Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 29 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Ar. 29 . voller Klarheit hervortreten, wenn die gesellschaftlich-staatliche ZUickwirknng des Geldumlaufes innerhalb der Ackerbanver-- hältnifse auf der weilen Fläche auseiuandergelegt haben. Au dieser Stelle genüge zum Schluß die Bemerkung, daß, falls nicht wahrend des Zusammenbruches der römischen Herrschaft die jüdischen', im Welthandel beschäftigten K.a u f l e u t e, die Verbindungsglieder zwischen Asien und Europa gebildet und somit die Träger des beweglichen Eigentums den erst e n sozialen G ä h r n n g s st o f f in das a g r ik o l e D a s e i n von Mitteleuropa gebracht h ä t t e n, d a s % I 6 ft das Bürgertu m m l t s e i n e n Städten und der aus i h m sich l o s r i u g e n d e » Staatsentwickl u.n g schwerlich so früh auf dem Schauplatze erschienen wäre. Den auf ihren Gehöften hinlebenden Adeligen und Bauern konnte es nicht einfallen, mit den ihnen völlig unbekannten asiatischen Handelsplätzen Geschäftsbeziehungeu anzuknüpsen. Der neue biuneneuropäische Völkerhaushalt bedurfte demnach einer ökonomisch-sozialen Beimischung, welche ihn mit der Außenwelt in Berührung setzt. Das ist am Ausgange des Altertums und am Anfänge des Mittelalters die Aufgabe der heimatlosen, ewig beweglichen Juden, von denen Augustin erwähnt, daß sie oft als junge Männer ihre jungen Frauen verließen und als Greise zu den Greisinnen znrückkehrten. „Die Weltgeschichte umfaßt manche geheimnisvoll waltende Kräfte!" Endlich in Beziehung auf das späte Mittelalter. „Verloren aber auch die Israeliten, die Schüler der alten Phönizier, den Weltwarenhandel an das Bürgertum Europas, das sie doch erst hervorgerufen hatten, so war damit ihre handelsgeschichtliche Mission noch keineswegs beendet. Wie in der körperlichen Welt die Natur bei ihren Schöpfungen in jeder Hinsicht sparsam und haushälterisch zu Werke geht, wie sie fast immer die Stoffe ahsterbender Gebilde zu neuen Organisationen, still schaffend zu benützen weiß; so scheint sie auch in der Menschheitsgeschichte keinen einmal ausgespounenen und verwebten Faden je ganz verloren geben, sondern stets aufs neue, obschon in geänderter Weise benützen ^n wollen — ein geheimnisvolles, gesellschaftliches Walten, das bisher die Aufmerksamkeit der Historiker diel zu wenig auf sich gezogen hat. Ans den Gewerkschaften, Gewerben der Städte teilweise verdrängt, geht der Jude aufs Land hinaus und bildet wiederum für die von den Handel noch unberührten Gegenden das Stiften der Kapilarkanäle, welches den in den Hauptadern pulsenden Strom des Güterlebeus in die entlegensten Teile des Organismus fuhrt. Als Hamster des ökonomischen Betriebes sammelt er die nebenbei in den Staub getreieneil Frnchtkörner der allgemeinen Ernte auf, um mit dem so gewonnenen Kapitale, ein Vorläufer der nachfolgenden größeren Geschäftsverbindungen, den Hirten und den Bauern in das über den ganzen Erdball verbreitete Netz des Austausches von Rohprodukt und Fabrikat hineinzuziehen. Das Auge auf den gesammelten, in allen feinen einzelnen Teilen iyeinander greifenden Bau der europäischen Gesellschaft gerichtet, mnß man sich eingesteheu, daß der Jude am Anfang-des Mittelalters eine wirtschaftliche Notwendigkeit war und in den reinen Ackerbauländern auch gegenwärtig noch nicht entbehrt werden kann. (Fortsetzung folgt.) Spanien in Oesterreich-Ungar«. Lou Flora Albachary. Oesterreich-Ungarn gleicht einem Heringssalat in der Mannigfaltigkeit. Diesen originellen Begleich stellte ein schwedischer Lehrer in einer Stockholmer Schicke auf, als er einen Bortrag über Oesterreich-Ungarn und feine Nationalitäten hielt — und wahrlich, es existiert auf der weiten, runden Erde kein interessanteres Land als unser liebes Oesterreich-Ungarn, das von der weisen Vorsehung in vielen Beziehungen reich ausgestattet