Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 29 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 29. In der Mitte der Bank stehend und das Angesicht den Kindern zugewendet, hätte jeder der Herren Lehrer von seinem Platze ans zunächst die in den nächsten fünf Bankreihen vor ihm sitzenden Kinder, deren Zahl der einer durchschnittlichen Unterrichtsklasfe entsprechen dürfte, genau so wie in der Schule vom Katheder zu überwachen. Der Lehrer hätte es aber auch nicht zu verabsäumen, auch die folgenden Bankreihen mit seinem Blicke zu streifen und dadurch würde nicht nur jedes Kind bis in die letzte Bankreihe tatsächlich von sämtlicheLl im Gotteshause anwesenden Lehrpersonen mehr oder weniger beobachtet werden, sondern was noch mehr, in jedem einzelnen Kinde würde das Gefühl erzeugt, daß es von sämtlichen im Gotteshause anwesenden Lehrern beobachtet wird, ein Moment, welcher gewiß nicht verfehlen würde, die Geschwätzigkeit und den Uebermnt niederznhalten. Wir legen Wert darauf, daß, gleichwie die Funktionäre, auch jeder Religionslehrer, der unter den Kindern steht, einen Tallis anlege, eine Aeußerlichkeit zwar, die wir jedoch in Ansehung des Zweckes, das feierliche Bild des Gottesdienstes zu heben, nicht unterschätzen dürfen. Wir gehen nun auf die Beantwortung der Frage über, wie es einzurichten wäre, damit unsere Kinder beim Jngendgottesdienste mitbeten. Vorerst sei jedoch die Frage beantwortet, woran es denn eigentlich liege, daß sie nicht mitbeten. Unsere Kinder beten nicht mit, weil sie eben nicht beten können. Was unsere Kinder, wenn es gut geht, können, ist langsam, korrekt hebräisch lesen. Hebräisch lesen und zusammenhängend hebräisch beten, sind jedoch zweierlei Dinge, die nicht verwechselt werden dürfen. Das erftere ist Sache der Theorie, das letztere kann nur die Uebung vermitteln. Ueber ein langsames, korrektes Hebräischlesen, das bei unserem wöchentlich nur zweistündigen Religionsunterricht, wovon ungefähr die Hälfte auf biblische Geschichte entfällt, unter halbwegs günstigen Umständen in der Schule eben noch zu erzielen ist, kommen unsere Kinder nicht hinaus. Zur Fertigkeit im Hebräischleseu bringen sie es nicht. Einzelne seltene Fälle sind selbstverständlich ausgenommen. An dieser Tatsache ist ebenso wenig zu zweifeln, wie sie leider vor der Hand nicht zu ändern ist. Nichts wäre indessen verfehlter, als daraus den Schluß ziehen zu wollen, daß der Unterricht im Hebräischen ganz zwecklos sei. Er ist ebensowenig zwecklos, wie alle anderen elementaren Kenntnisse, mit welchen die Volksschule die Kinder versorgt, wiewohl sie damit vorerst nur die Grundlage zur weiteren Ausbildung für die Praxis im Leben schafft. Wir haben einmal die Pflicht, allen unseren Kindern zumindest die elementarsten Kenntnisse des Hebräischen beizubringen, ohne Rücksicht darauf, ob sie später von diesen Kenntnissen als Grundlage zur Erreichung des im Interesse des Judentums gelegenen Ziele Gebrauch macheu wolle» oder nicht. (Fortsetzung folgt.) Die Inden als eifrige Förderer des Welthandels. Eine aktuelle Betrachtung. Bon Dr. M. H. Friedländer. Es ist ein alter Erfahrungsgrundsatz, daß selbst der Herrscher eitles großen Weltreiches nur dann allen gegen ihn heranbrausenden Stürmen zu trotzen und aus dem ihm aufgezwungeuen Kampfe siegreich hervorzugehen vermag, so die Bewohner seines sich einerseits durch Opferwilligkeit, Heldenmut und glühende Vaterlandsliebe anszeichnen, und anderseits durch eifrige Förderung des Handels und Gewerbes sich des blühenden Wohlstandes erfreuen; denn ein Volk, dain der Lage ist dem Herrscher, respektive dem Staate für Kriegszwecke Millionen, ja sogar Milliarden zur Verfügung zu stellen, hat keine Ursache zu furchten, daß es durch Einkreisung niedergedrückt oder durch Aushungerung vernichtet werden