Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 30 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 30. gessen!" In seinem ersten Manifest an seine Völker, in dem er das verheißungsvolle Gelöbnis macht, alles tun zu wollen, „um die Schrecknisse und Opfer des Krieges in ehester Frist zu bannen, die schwervermißten Segnungen des Friedens meinen Völkern zurückzugewinneu. sobald es die Ehre unserer Waffen, die Lebensbedingnngen meiner Staaten und ihrer treuen Verbündeten und der Trotz unserer Feinde gestatten werden", gelobt er anch ein „gerechter liebevoller Fürst zu sein", der die „verfassungsmäßigen Freiheiten und sonstigen Gerechtsame aller Völker Hochhalten und die Rechtsgleichheit für alle sorgsam hüten" wolle. Die Anhänglichkeit und das innige Vertrauen seiner jüdischen Untertanen ist dem neuen Kaiser sicher. Möge es ihm beschieden sein „das sittliche und geistige Wohl" seiner Völker zu fördern. „Freiheit und Ordnung" in seinen Staaten zu beschirmen und „allen erwerbtätigen Gliedern der Gesellschaft die Früchte redlicher Arbeit zu sichern. Die Aufgabe, welche sich Oesterreichs neuer Kaiser in sturmbewegter Zeit stellt, ist groß und schwierig. Möge ihm die gütige Vorsehung dabei ihre allmächtige Hilfe gewähren! Trauerkuudgebuug der isr. Kultusgemeinde. Donnerstag, den 23. November, fand im Sitzungssaale der israelitischen Knltusgemeinde eine öffentliche Sitzung deS Kultusvorstandes statt, an welcher außer sämtlichen Vorstandsmitgliedern eine überaus große Anzahl von Gemeiudemitgliederu teiluahmen. Präsident Dr. Alfred Stern hielt die folgende Trauerrede: „Wir versammeln uns heute zu einer Totenklage, zu zu einer Klage unserer Gemeinde, so tief, erschütternd, herzergreifend. alle Mitglieder unserer Gemeinde, darüber hinaus unsere -gesamte österreichische Judenschaft umfassend, wie sie in diesen Räumen kaum jemals gehört wurde. Unser geliebter Kaiser Franz Josef I., besten kaiserlichem Worte unmittelbar nach seinem Regierungsantritte vor 68 Jahren wir die rechtliche Anerkennung dieser unserer Gemeinde zu danken haben, ist nicht mehr! Gott hat ihn zu sich berufen und wie nach alter Sage die guten Taten des Menschen es sind, welche vor Gottes Richterstuhl ihm zur Seite stehen, so mögen heute himmelwärts die Worte des Dankes gerichtet sein für all das Gute und Edle, das er in seinem Leben,' in seiner an Erschütterungen so vielfach bewegten langen Regierungszeit gewollt und gewirkt, insbesondere für all das Gute, das er an uns, den Juden in Österreich, getan hat. Vor mir liegt ein Buch, erschienen im Jahre 1846 „Die Geschichte der Inden in Österreich", schildernd völlig wahrheitsgetreu, aber noch lange nicht erschöpfend, die bösen Verhältnisse, unter denen unsere Vorfahren in Österreich, hier in Wien lebten. Doch was bedarf ich eines Buches? Als Zeitgenoffe, als lebender Augenzeuge trage ich in mir die Erinnerung au all das, was das bestandene Jndenamt in sich verkörperte. In meinem Besitze befindet sich einalles Familiautenzeugnis meines seligen Großvaters und schon in dem Begriffe des numerus clausus, der nach bestimmter und dabei weitaus unzureichender Anzahl der Ehebefähignng uuserer Vorfahren, wie sie bis znm Jahre 1848 und unter anderen Formen auch noch darüber hinaus bestand, erkennen wir für uns heute kaum faßbare Zustände, hören wir heraus den Jammer der Tausende und Tausende, denen eine vor dem Gesetze anerkannte Ehe zu schließen nicht gestattet war, der Tausende und Tausende, die eheliche Verbindungen schloffen, geheiligt vor Gott, aber nicht anerkannt vom Staate, eheliche Verbindungen, ans denen Familieit entsprangen, denen aber vor dem Gesetze und dem Staate die Anerkennung der Familie und ihrer Angehörigkeit versagt war. Soll ich schildern die Beschränkungen in jeglicher Berufs- und Erwerbstätigkeit, die Beschränkungen in dem Wohn- und Aufenthaltsrecht, in jeglicher freien Lebensbetätigung. Wir brauchen nur in Nachbarstaaten, nach Norden und