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Die Wahrheit · 1916-12-01 · Heft 30 (1.12.1916) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 30 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3U. Die Wahrheit Seite 5. laut schlug, für den Sieg der Freiheit über die Unduldsamkeit, des Rechtes über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge, v. Kaiser Franz Josef .war wahrhaft, echt und treu, durch Und durch. Er hat es noch durch seine Entrüstung über den Treubruch Italiens bekundet und weil er innerlich so wahrhaft und gewissenhaft war, darum utmete und lebte er in seiner Pflichterfüllung, in der er ganz ansging. Die Arbeit war ihm keine Last, sondern eine Lust und er könnte mit König David sagen: nnv.-, .-i-iwn wr irrarw *6 „Ich bedarf der Morgenröte nicht, daß sie mich zur Arbeit wecke, sondern ich wecke die Morgenröte." » Kaiser Franz Josef I. hat die Morgenröte geweckt, weil er noch vor Tagesanbruch täglich bei der Arbeit war, er hat aber auch die Morgenröte einer neuen Zeit geweckt und hat sie nie mehr den Mächten der Finsternis preisgegeben. Wer könnte dies aufrichtiger und dankbarer anerkennen, wer könnte der Gerechtigkeit des dahingeschiedeuen Kaisers ein lauteres Danklied singen, als wir Inden. Bemerken wir doch, meine Freunde, an welchem Orte wir uns befinden. In einem Raume, der, entfernt von der Straße, tief nach rückwärts gelegen und wie der Schauplatz eines ungehörigen Vorganges den Blicken der Vorübergehenden entzogen ist. Denn nur unter dieser Bedingung wurde vor nunmehr 90 Jahren der Ban dieses Gotteshauses gestattet. Die Bekenner des Judentums, die zuerst Gott erkannt und ihn der Menschheit gelehrt haben, die einst, wie jetzt im Weltkriege nufere tapferen Truppen, eine hochgelegene Festung erstürmen, so in einem größeren geistigen Weltkriege die Höhen des Sinai eroberten und von dort für sich und die Menschheit die Tafeln der Zehn-Gebote hernnterholten, diese ' Bekenner des Judentumdurften ihre Andacht wie Verschworene oder Geächtete nur hier rückwärts, versteckt und ungesehen verrichten, „bis daß Er kam", der unvergeßliche Kaiser Franz Josef I. und in seiner Gerechtigkeit auch für die Bekenner des Judentums die Morgenröte der Freiheit und Gleichheit aufgehen ließ. Und an die Tugenden der Pflichttreue, der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, die den Kaiser schmückten, reiht sich als die größtß und schwerste seine Standhaftigkeit. Er hat die härtesten Prüfungen siegreich bestanden, sie vermochten seine Pflichttreue nicht zu erschüttern. Er blieb aufrecht, ein Dulder im Ertragen, ein Held im Ueberwinden bis an sein Lebensende und lvenn er einmal vor vielen, vielen Jahren zn einem längst verstorbenen Abgeordneten, aus dessen Munde ich es vernommen habe, die verzagte Aeußerung getan hat: „Ich habe kein Glück", so war dies gewiß die einzige Aeußerung von ihm, der es an voller innerer Berechtigung gebricht und die er jetzt nicht wiederholen würde. Denn ein Gluck, wie es selten in dieser Fülle und in diesem Reichtum einem Monarchen beschiedeu ist, dieses höchste, alle Trubuis verklärende Herrscherglück krönt sein Lebensende. An den Pforten der Seligkeit, in die er einzieht, stehen alle seine Völker voll Bewunderung und legen ihm alle seine Völker einmütig den Kranz unversiegbarer Liebe, Treue und Dankbarkeit zu Füßen. In Prediger Salomos heißt es: „Noch ehe die scheidende Sonne ganz unlergegangen, steigt die neue Sonne verheißungsvoll und heilverkündend am Firmament empor". Und indem wir die neue Sonne ehrerbietig grüßen, rufen wir der scheidenden Sonne nach: Das Andenken Kaiser Franz Josef I. wird in Ewigkeit gesegnet bleihen!" Zu gleicher Zeit wurden auch in sämtlichen Gemeinde- und Vereinstempeln Trauerfeiern abgehalten, bei welchen die Trauerfunktionen von den Rabbinern und Kantoren der. 