könnte. Nun ist es eine historisch begründete, Tatsache, daß die Inden zu allen Zeiten, besonders seit der Zerstörung des zweiten Tempels, jedem Staate, in dem sie Aufnahme gefunden, mit allen Fasern ihres Lebens treu anhänglich waren, mit Gut und Blut für dasselbe auf dem Felde der Ehre wacker kämpften, denn nach der Lehre des Judentums ist die Vaterlandsliebe nicht blos eine bürgerliche, sondern vorzugsweise eine religiöse Pflicht. „Fürchte Gott, mein Sohn, und den König, und geselle dich nicht zu den Aufwieglern," rust der gekrönte Weise aus. Als Nebnkadnezar mit Gewalt zehntausend Israeliten als Geißeln nach Babylon geführt hatte, richtete der Prophet Jeremias ein Schreiben an die Exulanten, in welchem er sie im Namen Gottes ansforderte: „So hat gesprochen der Herr Zebaot, der Gott Israels zu allen Exulanten, die ich habe von Jerusalem wegführen lassen nach Babel: Bauet Hänier und richtet es euch bequem ein. pflanzet Gärten und genießet die Früchte. Nehmer Weiber und zeuget Söhne und Töchter, nnd nehmet eueren Söhnen Weiber, nnd eueren Töchtern Männer, daß sie Söhne nnd Töchter gebären nnd mehret euch dort und mindert euch nicht. Fördert das Heil nnd Wohl des Staates, wohin ich euch geführt und flehet für ihn zum Ewigen, denn in seinem Heile wird euch Heil sein." Und ein Ausspruch unserer Weisen lautet: „Betel für das Wohl der weltlichen Regierung (König und Obrigkeit), denn so nicht die Furcht vor ihr wäre, würde ein Mensch den andern lebend verschlingen." Ferner: „Die Herrschaft und Gewalt der Fürstelk ans Erden ist ein Abglanz der Herrschaft Gottes im Himmel." Tatsächlich haben die Juden diese nnd zahlreiche ähnliche auf die Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit Bezug habende Vorschriften und Satzungen stets befolgt und beherzigt. Es dürste wohl wenig Staaten — in denen Inden gewohnt — gegeben haben, die nicht ihren blühenden Wohlstand, wie den mächtigen Aufschwung des Handels nnd der Industrie, zumeist der Emsigkeit und Tätigkeit der Juden zu verdanken gehabt hätten. Zur Bekräftigung nnd Begründung dieser Behauptung gestatte ich mir auf diesbezügliche Aeußernng zweier hervorragender nichtjüdischer Gelehrter hinzuweisen: W. Kisselbach äußert sich hierüber in seinem Werke: „Der Gang des Welthandels nnd die Entwicklung des europäischen Völker le'oens im Mittelalter" (Stuttgart 1860) in folgender Weise: Lange vor Christi Geburt gab es bereits in den verschiedenen Städten des Abendlmd Morgenlandes kaufmännische Gilden der Israeliten. Von Aegypten aus halten sie, sozusagen, mjt der einen Hand in Afrika, Arabien, Persien. Indien und China die Spezereien, Baumwoll- und Seidenstoffe. Die vielbesprochene, dem Arrhian zngeschriebene Periplous auf dem erythräischen Meere, der alle Häfen nnd ihre Ausfuhrgegenstände von Raptä an der afrikanischen Küste bis nach Tyudris im Osten Borderasiens genau kennt, dürfte etwa einen alexandrinischen Juden zum Berfaffer haben, welcher jeder anderweitigen griechischen Bildung bar, jene Gegenden, die er als Kaufmann in der zweiten Hälfte des erstell Jahrhunderts n. Chr. gesehen, nun auch unter ausschließlich kaufmännischen Geschichtspuuken betrachtet. Und die Finger ihrer andern Hand faßten über eine Reihe von Niederlassungen auf Candia und den Inseln des ägäischen Meeres in die Donauländer, nach Italien, Frankreich und Spanien hinein." Ferner: „Wie die europäische Welt eine Menge aus Asien herübergeholter Fäden in ihre Kultur verwebt hat. welche noch in der Gegenwart eigentümliche Gebilde Hervorrufen, so ist unserem Erdteil in den Juden auch ein ökonomischsoziales Element mit unverändertem Inhalte und unveränderter Form aus dem asiatischen Dasein zuteil geworden. Die große Wichtigkeit desselben für das neubeginnende Wirtschaftsleben des Mittelalters wird indeffen erst dann mir