Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 28 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Tie Wahrheit Nr- 38. U- |a « S:i . >?€ il « .« Staatsbürger und wie oben erwähnter Gerichtsfall zeigt, auch christliche nichtkatholischen Staatsbürger zuweilen berührt. Nachtrag: Nachdem dieser Artikel bereits fertiggestellt war, brachten Wiener Blätter am 24. v. M. folgendes Kommuniqnen seitens der Militärbehörde: „Nachbezeichnete Feiertage sind nach Dienstzulässigkeit freizugeben, u. zw.: Für römische Katholiken, dann evangelische Christen aller Bekenntnisse, Unitaiier und Altkalholiken der Nachmittag des 24. Dezember, daun der 25. und 26. Dezember 1916 und der 6. Jänner 1917 neuen Stiles. — Für griechische Katholiken, dann für die Bekenntnisse der griechisch-orirntalische (orthodoxen) Kirche der Nachmittag des 6. Jänner, dann der 7., 8. und 19 Jänner 1917 neuen Stiles. — Für die Israeliten der 28. nnd 29. September 1916, dann der Nachmittag deS 6. Oktober und der 7. Oktober 1916 neuen Stiles. — Für die Jslämiten der 8., 9., x10. nnd 11. Oktober 1916 und der 6. Jänner 1917 neuen Stiles. — Gilt auch für die Kriegsgefangenenlager nnd die Arbeitsstellen außerhalb der Lagers Daraus ist zu entnehmen, daß die österreichische Heeresleitung sich veranlaßt sah, diesen Erlaß bezüglich der Einhaltung der Feiertagsruhe nicht nur bezüglich"der dienenden Mannschaft, sondern auch der Kriegsgefangenen und der Arbeitsstellen außerhalb der Lager kundzumachen. Durch diese Kundmachung ist das besprochene Tema noch im höheren Grade aktuell geworden und verdient sicherlich allgemeine Beachtung. Dr. M. Epstein-Brünn. Der erste Iahrzeilslag nach Dr. Gustav Kohr» f. A. Am 27. Oktober ist ein Jahr verflossen, seitdem der Erste Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, Landesschulrat Dr. Gustav K o h n seine gütigen Augen für immer geschlossen hat. Die Zeit vermag wohl, die damals in den weitesten Kreisen aufrichiig und tief empfundene Trauer über den Heimgang dieses wahrhaft edlen und volkstümlichen ManneS zu lindern, aber wie die Liebe, Verehrung und Dankbarkeit für ihn bei allen jenen, die ihm im Leben jemals nahegetreten sind, niemals verlöschen wird, so wird auch das Andenken an sein vielseitiges, segensreiches Wirken unvergeßlich bleiben. AuS Anlaß der ersten Wiederkehr des Todestages veranstaltete der Knltnsvorstand am 28. Oktober 1916, 6 Uhr abends im Tempel der Inneren Stadt eine Trauerandacht, au welcher sämtliche Familienmitglieder des Verstorbenen, der gesamte Vorstand der Knltusgemeinde, des Bethauses, der Chewra Kadischa, zahlreicher Vereine nnd Körperschaften teilgenommen haben. Die Beamten der Kultusgemeinde waren unter Führung des Ersten Sekretärs kais. Rates Dr. Theodor Lieben und Sekretärs Dr. Emil Adler erschienen. Ferner waren die Gemeinde- und Vereinsrabbiner, die Kantoren und Reltgionslehrer und eine große Zahl der Freunde und Verehrer deS Verstorbenen anwesend. Die Traueraudacht wurde stimmungsvoll eingeleitet mit der Aufführung des von Salomon S u l z e r komponierten Requiems (Pf. 49) durch Oberkantor Don Fuchs unter Mitwirkung des vom Chordirektor Prof. Josef S u l z e r und Chordirigenten Zellnik geleiteten verstärkten Chores. Die Aufführung war eine glänzende und unter dem erhebenden Eindruck derselben bestieg Rabbiner Dr. Julius Max Bach die Kanzel und hielt folgende Trauerrede: Wir haben uns heute als an dem ersten Jahrzeittage unseres unvergeßlichen Dr. Gustav Kohn hier im Gottes- Hause versammelt, um das Lebensbild dieses hochverdienten Mannes uns wiedererstehn zu lassen und seiner wehmütig zu gedenken. Wie ein Füst in Israel ist er vor nunmehr Jahresfrist zu Grabe getragen worden. Und das mit vollem Recht. Können wir uns doch seinen Lebensinhalt am besten vergegenwärtigen, wenn wir au die Worte denken, die nach dem diesmaligen Wochenäbschnitte vön Gott an unseren Stammväter Abraham gerichtet