Osten hinüber zn blicken, in jene Staaten mrserer Feinde, die uns „Befreiung von der Barbarei" bringen wollen und wir haben vor uns das Bild, allerdings in »loch viel düsterer, schwärzerer Farbe, der damals in Österreich vorhandenen Zustände unseres Glanbensbrüder. Dieses Joch von uns genommen zn haben, uns ans der Bedn'lcknng zur Freiheit, ans der Finsternis znm Lichte geführt, aus dem Paria zu freien, gleichberechtigten Bürgern unseres Vaterlandes erhoben zn haben, das herrliche Wort der Gleichberechtigung gesprochen und dieses Wort auch in die Tat umgesetzt zu. haben, dafür gebührt dem Kaiser Franz - Josef I. unser heißester Dank. Und dieses heiße Dankeswort der Millionen seiner jüdischen Untertanen mögen ihm deute zur Seite stehen vor dem Throne des Allmächtigen. Unvergeßlich ist in ntn'ere Herzen eingegraben der Empfang der Huldigungsdeputation der Judenschaft Oesterreichs anläßlich des 60jährigen Negiernltgsjübilänms, unvergeßlich sind in unsere Herzen eingegraben die herrlichen Worte, welche der Kaiser an uns, die Repräsentanten der sämtlichen jüdischen Knltusgemeindeu Oestereichs richtete: „Die israelitische Bevölkerung", so sprach der Monarch und Güte und Wohlwollen beseelte sein Angesicht, als er diese Worte sprach, „die israelitische Bevölkerung hat immer eine staats- und gesetzestreue Gesinnung, Ergebenheit für Mein Hans und Arlhänglichkeit au Meine Person bekundet. Ich schätze anch ihren Familiensinn und ihre Freude am Wohltun. Seien sie versichert, daß Ihre Glückwünsche meinem Herzen wohlgetan haben nnd daß Sie und Ihre Glanbensgenosseu Meines kaiserlichen Schutzes gewiß feilt können." Und so schließe ich nun. Noch in den letzten Stlmden seines Lebens hatten wir in unseren Gotteshäusern heiße Gebete für seine Erhaltung gerichtet, doch seine Stunde war gekommen, aber sein Andenken als ein gesegnetes lebt fort in unserer Gemeinde, in allen jüdischen Gemeinden Oesterreichs,' in den Herzen unserer Glaubensbrüder für alle Zeiten!" Trauergottesdienste in den Wiener Synogogen. Sonntag nachmittags veranstaltete der Kultusvorstand in sämtlichen Gemeindetempeln Tranergottesdienste. Im Tempel in der Innern Stadt hielt Oberrabbiner Doktor G ü d e m a n n folgende Tranerpredigt: „Die schwarze Verkleidung dieser heiligen Stätte unö der düstere Gesang, der eben verklungen ist. geben der tiefen Trauer Ausdruck, in der alle Völker der Monarchie und wir mit ihnen den Tod des Kaisers Franz Josef I. beklagen. Es ist keine befohlene, keine bloß äußerliche Höflichkeitstrauer, sondern die echte und wahre, aus tiefstem Herzen kommende, die in den Palästen, wie in den entlegensten, armseligsten Hütten, alle Gemüter ergriffen hat. Denn Kaiser Franz Josef hat Allen gelebt und ist Allen gestorben. In unserem weiten Vaterlande gibt es keinen, der dieses Meisterwerk eines Menschenlebens, diese großartige Schöpfung eines Herrscherdaseins nicht bewundert hätte und ihren Untergang nicht wie einen persönlichen Verlust beklagen würde. Mir war es seit einem halben Jahrhundert als einem stillen Zuschauer vergönnt, den Verlauf dieses Lebens, wie es sich nicht ein zweites Mal auf einem Throne entfaltet hat, ans der Ferne zn verfolgen, nnd wenn ich jetzt die während dieser langen Zeit gewonnenen Eindrücke etwa als Zeuge vor dem Richterstnhle der Geschichte wiedergeben sollte, so könnte ich nur folgendes aussagen: Ich habe nie^iuen Widerspruch, nie eine Zwiespältigkeit un Leben des dahingeschiedenen Kaisers wahrgenommen. Er war immer derselbe und war es ganz, fest und unverrückt stand nnd bestand er auf den edelsten Vorsätzen, sein Auge unverwandt auf das StaatSwohl, auf das Heil seiner Völker gerichtet. Kaiser Franz Josef war einer von den -iw „Stillen im Lande", von denen die Bibel rühmend spricht, ja, auf seiner einsamen Höhe war er vielleicht der Stillste, aber trotz seiner gemessenen Haltung spürte ein jeder, anch der Entfernteste, wie das Herz des Kaisers, warm, liebevoll und rssbiM