vergessen, auch unseren Kindern als Hehrstes zu geben: Die Liebe zu Gott, unserer Lehre und zu Kaiser nud Vaterland. Diese Liebe läutert, verklärt uns und führt uns auf lichte Höhen aus des Tages Niederung und Not! Wenn alles um uns in Staub sinkt und vergeht, so bleibt dieser Liebe Gewalt über Tod und Vergänglichkeit Sieger! Kaiser und Vaterland einigen uns nud für beide unser Leben, unser Hab' und Gut einzusetzen ist Israels heiligste Pflicht und schönster Lohn ihres Seins. Wenn das Channkalichtleiu aufstammt, so laßt uns Gott dafür danken, daß wir es zu zünden erlebten und dem Ewigen geloben. Licht und Freude zu verbreiten überall. Biele sind leider hingesunken, aber wir wollen ihr Erbe antreten, für Kaiser und Vaterland als gute Juden zu schaffen und da- Licht der Menschlichkeit, der gegenseitigen Liebe und Wertschätzung zu zünden und zu erhalten. Aus den Makkabäerkämpfen dieser erhabenen Zeit wollen wir die Fahne mit der Inschrift versehen: »Für Gott, Kaiser und Vaterland \u iu den FriedenStagen Hochhalten und schützen. So sei unser Leben dem Lichte geweiht, eine Reihe edler Taten und Werke der Herzeusgüte und Treue! Wir wollen in der Gesamtheit und für sie leben, wirken und opfern.! Was Krieg und Verhängnis 'unS angetan, wollen wir gemeinsam tragen und lindern! Dies ist der Chanukadauk Israels, dies sein moos zur j’eschuosi sein Sieges- und Danklied am Altäre des durch Prüfungen und Leiden geweihten Bodens des Vaterlandes, auf den wir freudig alles, auch unser Leben legen wollen! Zum Gotte unserer Väter aber flehen wir vertrauensvoll, daß er uns bald mit Frieden segne und des Vaterlandes Verjüngung und neue Blüte schauen lasse, des geliebten Herrschers Wacht und Glanz erhöhe und uns allen Kraft und Zuversicht leihe gleich unfern Vätern! Das ist dieser großen, erhabenen Zeit Chanuka und weihevolle Erhebung zum Gotte des Lichtes und Heils. Möge dies Licht allen zum Tröste und Siege leuchten! Prof. Dr: L. Hirsch. Trauerfeier iu Kudapest. Der Tod der großen und allgeliebten Herrschers hat auch die ungarische Jndenschaft in tiefftc Trauer versetzt. Sämtliche Gemeinden und jüdische Körperschaften Ungarns haben Trauerversammluugen und Trauergottesdienste veranstaltet. Allen voran ging auch diesmal die Pester israelitische Religionsgemeinde, welche am 29. November eine außerordentliche Generalversammlung abgehalten hat, an welcher fast sämtliche Repräsentanten erschienen, sind. Inder Trauersitzung hielt Gemeindepräsident Ludwig Adlerdie nachstehende herrliche Rede: Geehrte Generalversammlung! Ans traurigem Anlässe haben wir uns hier versammelt. Wir wollen Ausdruck geben des» tiefen Schmerze, der alles durchdringenden Trauer, die sich auf die Gemeinde senkte, als die Nachricht kam, daß der große, weise König Franz Josef I. seine Augen für ewig schloß. Fühlte doch in jenem Augenblicke ein jeder Bürger des Vaterlandes, daß er, sein Nachbar und jeder, der in diesem Vaterlande lebt, etwas Großes, etwas Teueres verlor, und dennoch'konnte dieses Gefühl des Verlustes in keinem so lebhaft und so schmerzlich sein, wie in der vaterländischen Judenheit und in ihrer größten Gemeinschaft: der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Nicht als ob wir glaubten, daß der Verklärte uns lieber gehabt hätte als seine übrigen Kinder; nicht darum fließen unsere Tränen heißer, weil wir den Vater verloren, der uns am meisten ansgezeichnet hat, der uns mehr znkommen ließ als seinen anderen Söhnen, nein, diese Zähren entströmen der ergebenen Anerkennung, der in der Tiefe des Herzens wurzelnden Dankbarkeit, weil er so groß und so weise sein konnte, daß er auch uns an sein väterliches Herz gedrückt hat. Denn nicht jenes Sohnes Kummer ist der schwerste, den sein Vater am meisten geliebt, sondern dessen, den dieser in sein Herz schloß, obwohl man ihn dem Sohne entfremden wollte, dessen, dem der Vater Treue wahrte, obwohl eS hieß, daß er der Liebe nicht würdig sei, und das Schluchzen jenes Dieners , ist am aufrichtigsten, dem fein Herr schon vertrante, bevor er noch beweisen konnte, daß er dieses Vertrauen verdiene. J . Darum ist uns weher ums Herz als den anderen, darum verdüstern sich unsere Angen mehr als die anderer. Denn unser guter, in beii Frieden eingezogener König hat die warmen Strahlen seiner Liebe auch uns gespendet, obwohl es verbreitet war, daß wir dieser nicht würdig seien, und vertraute uns schon damals, als wir — unleugbar — noch wenige Beweise dafür liefern konnter, daß der Same dieses Vertrauens eine reiche Ernte tragen werde. Denn was war die vaterländische Judenheit vor einem halben Jahrhundert, als ihr das Gluck geworden, den anderen Bürgern des Landes gleichberechtigt erklärt zu sein? Eine arme, an Bildung zurückgebliebene, in" den Wissenschaften unerfahrene, fremdsprachige Glaubensgemeinschaft, deren höchstes Verdienst bloß das bildete, daß sie an dem Aufblühen des Vaterlandes midwirken wollte, daß auch in ihr die Sehnsucht brannte, dieses Vaterland groß und mächtig zu machen. Welche Weisheit war es. voranszusehen,- daß dieser Wille keine Flamme ist, die verlischt und Finsternis hinter sich läßt, sondern ein Feuer, das belebt und befruchtet! Welche Weisheit erforderte es, zu erkennen, daß diese Sehnsucht nicht bloß eine in schönen Farben schillernde Blume ist, die unfruchtbar verwelkt, sondern Keime birgt, anS denen prächtige Früchte reifen werden! Und wie stark mußte seine Liebe zur Gerechtigkeit sein, wenn er trotz Vorurteilen und eingewurzelter Meinungen sich zur Ueberzeuguug durchdringen konnte, es sei unwürdig und nicht zu dulden, daß der Glaube der Patriarchen und Propheten nicht denselben Rang einnehme, wie die anderen religiösen Ueberzeugungen, die seine Untertanen dnrchdringen. Weisheit und Gerechtigkeit waren der Schmuck seinegesalbten Hauptes, wo aber diese wohnen, gesellt sich zu ihnen als dritter: die Güte, zu deren Wege die Weisheit führt und die von der Gerechtigkeit gepriesen wird. Geehrte Generalversammlung! Nicht begründen wollte ich unsere Trauer, auch ohne Rechtfertigung empfindet sie jetzt ein jeder, ich mußte dies aber aussprechen, damit auch die späteren Generationen klar sehen, was wir verloren, waS wir beweinen. So flechten wir denn einen Kranz aus den Blumen der tiefen Dankbarkeit, der untertänigen Anerkennung und der hnldigeuden Bewunderung nnd legen ihn nieder auf