werden. Diesem werden für seinen Lebenskampf, um in der Sprache des Tages zu sprechen, d r e i K r i e g s z i e l e vorgezeichnet: Weescko legauj godaul, ich werde Dich zu einem großen Volke machen, waagädlo sekemecko, ich werde Deinen Namen grüß machen, wekeje berocko, und Dn sollst ein Segen sein. Die meisten Menschen haben in ihrem Lebenskämpfe nur die ersten zwei Kriegsziele vor Augen; sie kämpfen, um einen großen Namen zn erlangen, sie kämpfen, ltjii eine große Stellung zu erringen. Das dritte Krieqsziel aber, das darauf hinweist, im Leben der Menschheit Opfer zn bringen und ihr so zum Segen zu werden, für die Menschheit und in der Menschheit zu leben, dieses dritte Kriegsziel wird vernachlässigt. Dr. Gustav Kohn war ein würdiger Sohn Abrahams; für ihn war die Weisung, Zeit seines Lebens und Wirkens ein Segen zu werden nnd zu bleiben, das höchste Prinzip. Nur wer s o denkt, kann so unermüdlich tätig sein; nur wer für alle arbeitet, kann sich in so Vielseitiges hineinarbeiten. Die Wände dieses Hauses könnest es erzählen, welche Arbeitskraft er verkörperte nnd welche Spannkraft den schow über die Schwelle des Greisenalters Geschrittenen beseelte; welchen Ueberblick er über das Ganze hatte, wie er mit jeder Einzelheit vertraut gewesen und welches Interesse er der Angelegenheit jedes Einzelnen enlgegengebracht. Dieser Lebensweg ward ihm Lebensfreude: auf dem Gebiete des Gottesdienstes, auf dem mit so ungewöhnlicher Hingabe beobachteten Gebiete des Religionsunterrichtes, in seiner würdigen Vertretung bei den Zentralbehörden.. Ohne Mittelpunkt sein zu wolle n, ward er so neben dem ersten Leiter unserer Großgemeinde, den Gott lange erhalte, die feste Stütze, um die so vieles sich drehte. Und wie viele Vereine und Körperschaften sich auch um seine Mitarbeit oder gar Führung bewarben, überall erhörte er, überall erfüllte er übernommene Pflicht mit Pnhe und doch voll Eifer, voll Feuer und doch voll Ueberlegnng. "Wejodato im lewowecho. Mit dem Herzen erkannte er, was ihm Pflicht schien. Das ist es wohl, was den meisten, die mit ihm zn tun hatten, am tiefsten sich eingeprägt hat: dieses goldene Herz. Nicht bloß die Liebenswürdigkeit, die andern das Herz öffnete nnd jederzeit ein offenes Wort erlaubte, sondern besonders die gegen solche, die, von des Lebens Not bedrängt, sich an ihn herandrängten. ^sobrs ma8ki1 el dol. Glücklich, der sich so hineinleben kann in das Gefühl der Armen, der Verständnis zeigt für sein Gemüt. Diesen gehörte jede freie Zeit in seinem auch sonst vielbeschäftigten Leben, diesen stand seine Tür weit offen. Er war ihnen ein wahrer Segen; nicht nur in seiner amtlichen Stellung, sondern er verstand es auch, um ein Wort unserer Zeit-zn gebrauchen, alles für die Wohltätigkeit zn mobilisieren. G-odaul kainmeasse jauser min köausse. In solcher Weise andere zum Guten, znm Mitempfinden und zur Mithilfe zu veranlassen, fällt noch schwerer in die Wagschale als das, was der Einzelne zn leisten vermag. Unermüdlich, aber auch unverdrossen half er; was der Gabe ihre Bitterkeit nimmt, die Liebe nämlich, mit der gegeben wird, die brachte er ihnen entgegen. Ein Jahr ist vorüber, daß Dr. Gustav Kohn nicht mehr in unserer Mitte. Von unserem Richter Simsou erzählt die Bibel an einer Stelle: Wajischpant es jisroil bime peliscktim essrim sckonoh er richtete Israel' in den Tagen der Philister 20 Jahre; und nach Erzählung seines Todes berichtet sie ein zweites Mal: Weku sckopkat es jisroel esrim sckonok. Er hat Israel 20 Jahre gerichtet. Wie lange war er nun eigentlich Priester, 20 oder 40 Jahre? Da erklären unsere Weisen, die 20 Jahre des Lebenswirkens Simsons hätten so nachgewirkt, daß auch die Zeit nach seinem Tode unter dem Eindrücke seiner Persönlichkeit stand, daß noch 20 Jahre später die Wirkungen seines Richteramtes fortdauerten. Auch Dr. Gustav Kohn war ein stärker Simson; viel hat er auf sich genommen und hat, stark überlastet, alles