Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 28 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 28. Paul, der Landmann oder der Holzfäller? Komme mit mir in die Stadt, wo viele wohlhabende Leute wohnen, die an deinen Waren Gefallen finden und diese werden dir deinen Kram abkaufen". Ebenso verhielt es sich mit Gott. Als Moses in den Himmel kam, sah er die Attribute Gottes: Milde, Gnade. Langmut. Versöhnung n. dgl. Da ries er: „Allmächtiger! Wozu nützen denn all' die schönen Eigenschaften hier im Himmel unter den Engeln, die, jeder Sünde und Untnguug^ bar, deiner Gnade nicht bedürfen? Komm, bitte, unter uns und da wir als Menschen Fehler besitzen, so werden deine schönen Attribute Anwendung finden, Nutzen bringen. Wohl wahr, die Juden besitzen Untugenden, Fehler, Sünden, so wandelt unter uns, Ihr gottgesegneten Männer, denen die Kraft zuteil ward, diese Fehler abzuschaffen, so traget nicht Eure Kräfte hin, wo mau derselben nicht so sehr bedarf, wo man diese gar nicht wünscht. Ja, wir sind ein armes, sündhaftes Voll, aber Ihr habt uns arm unq sündhaft gemacht, weil ihr unsere Kraft uns veruntreut habt, weil Ihr sie um ein Linsengericht, lim ein Ehrenkraut verschachert habt. Ihr könnt bei uns nicht bleiben, weil wir ohne Hände nicht malen können. Ihr, Ihr, unsere Hände und Füße und Zungen, reißt euch von uns los und spottet dann unserer Schwäche! Das Judentum war die Quelle Euerer Kraft, der Mimirsbrunneu, woraus Ihr Euren geistigen Inhalt schöpftet, die Vorsehung hat euch zu Hütern seines Weingartens bestellt, aber Ihr hütetet und pflegtet fremde Weingärten. Zum Glücke ist Io almon jisroel, ist Israel nicht verwaist, hat es noch treue Männer, die zu ihm stehen, die ihm ihre Kräfte weihen, die ihm Hände und Füße sind, für es sagen und singen, denken und dichten, malen und komponieren, schaffen und kämpfen, welche — um mit dem klngemDubnoer Magid zu redeu — ihre Gnade und Milde, ihr Wissen und Können, ihrem eigenen Volke spenden, bereu es, w^e alle Böller der Erde, bedarf, um es zu erziehen, zu kultivieren, zu heben, gerade wie es Mäuner anderer Nationen tun. Jelech no bekirbenu! Kommet doch alle zu uns zurück, studieret unsere Fehler und suchet diese abzuschaffen, damit niemand mehr sagen könne: „Israel ist arm und verkümmert." N. Lothringer. klar werden wird, daß der Kollektivismus stets der Beherrscher des Individualismus werden muß! Daher sei bei der Grundsteinlegung zu diesem Monumentalgebäude eines alten Fehlers gedacht, der bei der Gründung der Kultusgemeinde zur nachmärzlicheu Zeit begangen und bis auf den heutigen Tag nicht gutgemacht wurde! — Es ist dies die ungeklärte Position des „Boten der Gemeinde" — Scheliach - Zibbur — dem man seinerzeit das unzutreffende Prädikat „Kantor" beigelegt hatte, um gerade einen „Deutschen Namen" für den „Chasen" zu finden. Seit der Einführung des modernen Gottesdienstes durch den verewigten Oberkantor Prof. Salomon Sulzer in Wien verlangt man mit Recht, daß der Kantor außer der gründlichen Kenntnis der hebräischen Sprache und der Liturgie ein guter und korrekter Sänger, überhaupt musikalisch geschult sei; Intelligenz und angenehme Umgangsformeu werden vorausgesetzt. Tatsache ist, daß gegenwärtig mehrere Kantoren im gemeinschaftlichen Heere als Offiziere hervorragende Dienste leisten, also ein Stand, der ans eine soziale Stellung Anspruch erheben darf usw. Und trotzdem ist die Stellung dieses Trägers des Gottesdienstes, ohne dessen Funktion ein zeitgemäßer Gottesdienst undenkbar ist. in der Knlrnsgemeinde ganz ungeklärt. Die Staatsbehörden — mit Ausnahme des Steueramtes — wissen nicht das Mindeste von der Leistung uud Bewertung des Kantors. Sie wissen nur, wenn die Rede vom jüdischen Kantor ist, daß er singen kann, etwa wie der Regenschori in der Kirche— was doch grundfalsch ist. Freilich wird man einwenden, daß nicht alle Kantoren