'betreffenden Gotteshäuser versehen wurden. Die aufrichtige tiefe Trauer, welche die Jndenschaft über das Ableben» des bis an sein Lebensende innigst geliebten Kaisers Franz Josef I. empfindet, kam bei diesen Trauergottesdiensten in rührendster Wetse znm Ausdrucke. Trotzdem die Gottesdienste . zur selben Zeit in allen Wiener Synagogen abgehalteu wurden, konnten sie nicht alle fassen, welche einem Herzensbedürfnisse folgend. zn den Synagogen strömten, um auch ihrerseits durch die persönliche Teilnahme im Gotieshause ihrer aufrichtigen Trauer Ausdruck zu geben. Alle Synagogen trugen gleichen Trauerschmnck. Trauerknndgebung der Israelitisch-theologische» Lehranstalt. Anläßlich des Hinscheidens weiland Seiner Majestät Kaiser Franz Josef I. fand Sonntag den 26. November in den Anstaltsräumen der Lehranstalt eine Trauerknndgebung statt. Dieselbe wurde von dem Präsidenten des Kuratoriums Moritz Edlen von Kuffner eröffnet, welcher u. a. sagte: „In dem reichen Strahlenglanze seiner Regeutentngenden sind allgemeine Menschenliebe. Liede und Wertschätzung der Wissenschaften und tiefe, wahrhaste Religiosität hervorstechende Züge, jene wahre echte Religiosität, welche auch die religiösen Gefühle anderer Korporationen achtet; darum war auch eine Institution, wie die Errichtung unserer Lehranstalt, deren Aufgabe es ist, Männer heranznbilden, die die edlen Grundsätze unserer Religion in die Menschheit verpflanzen sollen, eine der schönsten Emanatlonen seiner vom allgemeinen Geiste der Menschenliebe erfüllten Seele. Seiner Initiative ist es zu danken, daß unsere Lehranstalt entstehen konnte und seiner vom erhabenen Geiste geleiteten Regierung ist es znziischreiben, daß unsere Lehranstalt die Stütze und Fördernngzgefnnden hat, die ihr gebührt." Sodann hielt Rektor Dr. Schwarz dte Gedenkrede, in welcher er u. a. bemerkte: Als König David starb und die Engel berieten, ob sie ihn an der Himmelspforte empfangen sollen, wies Gott sie an. auf die Erde hmabzusteigen und ans den Kränzen, welche die Menschen ihm aus seinen Tugenden winden, mit vereinten Kräften eine Rieseukrone zu flechten. Derselbe Vorgang wiederholt sich jetzt im Himmel um die unsterbliche Seele Kaiser Franz Josefs würdig zn begrüßen. Kaiser Franz Josef soll an der Himmelspsorte mit dem Wahlspruch seines eigenen Lebens begrüßt werden. Eine Aufgabe der indischen Gesamtorgauikatio«. Die Zusammenfassung der israelitischen Kultusgemeiuden zu einer staatlich anerkannten Gesamtorganisation, die von dem verstorbenen Ministerpräsidenten wohlwollend gefördert wurde, wird sicherlich auch bei der neuen Regierung nicht auf Hindernisse stoßen, und diese Annahme ist umso berechtigter, als ja in der Leitung deS Ministeriums für Kultus und Unterricht kein Wechsel eingetreten ist. Man kann allerdings noch Glicht Voraussagen, wie sich nach dem Friedensschlüsse die iunerpolitischen Verhältnisse in Oesterreich 'gestalten werden, aber ziemlich klar ist bereits, daß eine Schulreform in Sicht ist. Diese Tatsache müssen die jüdischen Staatsbürger ins Auge fassen und sich rechtzeitig über ihre Schul- und Bildungsbestrebungen einigen, damit sie nicht wieder, wie schon oft „die Uebersuhr versäumen". Bor allem muß die österreichische Jndenheil darüber selbst klar und einig werden, was. sie will und was sie durchführen kan n. Gegenwärtig sind" die allgemeineii Volksschulen und alle Mittel-, Fach- und Hochschulen Oesterreichs wohl auch der israelitischen Jugend zugänglich, doch sind Volksschule und Mittelschule insbesondere die erstere, des interkonfessionellen Charakters schon so ziemlich entkleidet. In den allgemeinen Volksschulen Oesterreichs z. B. wird überall, auch in solchen Schulen und Klassen, wo es eine jüdische Schülermajorität gibt, das katholische Schnlgebet gesprochen, die Lesebücher atmen speziell katholischen Geist und die Anstellllllg jüdischer Lehrkräfte stoßt in ganz Oesterreich sogar in Schulen mit jüdischer Schülermajorität ans große Hindernisse. Der seit 1883 malifizierte § 48 des Reichsvolksschulgesetzes, welcher bestimmt, die Konfession des Schulleiters habe der der Schülermajorität zu entsprechen, wodurch wohl

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