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Die Wahrheit · 1916-12-01 · Heft 30 (1.12.1916) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 30 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion »nd Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. Administration Ant. 47.654 5t. f. öfterr. Postsparkaffa- Sehrck-Konto Nr. 100.918. JnJ'rraU*: Die viermal gespaltene Nonvareille-Zeile 2L Heller. Abonnementsnnb JnsertionSbetröge und in Wien zahlbar und klagbar. Auavhängige §ertfchnft für jüöifche , Klrterejfe«. Erscheint jeden Areit»l;;. Motto: „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: L-anzjShrig.K 15.— Halbiährig.K 7.80. Für Kn ltuS beamte: Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjährig.S Mark ü Rudel oder ltt Fre». Kr. 30. Wien, I. Dezember Inhalt: Kaiser Franz Josef I. — Eine Aufgabe der jüdischen Gesamtorganisation. — Zur Reorganisation des Jugendgottesdienstes für Bolks- und Bürgerschulen in Wien. — Die Russenherrschaft in Czernowitz. — Israelitischer Wöchnerinnenverband. — Aufruf. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Kaiser Franz Josef I. Kaiser Franz Josef I. ist nunmehr zur ewigen Ruhe in die Gruft seiner Ahnen eingezogen und mit aufrichtiger Trauer beklagen die Inden Oesterreich» und Ungarns vereint mit den übrigen Staatsbürgern den Heimgang des geliebten Herrscher-, der ihnen während seiner ganzen RegiernngSzeit ein wohlwollender Gönner anf hohem Throne gewesen ist. In fieberheißer Zeit, im Jahre 1848, betrat Kaiser Franz Josef I. nach der Abdankung seines Oheims, Kaiser Ferdinand des Gütigen, den österreichischen Thron, um das gewaltige Reich 68 Jahre unter wechselvollen Schicksalen zu regieren und mittenin den größten KriegSstürmeu, die je die Welt erschütterten, scheidet er aus dem Leben. Der Kampf der stolzen Gewalten, welche ihr« gewohnte Herrschaft zu verteidigen suchten, mit den aufstrebenden jungen - Volkskräften war gigantisch und das Regieren war daher besonders in Oesterreich, dem Reiche, wo die verschiedensten Nationen, Konfessionen und Volksklassen ihre gemeinsame Heimat besitzen, keine einfache Sache. Gar oft sah sich dieser Friedensfürst daher genötigt, gegen seine persönlichen Anschauungen zu entscheiden, um die Ruhe des Reiches zu sichern und weil die maßgebenden Kräfte im Laufe der Zeit mannigfach einander ablösten, darum finden wir in der langen RegiernngSzeit Kaiser Franz Joses I. die entgegengesetztesten Prinzipien, Regierungssysteme und Regieruugsmethoden vertreten. So wechselten absolute Regierung und Koustitutionalismus, Adels- und Bürgerherrschaft und auch die Stellung zu den europäischen Großmächten und Zwergreichen blieb nicht immer die gleiche. Solcher Stetigkeit erfreuten sich übrigens auch die anderen europäischen Reiche nicht und in Frankreich wechselten während der Regierungszeit dieses Kaiserpatriarcheu Monarchie mit Republick und die entschiedenste Bekämpfung des Moskowitismus mit der engen Allianz mit Rußland. Charakteristisch sind aber für den Gerechtigkeitssinn und die humane Gesinnung des verewigten Monarchen zwei Tatsachen: Die Befreiung der Bauernschaft auden Fesseln der Robot und der grundherrlichen Gerichtsbarkeit und die Erlösung der jüdischen Staatsbürger von den Fesseln der früher bestandenen barbarischen Judeugeietzgebllilg, -obgleich es zweifellos mächtige Ratgeber gab. welche deren Rückkehr anstrebten. Die jüdischen Staatsbürger in Oesterreich und in Ungarn fanden linter der langen Regierungszeit Franz Josefs I. Gelegenheit, ihre Kräfte zum Wohle de- Staat-» ganzen gu betätigen und die tüchtigsten unter ihnen gelangten zu wirtschaftlicher Wohlhabenheit oder zu geistiger Bedeutung. Kaiser Franz Joses I. erfreute sich allzeit der besonderen Liebe und Anhänglichkeit seiner Völker, aber die Liebe und Treue seiner jüdischen Untertanen leuchtet allezeit ganz besonders hervor, und sogar in anderen Reichen erkannten die Inden in Kaiser Franz Josef I. einen freundlichen und edlen Beschützer der Juden, dem dieselben zu ewigen Dank verpflichtet sind. Schwere Schicksalsschläge haben den Monarchen im Laufe seiner langen Regierrrngszeit getroffen, die seine seelische Ruhe oft ganz gewaltig gestört haben mögen, aber keinen Moment dachte er daran, seine schwere Bürde abznwerfen. Er war in Wahrheit ein Kaiser von Gotte- Gnaden uud mit minutiöser Gewissenhaftigkeit erfülte er bis an sein Lebensende seine Herrscherpslichten. - Die Judenschast Österreich-Ungarns wird dieses edlen Fürsten immer in Liebe und Ehrfurcht gedenken, welcher mit gerechtem Sinne trotz mancher Verdächtigungen der Judenfeinde deren Treue oft öffentlich anerkannte, und sie zählt ihn zu den Gerechten und Frommen, welchen nach den religiösen Lehren der Juden der Anteil am künftigen Leben sicher ist. Mit felsenfestem Vertrauen und ruhiger Erwartung blickenaber auch die Juden der Regierung seines Nachfolgers Kaiser Karl I. entgegen, welcher bereits als Thronfolger die denkwürdigen Worte gesprochen hat: „Die jüdische Bevölkerung ist sehr'patriotisch." „Wir werden ihr danie ver»

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