auf einem gleichen Bildungsniveau stehen . . . Aber gerade deshalb soll bei der Ausgestaltung der Relihionsgenosseuschaft darauf gesehen werden, daß bei der Eröffnung von Kantoren schulen nur erstklassige Bildner der Eleven mit den Studien aller Fächer betraut werden, daß nur intelligente und wahrhaft stimmbegabte Zöglinge Aufnahme finhen. Allein die Stellung des Kantors (zweckmäßig wäre die Abänderung des Titels) in den Knltusgemeinden soll festgelegt werden und den Staatsbehörden von dessen Eigenschaften bekanntgegeben, damit es nicht wie in letzter Zeit geschehe, daß z. B. die k. k. Militärbehörde versichere, daß ihr der Kantor der Kultusgemeinde eine ganz unbekannte Persönlichkeit sei.*) Die Ansgcftaltimg der israelitische« Keligia«sgesellschast. Bon Oberkimtor Armin Wilkowitsch, Eger. Noch wütet der entsetzliche Krieg in unverminderter Kraft und Härle, man weiß nicht von wo die erlösende 'Glättung der erbosten Wellen des Völkerhasses kommen soll. Allein aus der Arche der politischen Fraktionen wird bereits die Taube ausgeschickl, um zu sehen, wie der Boden nach der verheerenden Süudflnt des Weltkrieges aussieht. Jetzt schon will sich jede Partei ein sonniges Plätzchen auf Gottes Erdboden sichern! Wer kann es auch der hartgeprüften Menschheit, die freudigen Herzens Gut und Blut dem Vaterlande opferte, verargen, wenn sie für den Ausbau einer glücklichen Zukunft Vorarbeiten trifft? Aber wir Juden haben so ipso Grund, uns für die kommenden Friedenszeiten zu wappnen, denn unsere dargebrachten Opfer au dem Altar des Vaterlandes fanden nur selten Anerkennung. Und darum muß jeder Jude das Zustandekommen des Organisatiousplanes, der vom Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern in die Wege geleitet wurde, aus das herzlichste begrüßen! Wie wir unsere Zukunftspläne auf den Grundpfeiler: „Die Gerechtigkeit und die Wahrheit muß siegen!" aufbauen, so hoffe» wir, daß Verunft uud Einsicht auch in unseren Lagern sich durchriugen werden, so daß alle religiösen Schattierungen sich zusammenschmieden werden, um ein einiges Judentum in Bezug der Ausgestaltung der Religionsgenosseuschaft zu finden, daß den maßgebenden Faktoren Eine mter>mtimml-k«mfessto«ette Arbeitsfragc. Zwei an und für sich minder bedeutende Tagesereignisse der letzten Zeit, und zwar ein Zeitungsartikel und eine gerichtliche Entscheidung haben mir die Anregung der Behandlung des oben augedeuteten Themas gegeben. Zuerst war es ein Artikel der „ lieuen Freien Presse" ^.vom 2. August d. I.: „Znm Ostjudenproblem" von Dr. Alfred Stern. Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, in welchem zum Schluffe die von der obersten Militärverwaltung im Okkupationsgebiet von Russisch-Polen anläßlich der letzten Pfingsten erlassenen Kundmachung bezüglich Feiertagsruhe für Militärpersonen näher besprochen wurde. Diese militärische Publikation hatte in ihrer Ileberschrift folgenden Wortlaut: „Feiertagsruhe für Militärpersoneu" im Monat Juni je nach den verschiedenen Konfessionen, Katholiken, Altkatholiken, Griechisch-Orthodoxen und Israeliten, betreffend der Pfingstfeiertage und der Jslämen, betreffend der Ra- *) Der geschätzte Autor ist im Irrtum, wen» er auuimmt, daß die Behörden über de» Kantor nicht genügend informiert sind. In wiederholten Eingaben und Vorstellungen hat der „Oesterr.-ungar. Kantoren-Berein" die verschiedenen Ministerien und auch die Militärbehörden über Bedeutung und Stellung des jüdischen Kantors ansgeklärt, aber leider haben all' diese Bestrebungen zur staatlichen Anerkennung des Trägers des Gottesdienstes bei den Kultusgemeindeu selbst die größten Hemmungen erfahren. Vielleicht wird?s' jetzt bei Gründung der jüdischen Gesamtorganisation gelingen, diese Widerstände zu besiegen. An der Einleitung der nötigen Schritte hat es der „Oesterr.-ungar. Kantoren-Berein" auch diesmal nicht fehlen lassen. Die Redaktion.