ist. Will man ein Bild der Mannigfaltigkeit der Nationen gewinnen, so braucht man bloß auf einen der großen Jahrmärkte zu gehen und es entrollt sich dem Auge ein fesselndes Bild: da sieht man die verschiedenen Personen, jedein ihrer eigenen Tracht angetan, oft mit ihrem ganzen Vermögen einherstolzieren und in den verschiedenen Sprachen handeln und feilschen; fast möchte man meinen, daß all die Menschen, die beim Aufbau des babylonischen Turmes tätig waren, sich in unserem Lande nun ansässig machten. Wohlbekannt sind die Völkerschaften Oesterreich- Ungarns: Deutsche (Nieder- und Oberösterreicher, Tiroler, Salzburger, Steirer, Kärntner, Siebenbürger, Sachsen und Schlesier), Ungarn,'Böhmen, Kroaten, Serben, Slovenen, Rumänen, Polen, Rnthenen, Italiener, Dalmatiner usw. Weniger bekannt jedoch die Türken, Spaniolen und Franzosen. Es ist interessallt, daß die Franzosen nur dem Namen nach ihre Abkunft verraten: sie gaben ihre Sprache total vergessen, selbst die ältesten erinnern sich nnr, daß ihre Väter französisch gebetet haben, und doch sind es erst 140 Jahre, daß sie Lothringen, ihre Heimat, wo damals großes Elend herrschte, verließen, um in Ungarn ihr Heim anfzuschlagen. Die Türken wurden damals verdrängt, ließen aber das Temesvarer Banat als Wüste zurück. Um es zu bevölkern, ließ die österreichische Regierung in Württemberg, Elsaß und Lothringen Kolonisten anwerben, die sie unterstützte. Diese gründeten die Dörfer Saint-Hnbert, Senl Tours und Charleville und schon nach einigen Jahren war der Boden wieder fruchtbar, aber ans dem Franzosen ward ein Deutscher, d. h. ein Schwabe. Ebenso wissen wenige, daß spanische Juden in Oesterreich-Ungarn leben; dieselben wohnen schon seit Jahrhunderten hier, was die Grabsteine auf ihren Friedhöfen deutlich beweisen, aber sie haben im Gegensätze zu den Franzosen dte Sprache ihrer Väter bewahrt und damit Zeugnis abgelegt für ihre Individualität und ihr Selbstbewußtsein. Ihre Urahnen stammen von der Pyreuäischen Halbinsel. Ein Teil zerstreute sich unmittelbar nach den Verfolgungen in Spanien nach Südfrankreich und, Italien, ein anderer Teil zog nach den Niederlanden und später nach England, ein Teil wieder übersiedelte sogar nach Palästina, wo sie den Kern der Inden bildeten. In den heiligen Städten errichteten sie Gemeinden und da sie Vermögen besaßen, für sich selbst jedoch sebr wenig benötigten, so verwendeten sie den Ueberflnß auf milde Stiftungen, namentlich für studierende Gelehrte, die sich mit Talmud und auch mit Kaballa beschäfttgten. Die Zahl der Pilger wuchs beständig in dem Maße, daß die Kräfte immer mehr versagten, znmal es au Erwerbsquellen fehlte, so daß die Gemeinden endlich zu Anleihen Zuflucht nehmen mußten, deren Zinsen das Uebel bis zur Unheilbarkeit vergrößerten. Diejenigen spanischen Juden, welche nach der Türkei zogen, wurden dort gastsreundlich anfgenommen; so kamen sie auch nach Griechenland. Bulgarien, Serbien, Rumänien, Ungarn und Oesterreich; doch sind sie auch in Deutschland anzntreffen, ja selbst im hohen Norden. In den Balkanstaaten leben sie heute noch sehr zahlreich und stehen in hohem Ansehen. In Oesterreich-Ungarn erscheinen sie am zahlreichsten in Bosnien, besonders in der Hauptstadt Sarajevo. In Wien, wo sie Türken genannt werden, bilden sie auch eine ansehnliche Gemeinde und besitzen einen prächtigen Tempel, der zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört. Die Bewilligung zur Erbauung eines Tempels erhielten sie schon von Kaiserin Maria Theresia, unter deren Schutz sie standen, was doch für damalige Zeiten eine besondere Gnade war. Man wird es jedoch erklärlich finden, wenn man folgende Geschichte hört. Lopes Perera d'Aquilar war der erste spanische Jude in Wien. Er war Inquisitor in Spanien, als Kaiserin Maria Theresia noch als Erzherzogin mit ihrem Vater dort zu Besuch weilte. Sie gab ihm damals ein